Mode

Schweizer Designerin legt einen Traumstart hin

Tina Schwizgebel gewinnt in Frankreich den Chloé-Modepreis – wir haben sie an ihrem wichtigen Tag begleitet.

Einmal pro Jahr verwandelt sich das lauschige, verträumte Städtchen Hyères an der französischen Riviera in ein mondänes Bienennest aus Fashionistas, Fotografen, Models sowie Fachleuten aus aller Welt. Am vergangenen Wochenende war es wieder so weit: Die Schweiz war mit Tina Schwizgebel-Wang und ihrer Kollektion «Voyages et Processus de tatouage» (Reisen und Tätowierungsprozesse) dabei. Eine Kollektion, die von sich reden macht – die Genferin hat ausgediente Pelzmäntel unregelmässig abrasiert oder in Lederresten ihre präzisen und humorvollen Zeichnungen eintätowiert. Daraus ist eine gewagte Männerkollektion mit Röcken und originellen Accessoires entstanden.

Das war ihre Abschlussarbeit an der Hochschule für Kunst und Design HEAD in Genf, die sie nun auf dem Laufsteg von Hyères zeigt. «Die ganze Klasse hat ihr Dossier eingereicht. Ich war sehr überrascht, dass ich ausgewählt worden bin», sagt die 29-Jährige in ihrem winzigen Corner in einem brütend heissen Zelt im Garten einer Villa auf dem Hügel über Hyères, wo alle Finalisten ihre Kollektionen ausstellen.

Bei Schwizgebel steht der rasierte Mantel prominent vor dem Stand. Dank ihrer Arbeit kämen die Pelze immerhin zu einem zweiten Leben, meint die Pelzgegnerin, die selbst fast nur Secondhand trägt. Heute ist es eine schwarze Jeans zu schwarzen Turnschuhen, auf denen eingetrocknete Erde klebt. Das Feminine drückt die kleine Frau mit Spitzen am Top und vier Ohrringen aus. Die aus der blauen Folie der Ikea-Einkaufstaschen selbst genähte Banane, eine Gürteltasche, ist ihr einziger Farbtupfer und ihr Markenzeichen, das sie am Abend zum grossen Laufstegfinale überstreifen wird.

Die Tigermutter

Nicht als Modefrau fühlt sich die Schweizerin, sondern als Künstlerin. Kaum war Schwizgebel acht Jahre alt, hat sie ihre Mutter, die Zeichenlehrerin Yaping Wang, gezwungen, jeden Tag zu zeichnen. «Sie hat mich deshalb ‹Tigermutter›» genannt›, lacht die nach Hyères gereiste Mama verschmitzt, doch sichtlich zufrieden, dass die eiserne Disziplin ihre Früchte trägt. Schon mit sechzehn gewann ihre Tochter den Comic-Preis Fumetto. Ein Wunderkind? «Seit Tina klein ist, weiss sie, was sie will. Sie ist völlig autonom und polyvalent», erzählt ihr Vater, der Zeichentrickfilmkünstler Georges Schwizgebel, aus dessen Kleidern sich seine Tochter als Jugendliche neue Klamotten genäht hat. Bei einer Tante in Schanghai holte sie sich zusätzliche Modeinspiration, bevor sie in Berlin der Tattoo-Welle verfiel.

All diese Techniken vereinen sich nun in der Männerkollektion Schwizgebels und einem Damenlook, der für den Preis des französischen Modehauses Chloé läuft. Nicht zu gewinnen, wäre keine Katastrophe, gesteht die junge Frau mit dem zerzausten, pechschwarzen Haar. «Es ist überhaupt eine grosse Chance hier zu sein. Jeder kann gewinnen, weil alle einen ganz anderen Stil ausdrücken.»

Um Punkt 16 Uhr werden grosse, weisse Tragtaschen hergetragen, in die Tina die Kollektion in Windeseile verpackt. Dann fahren alle Finalisten im Bus hinunter ans Meer, wo die Modeschau vor der Jury um 20.30 Uhr in einer riesigen alten Scheune beginnen wird. Dort stehen die Garderobiers schon bereit, die Models werden gerade frisiert und gepudert. Eine Stunde später ist alles parat und – ob aus Finnland, Irland oder dem Taiwan – gehen alle Finalisten mit ihren Crews zum Abendessen.

Mehr Ausdrucksfreiheit

Und dann brauchen alle sehr viel Geduld. Im Saal treffen die ersten Gäste ein, was man «backstage» nur auf dem Monitor sieht. Es ist eine besonders grosse Modeschau, denn alle zehn Finalisten schicken fünf Models mit eigener Musik auf den Laufsteg. Die Models stehen hinter den Kulissen in Reih und Glied. Angespannt schliesst Tina dem einen Mannequin den Gurt oder rollt einem anderen das Hosenbein hoch. Warum hat sie überhaupt eine Männerkollektion entworfen? «Mir schien, ich hätte da mehr Ausdrucksfreiheit als im perfektionierten Damensektor.» Die Idee schräg umgebundener Lederröcke für Männer holte sie sich in Bali, wo die Männer Sarungs tragen.

Plötzlich kommt das Zeichen. Die Musik setzt ein. Eine Stimme kündigt die Finalisten an. Tina, die viel lacht, scheint plötzlich ergriffen. Jetzt ist sie stolz, überhaupt hier zu sein. Im Backstage-Bereich kommen die Models nur im Gänseschritt vorwärts. Kaum sind Tinas Männer vom Catwalk zurück, verschwindet sie, um das letzte Model zu prüfen. Diesmal ist es eine Frau. Für den Chloé-Preis hat sie ein langes, weisses, halbdurchsichtiges Kleid entworfen, das mit einem tätowierten Lederrock ergänzt wird. Tinas Handschrift und der feminine, delikate Stil dieses Modehauses, für das einst Karl Lagerfeld oder Stella McCartney entworfen haben, sind sofort erkennbar.

Nach dem Finale im Konfettiregen wird es still im Saal. Zuerst werden die Sonderpreise verliehen: Die Irin Róisín Pierce holt mit ihrer Meringue-artigen Falt- und Rüschentechnik den Publikumspreis. Die Spannung steigt. Der 22-jährige Österreicher Christoph Rumpf aus der Steiermark erhält den Grand-Prix-Premiere-Vision für seine prinzenhafte, aus recyceltem Brokat oder Perserteppichen geschnittene Kollektion. Und dann der Höhepunkt: Strahlend gewinnt Tina Schwizgebel-Wang mit ihrem Damenlook den mit 20 OOO Euro dotierten Chloé-Preis.

Der Gründung ihres eigenen Labels steht nichts mehr im Weg. Die im letzen Jahr ausgezeichneten Designer amten inzwischen als Kreativdirektoren bei Nina Ricci.

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