Burgdorf

Alzheimer: Wenn die Gedanken im Nebel versinken

Im Chalet Erika sollen sich die Bewohner wie zu Hause fühlen. jpw

Im Chalet Erika sollen sich die Bewohner wie zu Hause fühlen. jpw

Pro Senectute betreut Menschen mit Alzheimer, dieser schleichenden, tückischen Krankheit, in einem ehemaligen Sterbehospiz, das von einer Stiftung von Exit ins Leben gerufen wurde.

Da war diese Frau, 59 Jahre alt, immer war sie unterwegs, bei Wind, Regen oder Schnee. Sie lief bis zu acht Stunden am Tag, sechs Jahre lang – trotzdem kam sie nicht vom Fleck, das war ihr egal, irgendwie. Auf dem Rasen entlang des Gitters und im Garten entstanden Trampelpfade. Beat Bögli, Leiter der Station Chalet Erika, hat ausgerechnet, dass die Frau etwa 60'000 Kilometer zurückgelegt haben musste, anderthalbmal um die Erde, immer im Kreis. Vor fünf Jahren ist sie gestorben.

Schleichend umhüllt Alzheimer seine Opfer, wie Nebel an einem kalten Novembermorgen. Tückisch ist diese Krankheit, denn vergessen tut jeder, gerade im Alter. Einige vergessen aber Namen, die sie immer gewusst, Gesichter, die sie immer gekannt hatten. Bis sie nicht einmal mehr wissen, wer sie selber sind und woher sie kommen. Die Medizin forscht fiebrig an neuen Medikamenten, doch es ist schwierig, ein krankes Gehirn zu heilen.

Viele Patienten werden zu Hause zur Last, sie kommen in Heime, werden rund um die Uhr betreut. Eines dieser Heime ist das Chalet Erika des Wohnparks Buchegg in Burgdorf. Träger ist der Verein Pro Senectute Amt Burgdorf. Es ist ein geschichtsträchtiges Haus, dessen Verwendungszweck dem früheren so fremd gar nicht ist: Die Villa Margaritha, wie es damals hiess, war ein Sterbehospiz einer von Exit ins Leben gerufenen Stiftung.

Sterbende starben woanders

Ein Kiesweg führt durch den Garten, vorbei am Teich, an den hohen Laubbäumen, am verschlossenen Eingangstor. Wankend steht der Mann an der Treppe zum dunkel verfärbten Holzhaus. Eine Pflegerin öffnet die Tür, hilft ihm die Stufen hoch. Ja, er sei gerne draussen. Im Innern ist es still, kein Gerede, nur zwei Pflegerinnen huschen vorbei in die Küche. Es ist ein kühner Bau, die gewundene Treppe führt hoch zur Turmspitze, zu der nur das zwölfköpfige Personal um Beat Bögli Zutritt hat. Seit 15 Jahren leitet er dieses Alzheimer-Hospiz.

Einst wohnte hier ein namhafter Arzt, dann waren es Esoteriker, die Seminare anboten. 1991 erwarb die Stiftung für Schweizerische Exit-Hospize das Chalet, renovierte es in zwei Jahren für fast drei Millionen Franken. Die Stiftung liess keine Wünsche offen: Die Technik war auf dem neusten Stand, es gab einen rollstuhlgängigen Lift, Einzelzimmer mit Radio, TV und Video, eine Arvenstube als Esszimmer, den Ort der Stille und eine verglaste Veranda mit Sicht auf den Park. An den Wänden hingen teure Bilder, in den Ecken standen verzierte Kachelöfen.

Den Patienten sollte es am Lebensende an nichts fehlen. Doch die Sterbenden starben woanders. Die Villa Margaritha war mit zwei bis fünf Bewohnern chronisch unterbelegt (siehe Text unten). Anscheinend wollte das Volk, wie schon zuvor in Aeschi, kein Sterbehaus. Die Krankenkassen bezahlten tiefe Beiträge, dafür waren die Betriebskosten exorbitant. Nach nur drei Jahren mit Hunderttausenden von Franken Defizit hatte Exit, die den Betrieb hauptsächlich finanzierte, genug. Die Stiftung vermietete das Haus darauf der Pro Senectute.

Auf der Endlosschleife

Ein Heim muss heute wirtschaftlich sein, sagt Eduard Ulli, Vorstandspräsident der Pro Senectute Amt Burgdorf. Der Konkurrenzdruck sei gross. Im Chalet Erika sind denn auch alle zwölf Betten belegt. Blumennamen benennen die Zimmer, Arnika, Löwenzahn, Primel, Skabiosa. Ein Kratzbaum steht im zweiten Stock hinter der Tür, gleich daneben gefüllte Futterschälchen, zwei Katzen wohnen im Chalet mit. Bögli öffnet eine andere Tür. «Hallo, wer ist da, wer ist da?», tönt es unsicher von drinnen. – «Wir sind nur kurz auf Besuch. Auf Wiedersehen.»

An den Wänden über den Betten hängen Bilder mit lachenden Kindergesichtern und Familien, ein Plüsch-Husky sitzt auf dem Stuhl. Draussen der Balkon mit Auffangnetz, die Fenster sind speziell verschlossen. Verwechslungsgefahr mit Türen. Sicher ist sicher. Bögli schätzt die Atmosphäre dieses Hauses, die Wärme, die es ausstrahlt. Die Bewohner können ihre eigenen Möbel mitbringen, das erhalte natürliche Strukturen.

Die meisten Patienten sitzen in der Stube, scheinen zu schlafen. Nur Martin*, Halbglatze, weisser, feiner Bart, kommt auf Bögli zu, grüsst den «Chef» mit festem Händedruck. «Wie geht es Ihnen?» «Wir gehen nach Hause, bin noch nie dort gewesen.» «Ihre Frau kommt heute.» «Ist sie denn nicht am Arbeiten?» «Nein, das muss sie nicht mehr.»

Die Geschichten beginnen immer wieder von vorne

Die Pflegenden lassen die Alzheimer-Patienten in deren Welt leben – so gut das eben geht. «Aber wir belügen sie nicht», sagt Bögli. Manche werden wütend, drohen mit Anwälten, der Polizei. Die Geschichten beginnen immer wieder von vorne. Manchmal haben sich im Hospiz Pärchen gefunden und kommunizieren auf ihre ganz eigene Weise, die niemand versteht. Bögli hat schon viele Patienten kommen sehen, die meisten von ihnen verabschiedet er irgendwann in der Aufbahrungshalle. Derweil wächst in der Bevölkerung die Krankheit weiter. Ein Patient mit Jahrgang 1962 war jünger als Bögli selber. Noch sind das Einzelfälle.

Erst seit ein paar Wochen wohnt Martin hier, meint, seine Frau hole ihn demnächst aus den Ferien ab. Doch sie kommt ihn nur regelmässig besuchen, immer dienstags und samstags. Er wartet schon, als Bögli auf die Terrasse tritt. Er sei entlassen worden, suche seine Frau. «Bei wem muss ich mich melden?» Er streckt Bögli die Hand entgegen, «alles Gute, danke vielmals». Der Stationsleiter lässt sich nichts anmerken, er weiss, sie wird am Nachmittag kommen und auch wieder gehen. Ohne Martin. Er wird wütend werden, vielleicht, dann müde. Und morgen oder übermorgen wird er wieder auf ihn zukommen und ihm Lebewohl wünschen.

*Name geändert

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