BH
Damit sich Berge erheben

Einst aus der Not heraus erfunden, ist der BH seit 100 Jahren eine weltweite Erfolgsstory. Obwohl ihn nur 30 Prozent der Frauen auch wirklich tragen.

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Damit sich Berge erheben
11 Bilder
BH als Kunstobjekt
BH um 1900
Madonna im Korsett 1990
BH auf dem Bundesplatz während einer Kundgebung
Dita Von Teese mit Riesen-BH
BH im Militärlook

Damit sich Berge erheben

HO

Roland Mischke

Nicht selten täuscht er falsche Tatsachen vor. Aber das ist durchaus erwünscht, auf weiblicher und erst recht auf männlicher Seite. Der BH soll das, was er sanft gepolstert ummantelt, bedecken – aber auch anheben.

Was wäre Filmstar Marilyn Monroe ohne ihre zwei spitz zulaufenden Körbchen gewesen? Ein Starlet wie Tausende andere. Wann wurde die am meisten beliebte BH-Grösse bekannt? Als sich Liz Taylor 1950 mit kokett hinter dem Kopf verschränkten Armen in einem weissen Prachtstück 80 C ablichten liess, heute die Durchschnittskörbchengrösse.

Was verursachte Staus, Auffahrunfälle in Serie und nächtliche Klauaktionen? Als 1994 das blonde Model Anna Nicole Smith in westlichen Grossstädten nach vorn gebeugt einen so genannten Spets-BH in zarter Spitze mitsamt proper gefülltem Inhalt dem Betrachter entgegenhielt. Und was war 2001 der Hingucker im Unterwäsche-Kosmos? Heidi Klum mit einem BH aus 90-karätigen Diamanten im Wert von 12,5 Millionen.

Das Korsett war für die Erotik lästig

Bis 1910 trug Frau Korsett oder Mieder und war darin wie eine Puppe eingeschnürt. Atemnot war die Folge, Gleichgewichtsstörungen und Fehlhaltungen kamen hinzu. Für die Erotik war solch ein zugeknöpftes Unterwäschestück eher lästig. Der norwegische Schriftsteller Knut Hansum wurde berühmt mit seiner Novelle «Hunger», in der er die Unerträglichkeit des Minuten dauernden Aufknöpfens des Korsetts seiner Geliebten beschreibt, bis endlich der letzte Knopf aufgezupft war.

Mary Phelps-Jacobsen, Studentin in New York, wollte vor hundert Jahren zum heiss ersehnten Debütantenball der Gesellschaft kein Korsett tragen. Bauch und Taille sollten nicht einzementiert sein. Zwar mussten ihre Brüste bedeckt sein, aber eben bequem. Die 19-Jährige experimentierte vor dem Spiegel mit zwei Tüchern, an die sie Bänder genäht hatte. Sie schob die simple Kreation so geschickt über ihre Oberweite, dass diese komfortabel gehalten wurde.

Seither gilt Mary Phelps-Jacobsen als Erfinderin des Büstenhalters, was vor allem auf ihre Geschäftstüchtigkeit zurückgeführt wird. 1912 war er serienreif, 1914 liess sie ihre Entwicklung patentieren. Kurze Zeit später verkaufte sie das Patent an die Filmindustrie, die Warner Brothers Corset Company erwarb den ersten BH für 1500 Dollar, schon seinerzeit eine ordentliche Summe. Bereits 1889 hatte die Französin Herminie Cadolle ein «Brustleibchen» erfunden, der Deutsche Hugo Schindler folgte 1891 mit dem «Brusthalter», der, weil sich die Brustwarzen nicht abzeichneten, als «Brustverbesserer» durchging.

Nur 30 Prozent der Frauen tragen ihn

Der BH hat sich weltweit durchgesetzt, obwohl ihn nur rund 30 Prozent der mehr als drei Milliarden Frauen tragen. Nicht allen steht er gleich gut, vor allem weil er oft zu klein ist und Brustfleisch überquillt. Geklagt wird auch, dass die Bügel-BH zu eng seien und zwicken. Das liegt aber ausschliesslich daran, dass 70 Prozent der Trägerinnen – so die Hersteller – nicht wissen, welche Grösse sie brauchen.

In der Lexikonsprache besteht ein Büstenhalter aus zwei geformten, miteinander verbundenen «Cups» zur Aufnahme der Brüste. Die über beide Schultern führenden Träger verhelfen zur vertikalen, das am Rücken verschliessbare Band zur horizontalen Stabilisierung. Schulterträger und Rückenteil lassen sich zur Feinanpassung verstellen. Als optimaler Passsitz gilt, dass unter dem Rückenband zwei Finger Platz haben.

Mit zunehmendem Alter und nachlassender Elastizität des Bindegewebes folgen die Brüste der Schwerkraft. Aber kein Hersteller würde heute mehr wagen, für seinen BH so zu werben, wie es 1919 eine Firma in Annoncen tat: «Festigt welke Formen verblüffend.»

Immer mehr Modelle mit Spass-Faktor

Heute trumpfen die Wäscheunternehmen mit Modellen auf, die entweder zur optischen Fülle kleinerer Brüste verhelfen oder zur Modellierung des Décolletés. Der Push-up-BH vergrössert, der Minimizer-BH gaukelt eine optische Verkleinerung vor. Der «Freedom Bra», erst seit 2007 im Handel, verhilft dem extra grossen Naturbusen zum ansehnlichen und nicht furchteinflössenden Anblick.

In jüngster Zeit sind mehr und mehr Sondermodelle mit Spass-Faktor im Angebot. Seit 2009 können Verlobte in den Braut-BH eine kleine Uhr einmontieren lassen, die die Stunden bis zum Hochzeitstermin zählt. Lady Gaga liess einen Feuerwerks-BH auf der Bühne puffen und knallen. Und zur Fussball-WM in Südafrika kam das Modell mit den zwei Halbbällen-Körbchen. Der BH ist immer wieder ein Hingucker, dazu wurde er schliesslich vor einem Jahrhundert erfunden.