Rosmarie Mehlin

Der Badener Gerichtssaal war zum Bersten voll und die Luft wurde im Laufe der über neunstündigen Verhandlung immer stickiger. Nebst zehn Medienleuten und Angehörigen des Opfers verfolgten vor allem rund 30 Polizistinnen und Polizisten den Prozess. Denn auf der Anklagebank sassen zwei ihrer Kollegen von der Regionalpolizei Rohrdorferberg-Reusstal, der 41-jährige B. und der 29-jährige K. Sie waren beschuldigt der fahrlässigen Tötung.

Bei einer Intervention im September 2007 war in Fislisbach ein 41-Jähriger zu Tode gekommen. Der an Schizophrenie leidende A. hatte einen psychotischen Schub erlitten, hatte unter anderem Gegenstände aus dem Fenster geworfen, eine Steckdose aus der Wand gerissen und eine WC-Schüssel zertrümmert. Weil er sich weigerte, seine Medikamente einzunehmen und sein Zustand immer unkontrollierbarer wurde, hatte die Mutter von A. in den frühen Morgenstunden die Polizei aufgeboten.

Zu späte angemessene Schulung

Nachdem die als Erste eingetroffenen Repol-Beamten B. und K. zunächst ruhig auf A. hatten einreden können, war der 41-Jährige plötzlich völlig ausgerastet: Er sprang aus dem Fenster, bedrohte die nachgeeilten Polizisten mit einem Brett, schlug und schrie um sich. «Ich hatte so etwas noch nie zuvor erlebt gehabt», sagte gestern B., seit 15 Jahren Polizist.

Er und sein Kollege K. hatten beim Kampf mit A. diverse, teilweise schwere Prellungen, Kratzwunden und Schürfungen erlitten. Schliesslich hatten sie A. aber überwältigen, bäuchlings auf den Boden drücken und seine Hände auf dem Rücken fesseln können. Als Minuten später die Ambulanz eintraf, war A. tot.

Der rechtsmedizinische Gutachter stellte fest, dass ein «lagebedinger Erstickungstod» vorlag. Gestern schilderte der Fachmann dessen Umstände: Der psychische Ausnahmezustand, in dem A. sich befunden habe, setzte nicht nur ungeahnte Kräfte frei, sondern habe beim Betroffenen auch einen stark erhöhten Sauerstoffbedarf zur Folge.

Der emeritierte Professor betonte, dass er nach einem aufsehenerregenden Fall von «lagebedingtem Erstickungstod» aus dem Jahre 2001 in Bern die Instruktoren verschiedener Polizeikorps, auch jene im Aargau, entsprechend geschult habe: «Jemand darf nur so kurz wie irgend möglich am Boden fixiert werden, danach muss er möglichst rasch in eine Lage - sitzend oder seitlich liegend - gebracht werden, die normale Atmung ermöglicht.»

Im Verlaufe der Verhandlung vor Einzelrichterin Andrea Staubli aber machten die Aussagen sowohl von zwei als Zeugen vorgeladenen Kantons- und zwei Kommunalpolizisten wie auch der beiden Beschuldigten klar, dass sie allesamt erst nach dem bedauerlichen

Vorfall von Fislisbach explizit und umfassend über den «lagebedingten Erstickungstod» informiert und in dessen Vermeidung geschult worden sind.

Zum Schusswaffeneinsatz berechtigt

Der Beschuldigte K. sagte aus, dass er A. nicht mittels Pfefferspray habe ruhigstellen können, nachdem dessen Mutter ihn auf das Asthma ihres Sohnes aufmerksam gemacht hatte. «Wir waren in einer bedrohlichen Lage und nach dem Kampf erschöpft. Es ging auch um unser Leben. Wir mussten ihn auf den Boden bringen», sagten die beiden Beschuldigten einhellig aus.

Nach dem Vorfall hatte der damalige Kommandant Léon Borer gesagt, «die beiden Beamten wären ohne weiteres zum Einsatz ihrer Schusswaffen berechtigt gewesen».

Nach dem Grundsatz «Im Zweifel für das Härtere» war die Staatsanwältin rechtlich verpflichtet, Anklage zu erheben. Vor Schranken aber plädierte sie gestern für einen Freispruch: B. und K. hätten weder ihre Sorgfaltspflicht missachtet - «denn sie verfügten über keine adäquate Ausbildung» - noch den Tod von A. voraussehen können. Der Verteidiger, der selbstverständlich auch auf Freispruch plädierte, forderte eine angemessene Entschädigung für die beiden Beamten. Das Urteil wird heute eröffnet.