Grenchen
Langiewicz, Grenchens unbekannter Bürger

In Warschau führt eine Strasse den Namen Langiewicz. Dies weckt Assoziationen zu Grenchen, wurde doch dieser Held 1863 an der Gemeindeversammlung in Grenchen gratis eingebürgert. Wer war dieser Mann?

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Zygmunt Langiewicz

Zygmunt Langiewicz

Solothurner Zeitung

Urs Scheidegger*

In den 1850er Jahren wurde Russlands Macht in Polen durch den Krimkrieg und den Fall von Sebastopol (1855) stark erschüttet. Die polnischen Patrioten atmeten erleichtert auf. Standen sie doch Jahrzehnte unter dem Joch der Russen. Ihr Ziel war die Wiederherstellung des alten grossen Polenreiches.

Ein Hauptverfechter dieser Idee war Narian Langiewicz. Dieser, 1827 in Krotoschin geboren, widmete sich mathematischen und militärischen Studien. Dem preussischen Heere diente er als Artillerieoffizier. Anfangs 1860 übernahm er die Stelle eines Lehrers an der Militärschule in Paris, beteiligte sich dann 1861 als Adjutant des Generals von Milbitz an der Eroberung Neapels durch Garibaldi. Nachher ward er Lehrer der Artilleriewissenschaften an der, polnischen Militärschule in Cuneo.

Neun Tage an der Macht

Im Jahre 1861 begann die Bewegung in Warschau mit öffentlichen Umzügen und patriotischen Kundgebungen, die zu blutigen Zusammenstössen mit dem russischen Militär führten. Der offene Aufstand brach im Januar 1863 aus, als die russische Regierung eine Rekrutenaushebung vornehmen liess. Die «Nationalregierung» rief das Volk unter die Waffen; General Langiewicz trat an die Spitze der Bewegung. Am 10. März 1863 erklärte er sich an Stelle des von den Russen geschlagenen Mieroslawsky selbst zum Diktator (damals verstanden als eine mit allen Vollmachten versehene Person) von Polen und ernannte eine Zivilregierung. Doch seine Regentschaft war von kurzer Dauer. Am 19. März schon musste er abdanken. Er floh auf österreichisches Gebiet, wo man ihn verhaftete und in der Festung Josefstadt internierte.

Die Schweizer sympathisierten damals lebhaft mit den Polen. Überall sprach man von deren Freiheitskämpfen und dem General Langiewicz. Dieser, ein Gefangener, sehnte sich nach einer neuen Heimat. Da richteten sich seine Blicke nach der freien Schweiz und trafen das gastfreundliche Grenchen. Langiewicz stellte, wahrscheinlich auf Veranlassung eines einflussreichen Grenchners, das Gesuch an den hiesigen Gemeinderat um Verleihung des Bürgerrechts.

Langiewicz’ Brief

Hocherfreut über das Vorgehen der Grenchner richtete Narian Langiewicz, ein Schreiben an die Regierung von Solothurn: «Mit innigem Gefühl von Freude und Dankbarkeit erhielt ich die Akten, welche mich in Besitz des solothurnischen Bürgerrechtes setzen. Ich ersehe in dieser Gunstbezeugung einzig und allein einen Anerkennungsakt der heiligen Sache Polens, welche seit einem Jahre für seine Unabhängigkeit und Freiheit kämpft, eine Freiheit und Unabhängigkeit, welche eng mit der anderer Volker Europas verknüpft ist. ... Der Mut und der Patriotismus erzeugen Wunder und der Preis davon wird die nationale Unabhängigkeit sein ... .» (uss)

Begeisterte Grenchner

Am 20. Dezember 1863 behandelte der Gemeinderat von Grenchen des Einbürgerungsgesuch. Es wurde mit Auflage der üblichen Kosten positiv der Gemeindeversammlung von Mittwoch 23. Dezember 1863 unterbreitet. Die Gemeindeversammlung, von 120 Männern besucht und von Ammann Franz Schilt geleitet (Grenchen zählte damals 1800 Einwohner) sagte mit Begeisterung einstimmig ja, und zwar ohne Auflagen von Kosten! Seine Aufnahme erhielt er telegraphisch mitgeteilt. Die österreichische Regierung verfügte hierauf im Jahre 1863 die Freilassung von General Langiewicz auf Ersuchen des schweizerischen Bundesrates, nachdem letzterer die Verpflichtung übernommen hatte, dass der Freigegebene von Polen fernbleibe.

Am 30. März 1865 stattete der General nach 18-monatiger Gefangenschaft seinem neuen Heimatort einen Besuch ab. Er wurde mit Jubel empfangen. Am Abend veranstalteten die vereinigten Gesangsvereine und die Musikgesellschaft einen Fackelzug. Als Geschenk überreichten die Grenchner dem General eine Haarlocke Kosciuskos.

Verzicht auf das Bürgerrecht

General Langiewicz verzichtete im Jahre 1886 auf das Gemeinde- sowie auf das Kantons- und Schweizerbürgerrecht, indem er der Gemeinde Grenchen mitteilte, dass er nächstens in seine frühere Heimat Österreich-Polen zurückkehren werde. In seiner dortigen Stellung sei er aber genötigt, auf das Schweizerbürgerrecht zu verzichten und ersuche deshalb um Entlassung aus diesem nach. Langiewicz dankte den Bürgern von Grenchen bei diesem Anlasse nochmals recht herzlich für die Schenkung des Bürgerrechtes und legte als Geschenk von 600 Franken bei, welches der Gemeindepräsident nach seinem Gutfinden zu einem gemeinnützigen Zwecke verwenden soll. Die Gabe wurde dem Spitalfonds einverleibt. Die Rückkehr nach Polen war Langiewicz allerdings versagt; er starb im Mai 1887 in der Türkei.

Mahnmale

Ende November 1965 (also 100 Jahre nach dem Aufstand und der Einbügerung) wurde in der Nähe des Parktheater beim Nordbahnhof in Grenchen in Anwesenheit des damaligen Stadtammanns Eduar Rothen ein Denkmal für Langiewicz enthüllt, das der in Bern wohnende Bildhauer Zygmunt Stankiewicz geschaffen hatte. Es stellt den stilisierten polnischen Adler dar.

Zusammen mit der Strasse Langiewicz in Warschau in der Nähe der Botschaft von Israel sind dies Mahnmale an die tragische Geschichte Polens, genauso wie das Kosciuscko Museum und Denkmal (Schang Hutter) in Solothurn, oder das Denkmal für die über 10 000 Internierten Polen während des Zweiten Weltkrieges an der Alten Aare bei Büren.

*Urs Scheidegger, alt Stadtpräsident von Solothurn