Angler gerät an den Haken der Justiz

Die Bestimmungen des Tierschutzes können auf den ersten Blick paradox anmuten: Weil Andreas Berzins den Riesenwels, den er an Land zog, nicht tötete und wieder freiliess, bekommt er eine Strafanzeige an den Hals.

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Aargauer Zeitung

Urs Moser

Am Dienstag berichtete diese Zeitung von einem spektakulären Fang: Hobbyfischer Andreas Berzins zog im unteren Aaretal unterhalb des Kraftwerks Klingnau einen 164 Zentimeter langen Wels an Land. Einen solchen Brocken hatte er dort noch nie beobachtet, die Welse begannen sich erst nach dem Jahrhundertsommer 2003 im Rhein und unteren Aaretal zu verbreiten.

Stolz posierte Andreas Berzins mit dem Prachtfisch. Das hätte er lieber sein lassen. Denn jetzt wird gegen ihn Strafanzeige eingereicht. Nicht, weil er den Riesenwels verbotenerweise gefangen hätte, sondern weil er ihn nach dem Fototermin wieder ins Wasser setzte. Das verstösst gegen die Bestimmungen der eidgenössischen Tierschutzverordnung. Rolf Acklin von der kantonalen Sektion Jagd und Fischerei erklärt auf Anfrage zu einem Bericht von Radio DRS, es sei eigentlich keine Frage, dass man gegen den Angler einschreiten müsse. In Abklärung sei noch, ob es an der Jagdverwaltung oder am kantonalen Veterinärdienst liege, Strafanzeige einzureichen. Mehrere Fischer, die das Bild mit dem Riesenwels in der Zeitung sahen, hatten bei der Sektion Jagd und Fischerei interveniert.

Wer angelt, will Beute machen

Einen Fisch freizulassen, statt zu töten, soll Tierquälerei sein? Die Tierschutzbestimmung wolle das so genannte «catch and release» unterbinden, das Fischen, ohne wirklich einen Fisch fangen zu wollen, erklärt Rolf Acklin, selber Hobbyangler. Zum Angeln gehöre die Absicht, Beute zu machen. Angeln bloss um des Vorzeigens einer Trophäe willen sei nicht der Gedanke der Fischerei.

Zumindest der Laie wird im Artikel 23 der Tierschutzverordnung allerdings einen Gummiparagrafen sehen. Zwar heisst es dort klar: Verboten ist «das Angeln mit der Absicht, die Fische wieder freizulassen». Aber: Geht einem Angler der falsche Fisch an den Haken, einer, für den er nun einmal keine Verwendung hat, ist das Zurücksetzen ins Wasser toleriert.

Und der Arzt Andreas Berzins, welcher der Fischerei seit 30 Jahren nachgeht, hatte an diesem Montagmorgen eigentlich auf einen Hecht gehofft und wollte gar keinen Wels fangen. Dass er nun für sein seltenes Anglerglück büssen soll, leuchtet Andreas Berzins deshalb nicht ein. «Was soll ich mit so einem Riesenfisch, man müsste ja 30 Leute einladen, um ihn zu essen.» Hotels und Restaurants hätten auch kein Interesse an Wels, also habe er das Tier halt wieder ins Wasser gesetzt.

Kein waidgerechtes Verhalten

Bei der kantonalen Behörde sieht man den springenden Punkt woanders. Einen Fisch an Land zu ziehen, auszumessen, zu wiegen und mit ihm für ein Foto zu posieren, bevor man ihn wieder in sein Element entlässt, das sei ganz bestimmt nicht tiergerecht, sagt Rolf Acklin. Ein nicht beabsichtigter Fang sei im Prinzip noch im Wasser, jedenfalls schnellstmöglich vom Haken zu befreien und loszulassen oder dann eben waidgerecht zu töten. Was dem Prachtwels im unteren Aaretal widerfuhr, falle dagegen unter das verpönte «catch and release», und das sei nun einmal ganz klar verboten.

«Das ist mir eine Busse wert»

Ein Präzedenzfall im Aargau ist bei der Jagd- und Fischereiverwaltung nicht bekannt, die neue Tierschutzverordnung ist auch erst seit September 2008 in Kraft. Sollte er wirklich bestraft werden, nimmt der leidenschaftliche Angler Berzins das gerne in Kauf. Er gibt durchaus zu, sich bewusst gewesen zu sein, dass das Posieren mit dem lebendigen Fisch rechtlich heikel war. «Aber dieses einmalige Erlebnis ist mir eine Busse wert», so Berzins.

Wenig Verständnis für diese Haltung zeigt man beim kantonalen Fischereiverband. Die Gesetzgebung sei nun einmal zu respektieren, auch wenn man von Fall zu Fall vielleicht über Sinn und Zweck geteilter Meinung sein könne, sagt Präsident Hans Brauchli. Das Catch-and-release-Verbot beuge unsinnigen Wettfischerei-Veranstaltungen vor. Im Übrigen sei so ein Wels ein Riesenräuber, den hätte er sowieso nicht wieder ins Wasser gelassen, so Brauchli.

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