Borregaard

Borregaard: Ein Jahr nach dem Ende

Die Zellulosefabrik Borregaard steht seit November 2008 still: Jetzt werden für Maschinen und Anlagen Käufer gesucht, was auf dem riesigen Areal dereinst entstehen soll, bleibt vorerst offen. (Bild: Felix Gerberr)

Borregaard

Die Zellulosefabrik Borregaard steht seit November 2008 still: Jetzt werden für Maschinen und Anlagen Käufer gesucht, was auf dem riesigen Areal dereinst entstehen soll, bleibt vorerst offen. (Bild: Felix Gerberr)

Zwei Ehemalige – ein Mitglied der Geschäftsleitung und ein Schichtleiter – blicken zurück und reden über ihre Emotionen.

Franz Schaible

«Rational nein, emotional ja», antwortet Erich Winistörfer auf die Frage, ob die Schliessung von Borregaard für ihn überraschend kam. Der 47-jährige Maschineningenieur ETH trat am 1. Mai 2005 als Leiter Instandhaltung und Mitglied der Werksleitung in die Tochterfirma der norwegischen Borregaard ein. Zwei Jahre später wurde Winistörfer zum Leiter Operation (Betriebsleiter) ernannt und nahm in dieser Funktion in der Geschäftsleitung Einsitz.

Schon im Sommer 2007 habe sich das Aus für die Zellulosefabrik in Luterbach abgezeichnet. Zwar sei in den Quartalen bis Sommer 2008 «gutes Geld» verdient worden. Doch die Konstellation - steigende Holzpreise und sinkende Zellulosepreise - habe wieder zu Verlusten geführt und damit das Ende des Standortes Luterbach definitiv besiegelt. Ob der Schliessungsentscheid richtig oder falsch war, mag Winistörfer nicht beurteilen. «Betriebswirtschaftlich betrachtet war der Entscheid aber vernünftig.»

Als Mitglied der Geschäftsleitung sei er zwar zur Loyalität gegenüber den Aktionären verpflichtet gewesen. Mit dem harten Schliessungsentscheid habe er sich nicht abfinden können; zumal er glaubte, dass einzelne Bereiche wie etwa die Hefefabrik durchaus noch Überlebenschancen gehabt hätten. «Die Loyalität kennt Grenzen. Ich kann nicht alles, was ich nicht gut finde, vertreten.» So sei es nach unterschiedlichen Auffassungen zur Trennung gekommen und er sei freigestellt worden.

Gleichzeitig will Winistörfer nun nicht alle Schuld an Borregaard zuschieben. Seiner Meinung nach habe das Unternehmen zu lange - also schon vor der Zeit der Norweger - nur von der finanziellen Substanz nach dem Verkauf von Tela und Hakle gelebt. Auch Borregaard habe es dann unterlassen, jährlich Rückstellungen im Umfang von zig Millionen Franken für die stetige Erneuerung des Anlagenparks zu tätigen.

Dadurch habe sich letztlich ein immenser Investitionsbedarf aufgebaut. «Es war klar, dass das Geld für die Erneuerung gar nicht mehr zu erwirtschaften war.» Deshalb sei es zum Ende gekommen. «Borregaard hatte keinen Spielraum mehr. Eine Strategie war nicht erkennbar», meint GL-Mitglied Winistörfer durchaus selbstkritisch.

Keinen Einfluss habe er auf die Kommunikationspolitik des Unternehmens gehabt. «Diese war mangelhaft und hatte nur das Ziel, möglichst wenig zu sagen.» Dies habe zu einer grossen Verunsicherung und einer intensiven Gerüchteküche in der breiten Öffentlichkeit und insbesondere im Betrieb geführt. Dies habe sogar zur Folge gehabt, dass es schwierig gewesen sei, für die Fabrik in Luterbach neues Personal zu finden.

Obwohl ihm der Weggang nicht leicht gefallen sei und er viel Engagement in Boregaard investiert habe, hat Erich Winistörfer, Vater von zwei Kindern, das Drama um die Werksschliessung inzwischen überwunden. Dazu beigetragen hat auch, dass er nahtlos einen neuen Arbeitsplatz gefunden hat. Seit Anfang März 2009 arbeitet er beim Vepackungsspezialisten Nyco in Kirchberg als Leiter der Produktion.

Diese Ferien im September 2008 wird Thomas Meyer nie mehr vergessen. Im sonnigen Spanien erfuhr er damals, dass «seine» Fabrik geschlossen wird. «Ein Arbeitskollege hat mich per SMS orientiert, dass die Borregaard in Luterbach geschlossen wird», erinnert sich der heute 49-jährige Meyer. Damit war die gute Ferienstimmung dahin.

Statt nach zwölf Tagen kehrte er mit seiner Familie schon nach neun Tagen zurück. «Ich hatte Angst vor der Zukunft, denn mir war klar, dass es nicht einfach sein wird, in meinem Alter eine neue Stelle zu finden.» Doch Thomas Meyer machte sich erfolgreich auf die Suche und fand nahtlos einen neuen Arbeitsplatz.

Am 1. Dezember 1995 hatte Thomas Meyer als Schichtmitarbeiter bei der Zellulosefabrik Attisholz begonnen. Auf den 1. August 2001 wurde er zum Senior Operator (Schichtleiter) in der Kocherei befördert, wo er für die Überwachung und Kontrolle des Produktionsablaufes verantwortlich zeichnete. Die Kocherei - im so genannten Holzaufschluss wurde aus den Holzschnitzeln die späteren Produkte Zellulose, Lignin, Hefe und Ethanol ausgekocht - bezeichnet Meyer als «Herz der Fabrik». Mit viel Herzblut habe er für eine reibungslose Produktion gesorgt.

Nach den vielen Jahren habe er die Anlage in- und auswendig gekannt. In den letzten Jahren sei es aber zu sehr vielen Stellenwechseln gekommen, dabei sei jeweils viel berufliches Know-how verloren gegangen. Umso mehr sei persönlicher Einsatz gefordert gewesen. «Ich war eigentlich immer auf Abruf, um Pannen oder Störungen zu beheben.»

Nicht zuletzt deshalb habe er die Schliessung als «sehr schlimm» empfunden, blickt er zurück. Aber auch Thomas Meyer glaubt, dass eine Rettung der Fabrik wohl kaum mehr möglich gewesen wäre. Sowohl Anlagen wie Bauten hätten sich in «einem absolut desolaten Zustand» befunden. Es sei jeweils nur das Nötigste gemacht worden. Dringende Investitionen seien aber nicht erst in der «Borregaard-Zeit» unterlassen worden, sondern schon vor zehn Jahren habe es damit gehapert.

Für ihn ist aber die Ungewissheit am schlimmsten gewesen. Schon seit Jahren war spürbar, dass etwas nicht stimmt. «Innerlich habe ich gewusst, dass es ein Ende haben wird.» Wiederholt habe aber die Geschäftsleitung beteuert, es gehe aufwärts, letztmals noch im Sommer vor der Schliessung. «Wir haben uns schon betrogen gefühlt.» Und: «Die nervliche Belastung war gross. Es brauchte viel psychische und physische Kraft.» Gefehlt habe seitens der Unternehmensführung eine transparente Informationspolitik.

Bis Ende Januar 2009 war Thomas Meyer bei Borregaard angestellt. Seit Februar arbeitet er in der Kebag als Schichtmitarbeiter in der Überwachung der Anlagen und im Unterhaltsbereich. Nur einen Monat nach der erhaltenen Kündigung hatte er den Vertrag für den neuen Arbeitsplatz auf dem Tisch: «Das war für mich wie ein Sechser im Lotto», sagt er lachend. Das Kapitel Attisholz sei für ihn nun abgeschlossen. Im Gespräch kann er aber seine Emotionen nicht verbergen. Er war ein «Attishölzler».

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