Enrico Scacchia
Der Ex-Boxer unterliegt wieder

Der Berner Ex-Boxer Enrico Scacchia kämpft nur noch mit Behörden. Immer wieder steht er vor Gericht. So auch gestern. Und wieder hat er verloren.

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Enrico Scacchia

Enrico Scacchia

Solothurner Zeitung

Johannes Reichen

Wieder hätte er ein Urteil über sich ergehen lassen müssen, eines von vielen mittlerweile. Doch Enrico Scacchia nahm das Angebot des Richters an. Er könne den Saal verlassen, hatte der Richter gesagt, wenn Scacchia sich nicht setzen wolle, damit die Sache zu Ende gebracht werden könne. Und Scacchia ging durch die beiden Türen aus dem Gerichtssaal 3 am Berner Obergericht. Es war das zweite Angebot gestern Morgen.

Scacchia, ehemals ein bekannter Boxer, hatte noch mitbekommen, dass das Obergericht das erstinstanzliche Urteil bestätigte. Am 1. April dieses Jahres wurde er zu einer unbedingten Geldstrafe von 500 Franken verurteilt wegen mehrfacher Beleidigung. Aber er hatte nicht mehr mitbekommen, wie das Obergericht dies begründete. Auch ein Unbefangener, sagte der Richter, könne den Sinn der Worte beim besten Willen nicht missverstehen.

Wiederholt Beschimpfungen

Scacchia hatte der Berner Regierungsstatthalterin Regula Mader wiederholt Faxe geschickt und sie darin als «Hure» und dergleichen beschimpft. Im Herbst vergangenen Jahres hatte Mader Scacchia deswegen angezeigt.

Nicht, dass Scacchia den Tatbestand bestritten hätte. Doch gestern bekräftigte er erneut, diese Worte seien nicht so zu interpretieren, wie sie der Volksmund verstehe, also nicht emotional, sondern gemäss der «deutschen Wortkunde». Der erstinstanzliche Richter habe nicht sachlich entschieden, darum habe er gegen das Urteil appelliert.

Es war eine neuerliche Niederlage im Gerichtssaal für den ehemaligen Boxer. Im vergangenen Jahr bestätigte das Obergericht ein erstinstanzliches Urteil. Auch damals ging es um Beschimpfungen an die Adresse Maders. Und schon im Jahr 2002 wurde er vom Obergericht verurteilt, weil er den Präsidenten der Berufsboxkommission bedroht hatte und gegenüber Polizisten ausfällig geworden war.

Lange Auseinandersetzung

Offenbar im gleiche Jahr findet sich der Ursprung der Auseinandersetzung mit Regierungsstatthalterin Mader. 2002 hatte sie einen fürsorgerischen Freiheitsenzug gegen den Ex-Boxer verfügt. Scacchia wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Auch wurden im später seine Kinder entzogen.

Erfolgreicher Boxer

Der 46-jährige Scacchia lebt in Bümpliz und von einer IV-Rente. Er hat gesundheitliche Probleme, die vom Boxen herrühren. Aus ebendiesen Gründen wurde ihm denn auch vor fast 20 Jahren die Profilizenz verweigert.

Es war das Ende einer zeitweise sehr erfolgreichen Karriere. Bis 1985 erlitt der «schöne Enrico», wie er zuweilen genannt wurde, in fast 30 Profikämpfen nur eine Niederlage, am 26. Dezember 1983 im Berner Kursaal. Doch am Stephanstag drei Jahre später konnte sich der italienisch-schweizerische Doppelbürger nach einem harten und unentschiedenen Kampf an nichts mehr erinnern.

Ein Leben für die Bühne

Das Leben von Enrico Scacchia wurde sogar zu einem Bühnenstück. Daniel Ludwigs «Der Boxer», 1996 am Berner Stadttheater uraufgeführt, ist dem ehemaligen Sportler gewidmet, der im Ring meistens gewonnen hat.

Gestern, im Gerichtssaal, wäre das Eingeständnis der Niederlage jedoch wie ein Sieg gewesen für Enrico Scacchia. Er hätte nur das erste Angebot des Richters annehen müssen. Ob es nicht schlauer wäre, fragte er, wenn Scacchia das erste Urteil wie ein Sportsmann akzeptiere - wie ein Boxer, der mitunter schlägt, und auch mal austeilt. Doch Enrico Scacchia wollte nicht.