Liebe Miteidgenossen!
1. August-Ansprache: Was Schweizer sagen würden

Was wäre eine Bundesfeier ohne die Festrede? Gehalten werden diese meist von Politikern oder Wirtschaftsführern. Die AZ Sommer wollte wissen, was die «normalen» Schweizer Bürger an einer 1.-August-Rede sagen würden.

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Was würden Sie an einer 1.-August-Rede sagen?
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Was würden Sie an einer 1.-August-Rede sagen?

Was würden Sie an einer 1.-August-Rede sagen?

Christoph Bopp

Warum braucht es für eine richtige 1.-August-Feier eine Rede? Schon aus Tradition, werden manche sagen. Da haben sie sicher recht, aber nicht nur. Machen wir das Gegenexperiment. Stellen wir uns vor, wir hocken auf dem Festplatz und der Gemeindepräsident sagt: aus und vorbei. - War das schon alles? Die Frage kommt ebenso unausweichlich, wie sie berechtigt ist. Denn das kann doch nicht schon alles gewesen sein.

Was zu beweisen war: Nimmt man die Rede aus der Feier, passiert nicht nichts, sondern es entsteht ein Loch. Oder anders gesagt: ein Defizit. Klingt besser. Und ist auch nicht dasselbe: Ein Loch kann man stehen lassen. Ein Defizit aber schreit nach Ausgleich, es will nicht, dass man es stehen lässt.

Der Volkskundler würde sagen: Die Bundesfeier ist ein Ritual. Rituale haben zwei Funktionen. Sie dienen einerseits dazu, in einer Gesellschaft einen Übergang zu markieren. Sie sollen anzeigen, dass etwas anders wird, aber gleichzeitig in diesem Moment, wo alles anders wird, sicherstellen, dass es nachher weitergehen kann, wie man es gewohnt ist. Ein gutes Beispiel ist die Thronbesteigung eines Monarchen. Der Thron ist leer und wird wieder besetzt. Klarer Ablauf, da kann nichts passieren. Keine Revolution oder dergleichen.

Das ist natürlich nicht die Funktion, die dem Bundesfeierritual zugedacht ist. Diese andere Funktion ist die Vergegenwärtigung von etwas Zeitlosem, etwas, das in allem Wandel stets anwesend bleiben soll. Und hier gibt es Rituale ohne Rede und solche mit. Religiöse Rituale kommen meist ohne Worte aus. Die Anwesenden wissen, worum es geht. Bei der Feier der Eucharistie in der katholischen Kirche wird allenfalls vorher geredet und allenfalls nachher.

Im Gegensatz zum religiösen ist die Bundesfeier ein ausgesprochen politisches Ritual.Eine Gesellschaft vergewissert sich ihrer selbst. Es handelt sich eben gerade nicht um ein Volk. In diesem Fall würde es ja reichen, das Totemtier hochzuhalten - und alle wissen Bescheid. Was ist der Unterschied? «Seit ein Gespräch wir sind» ist ein berühmtes Wort von Hölderlin. Es meint, dass es hier um eine Gemeinschaft geht, die aus der gemeinsamen Sprache entstanden ist, ein «Ge-Spräch» eben.

Es braucht Worte, um dieses Gemeinsame zu evozieren, das die Gemeinschaft ausmacht. Aus Erfahrung wissen wir, dass diese «Worte» nicht einen festgefügten Kanon bilden. Sie passen meist nicht einmal in ein in sich kohärentes Begriffssystem. Manchmal klingt es etwas hohl vom Rednerpult herunter, manchmal trifft der Redner die Sache und den Geschmack seiner Zuhörer, manchmal missbraucht er sie gar. Worum geht es? Im Kern um ein Paradox. Ein Begriffspaar kann das erläutern: «Das Nationale» und «Der Patriot». «Das Nationale» ist das, woran immer appelliert wird, das Typische, das Verbindliche, manchmal - und nicht immer zum Vorteil - wird es auch aus der Geschichte zusammengeschustert.

Es ist - an sich - wertneutral. Der Begriff des «Patrioten» expliziert sich am besten in einer Extremsituation. Die Verschwörer des 20. Juli 1944, die Hitler töten wollten, taten das «im Namen Deutschlands» und nannten sich «Patrioten». Die historische Forschung hat zwar nachgewiesen, dass ihr Ideal nicht gerade ein freiheitlich-demokratisches, sondern eher ein aristokratisch inspiriertes Staatsgebilde war. Wichtig aber ist, dass sie «als Patrioten» auf übergeordnete Prinzipien Bezug nahmen. Im besten Fall wären das Vernunft und Moral, Freiheit im aufgeklärten Sinn, eben gerade nicht «nationale», sondern universelle Prinzipien. Nochmals: «Das Nationale» wird gemessen an Gedanken, die gerade nicht nur für das eigene Staatsgebilde gelten sollen. Paradoxien sind nicht einfach, aber kommen häufiger vor, als man meint.

Funktioniert das? Machen wir wieder ein Gedankenexperiment. Wenn der 1.-August-Redner auf die Rednertribüne klettert, konzentriert sich die Aufmerksamkeit. Die Meisten hören hin. Man sortiert die eigenen Erwartungen. Was dann gesagt wird, mag nicht allen passen. Aber man setzt sich damit auseinander. Und wenn man nicht einverstanden ist, misst man das Gesagte am - ja woran? Im schlimmsten Fall daran, was letztes Jahr oder in all den Jahren zuvor gesagt worden war. Im normalen Fall daran, was man allgemein von der Welt erwartet: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Oder wer will, erinnert sich, was Schiller seine Rütli-Verschwörer sagen lässt.

Zum Schluss: Geht es am 1. August auch um Heimat? Natürlich, aber da braucht es noch etwas Differenzierung. «Heimat» ist nicht per se ans «Nationale» gebunden. Heimat ist, was man liebt - aber das ist nur die Hälfte. Heimat ist auch, wo man akzeptiert wird. Man kann sich nur dort zu Hause fühlen, wo auch die anderen inbegriffen sind. In der Regel wird das nicht «die Schweiz» sein. An der Schweiz schätzt man die Demokratie, die Freiheit, die Toleranz, vielleicht die Pünktlichkeit. Zu Hause ist und fühlt man sich in Konolfingen BE, in Aarau AG oder in Diegten BL. Dort, wo einen die Leute kennen.

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