Montagsinterview

Beatrice Egli: «Manchmal dringt sie schon durch, die Rockerbraut»

Sängerin Beatrice Egli offenbart eine neue Seite an ihr: «Die zerbrechliche und stillere Beatrice».

Sängerin Beatrice Egli offenbart eine neue Seite an ihr: «Die zerbrechliche und stillere Beatrice».

Der Schweizer Schlagerstar spricht über Musik, ihre Karriere und ihr neues Album «Kick im Augenblick». Aber auch über Politik, Sport und – natürlich – Männer.

Hoch oben über den Dächern Zürichs in einem gemütlichen Konferenzraum lädt Beatrice Egli zum Gespräch. Es wird eine kurzweilige, lebhafte Diskussion. Schon in ihrem Lachen dringt die Powerfrau durch. Und Beatrice Egli lacht viel und laut und herzhaft. Manchmal fällt der Gedanke schwer, dass vieles an Ihrem Auftreten zur Maske im Showbusiness gehört.

Beatrice Egli, wir haben Sie vermisst!

Beatrice Egli: Das hör ich gern (lacht). Ich liebe euch auch. Hier bin ich!

Eigentlich sollte es ja ein Weihnachtsgespräch werden.

Dann machen wir halt ein Oster-Special. Und im Osternest ist mein neues Album. Das passt (lacht).

Wir haben Sie auch an den Swiss Music Awards vermisst, obwohl Sie nominiert waren.

Ich wäre gern gekommen, aber ich hatte einen Auftritt in Leipzig.

Dann wussten Sie, dass Sie nicht gewinnen.

Aber vielleicht hole ich den nächsten Award mit meinem neuen Album. Seid ihr dabei?

Klar doch. Das letzte Mal waren es gleich vier Autorenteams, die an Songs gearbeitet haben. Wie viele waren es diesmal?

Auch mehrere Teams. Wichtiger ist mir, dass ich selbst wieder dabei war, bei Text und Musik. Es sind viele Lieder entstanden, die für mich massgeschneidert wurden. Ich tat mich schwer, die 17 besten Songs auszusuchen.

Beatrice Egli in der Sendung «TalkTäglich»

Beatrice Egli in der Sendung «TalkTäglich»

Sie begeistert immer wieder aufs Neue ein stetig wachsendes Millionenpublikum: Beatrice Egli hat sich seit ihrem Sieg 2013 bei «Deutschland sucht den Superstar» keine Pause gegönnt. Jetzt schlägt die Schweizer Schlagersängerin das nächste Kapitel in ihrer steilen Karriere auf und veröffentlicht ihr viertes Album «Kick im Augenblick». Im «TalkTäglich» gibt sie einen ersten Vorgeschmack und verrät, wieso sie dem Diät-Wahn abgeschworen hat. (März 2016)

In welchem Song ist am meisten Beatrice Egli drin?

Es ist überall Beatrice Egli drin, das macht das Album aus. Im letzten Album «Bis hierher und viel weiter» habe ich mit Balladen meine ruhigere Seite gezeigt. «Nichts als die Wahrheit» zeigt noch Mal eine andere Seite von mir: die zerbrechliche und stillere Beatrice.

In diesem Song singen Sie: «Dass sich meine Welt falsch herum dreht!» Was in Ihrer Welt dreht sich falsch?

Meine Welt dreht sich schnell und intensiv, was ich geniesse. Das Geschäft läuft prima. Aber in der Liebe drehte sie sich auch schon falsch. Ich traf jemanden und meinte, der ist es. Doch dann musste ich feststellen, dass ich nicht an der richtigen Station gelandet bin. Aber das gehört zum Leben.

Sie erwähnten die Hektik. Drei Jahre sind es nun her seit Ihrem Sieg bei «Deutschland sucht den Superstar» – wie viele Jahre Ihres Lebens haben Sie in der Hektik verloren?

Ich habe viel gewonnen. Was ich in einem Jahr erlebe, erleben andere vielleicht in fünf. Ich durfte so viele Erfahrungen sammeln, dass ich manchmal das Gefühl habe, schon zehn Jahre unterwegs zu sein. Ich bin künstlerisch gewachsen und selbstbewusster geworden.

Würde es Sie reizen, auch einmal etwas anderes zu singen als deutscher Schlager?

Mit dem Schlager ist es wie beim Reisen. Ich bereise die Welt sehr gerne, aber schon früh überkommt mich das Heimweh. Weil es zu Hause am Schönsten ist. An meinen Konzerten mache ich Ausflüge in andere Gefilde. In rockigere, oder ich singe auch englisch. Aber der Ausflug ist nur kurz. Die deutsche Sprache ist mir vertraut. Englische Songs sind nicht meine Songs.

Unsere Behauptung: Sie singen immer Schnulzen, weil die Leute für einen Moment aus der Realität flüchten wollen und in diese Traumwelt eintauchen können dank ihren Songs.

Ja, die Schlagerwelt ist eine heile, liebevolle Welt. Genau deshalb liebe ich diese Musik. Klar, es ist selten die Realität, gerade heute nicht. Wenn ich die Tagesschau einschalte, bin ich mit einer sehr turbulenten Zeit konfrontiert. Umso mehr geniesse ich auch den Moment, einfach mal abzuschalten und das Schöne zu sehen, zu spüren und zu erleben. Ich lebe das und merke, dass sich viele Leute dasselbe wünschen. Niemand flüchtet vor der Realität. Meine Schlager geben den Leuten aber die Chance, in einigen Momenten diesen Traum der heilen Welt zu leben.

Was denken Sie, wenn Sie die Tagesschau sehen?

Es ist eine schwere Zeit, die uns alle fordert. Das Flüchtlingsdrama ist eine grosse Herausforderung, die uns alle beschäftigt und angeht. Viele Leute ohne Zuhause müssen flüchten. Es wäre vermessen, wenn ich diesem grossen Thema in einer fünfminütigen Diskussion gerecht werden möchte. Der Krieg in Syrien und seine Folgen beschäftigen uns ja schon seit Monaten. Vor diesem Drama und den Schicksalen verschliesse ich nicht die Augen. Umso mehr steigt aber auch das Verlangen nach schönen Momenten zwischendurch.

Wäre politisches Engagement für Sie denkbar? Wenn es um Flüchtlinge geht, beispielsweise?

Nicht politisieren, aber helfen. Ich bin so aufgewachsen und erzogen worden. Meine Mutter hatte zehn Geschwister. Da war es selbstverständlich, dass man sich gegenseitig hilft. Das ist etwas sehr Menschliches. Hilfe fängt beim Nachbar an. Es beginnt schon im Kindergarten an, wie man mit den Gschpändli umgeht.

Würden Sie an einem Auftritt öffentlich zu Solidarität aufrufen? Oder ein Benefiz-Konzert veranstalten?

Das mache ich immer wieder. Ich engagiere mich für Insieme, dem Verband, der sich für die Anliegen geistig Behinderter einsetzt. Momentan liegt der Fokus nur auf der Flüchtlingskrise. Das ist sicher richtig. Aber es gibt ganz viele Themen und Probleme, welche die Leute hier beschäftigen. Dafür möchte ich einstehen.

Frau Merkel strahlt viel Optimismus aus, wie Sie auch. «Wir schaffen das», könnte von Ihnen sein.

Vielleicht. Es stimmt sicher, dass in mir drin diese Kraft fürs Positive ist.

Mitte März wurde Lara Gut Gesamtweltcupsiegerin…

(unterbricht) Ja, grossartig, da können wir glücklich sein! Wie lange ist es her, 20 Jahre?

21 Jahre. Vreni Schneider war 1995 die letzte Schweizerin Skikönigin. Zur Frage: Lara Gut hasst es, als «Ski-Schätzchen» bezeichnet zu werden. Die Bezeichnung ist ihr zu abwertend, es geht zu wenig um ihre Leistung. Sie werden immer wieder als das Schweizer «Schlager-Schätzchen» bezeichnet – wie halten Sie es mit dieser Bezeichnung?

Das ist wie im Kindergarten. Meine Brüder gaben mir einen Spitznamen, den ich nicht mochte. Aber je mehr ich mich darüber aufrege, desto häufiger verwenden sie ihn. So sehe ich das auch mit dem «Schlager-Schätzchen», solche Dinge kann man nicht ändern.

Aber es stört Sie?

Nein, wirklich nicht. Es gibt viel schlimmere Dinge. Ganz ehrlich, in einer Partnerschaft bin ich auch das «Schätzli». Und wenn ich einen Freund hätte, würde ich ihn auch Schatz nennen.

Sie sehen keine Abwertung dahinter?

Nein. Der Ursprung von Schätzli ist Schatz. Und natürlich ist Lara ein Schatz! Was sie leistet, ist Gold wert für uns alle und die Skibranche. So sehe ich das. Über Jahrhunderte betrachtet ist «Schatz» etwas vom Wertvollsten, was es gibt. Ich leite es davon ab, also ist die Leistung sehr gross, wenn Schatz vorne dran steht.

«Schätzli» ist halt eine Verniedlichung.

Ja, aber dann dürfen wir ja auch bald kein Schöggeli mehr essen. (lacht) Unser «li» ist doch typisch Schweiz.

In Ihrer neuen Single singen Sie: «All die schweren Zeiten waren auch für etwas gut vielleicht». Was war denn so schwer?

Die letzten drei Jahre waren sehr gut. Doch das war nicht immer so. Als ich vor sechs Jahren mit Lys Assia beim Grand Prix der Volksmusik auftrat, wurde ich als die Dickste überhaupt verspottet. Das war hart, ich war ja erst 18. Heute bin überzeugt, dass das für mich das Beste war, was passieren konnte. Ich wurde weggehauen und konnte noch Mal von Neuem anfangen.

«Kick im Augenblick» heisst einer der neuen Songs. Wie häufig gelingt es Ihnen, den Moment zu geniessen?

Ich schaffe es tatsächlich immer besser, im Augenblick zu leben. Dabei weiss ich nicht, was morgen ist. Das ist das Beste, was man tun kann. Geniesse den Moment, denn der Moment kommt nie wieder.

Das ist ja Rock-n’-Roll-Philosophie.

Hm… ein bisschen schon. Im Schlager ist auch Rock n’ Roll angesagt!

Dann sind Sie in Ihrem tiefsten Innern eine Rock’n’Rollerin?

Ich glaube schon. (lacht) Manchmal dringt sie schon durch, die Rockerbraut.

Wie sehr lassen sich die Männer von dieser Rockerbraut einschüchtern?

Oh, gar nicht. (lacht)

Wirklich?

Ich wuchs mit drei Brüdern auf, das prägt. Ich habe fast nur männliche Kollegen. Ich bin eine Kumpel-Frau, das habe ich immer wieder bemerkt.

Sie möchten doch lieber die Freundin als nur immer die beste Kollegin sein!

Nein, momentan geniesse ich, wie es ist. Ich habe das Privileg, die vielen Frauen-Geschichten meiner Kollegen verfolgen zu können. Das hört man sonst nur unter Männern.

Das kaufen wir Ihnen nicht ab. Sie hätten sicher lieber selbst Männergeschichten.

(Lacht) Hmm, Kick im Augenblick.

Muss man das interpretieren?

Nein, ganz ehrlich, ich bin eine junge Frau und geniesse es, Single zu sein. Mehr muss ich nicht verraten.

Einmal singen Sie: «Komm, hör auf mit mir zu spielen.» Weiss der Adressat Bescheid?

Ui, da müssten aber viele informiert sein (lacht laut).

So schlimm?

Nein, aber das passiert doch immer wieder. Du triffst jemanden in der Disco und weisst genau, ach Gott, wieder so ein Player. Von diesen Mannsbildern gibt es so viele auf dieser Welt. Das Lied ist für alle diese Player geschrieben. Eigentlich müsste man alle Männer mal da drüber informieren: Wir Frauen mögen es nicht, wenn Männer mit uns spielen.

Aber wenn die Interessen eines Mannes von Anfang an schon zu offensichtlich sind, ist es ja auch wieder nicht gut. Das nennt sich dann: zu langweilig.

Gut, da haben Sie Recht. Eine gewisse Spannung muss schon da sein. Aber wenn’s nur ums Spielen geht, dann ist bei mir sofort «aus»!

Wäre es von Vorteil, wenn Ihr Freund auch aus der Promi-Szene kommt?

Wenn die Liebe da ist, das Vertrauen und das gegenseitige Verständnis, dann ist es egal, was jemand macht oder was er ist oder woher er kommt.

Sportler lassen sich von Künstlern inspirieren. Gilt auch der Umkehrschluss?

Durchaus. Am Fernsehen schaue ich zwar lieber Tagesschau oder Romanzen. Aber ich habe grossen Respekt vor Sportlern. Denn sie sind wie Künstler leistungsbezogen und werden auch ständig bewertet. Von daher ist die Verbindung schon da.

Dann schauen Sie Sport lieber vor Ort – ich hab Sie im letzten Juni am French Open in Paris gesehen.

Ja, da war ich auch, stimmt (lacht überrascht). Es war auch wirklich toll.

Wegen dem Tennis oder wegen der Begleitung?

Wegen allem würde ich sagen.

Sie waren mit dem Eishockey-Spieler Nino Niederreiter dort. Haben Sie auch über ihn gesungen?

Nein, das nicht. Er ist ein super Kollege von mir, und es waren auch noch drei, vier andere dabei. Ich kenne Martina Hingis gut, deshalb waren wir dort.

Man sagt Ihnen einige Starallüren nach.

Das ist Unsinn. Ich will mich mit solchen Vorwürfen gar nicht beschäftigen. Glauben Sie mir, meine drei Brüder würden sofort reagieren, wenn es so wäre. Und mir sagen: «Komm mal runter vom hohen Ross!» Ich spüre den Boden sehr, sehr stark unter den Füssen. Das ist auch nötig, um ein solches Pensum überhaupt zu schaffen. Da schafft man es gar nicht, abzuheben. Ich bin sehr konzentriert und gehe meinen Weg Schritt für Schritt.

Jetzt tönen Sie wirklich wie ein Sportler.

Ja, da gibt es Parallelen. Wie Sportler haben wir Ziele und Termine, auf die wir uns vorbereiten. Die nächste TV-Sendung, das nächste Album, die nächste Tournee. Dazu musst du körperlich bereit sein. Wenn du zweistündige Konzerte gibst, musst du fit sein. Körperlich und mental.

Ist die Fitness ein unterschätzter Punkt bei Sängerinnen und Sängern?

Absolut. Wenn der Atem weg ist, haut dir jeder Ton ab.

Und Sie tanzen ja ziemlich viel. Darum ist es ja häufig Play-Back.

Nur die Fernsehsendungen sind Play-Back. Ich singe immer live. Dann gehört dazu, dass mal ein Ton daneben geht. Das ist auch nichts Schlimmes. Trotzdem: das Training vor den Tourneen wird intensiver, sonst kann ich das nicht bewältigen.

Nervt es Sie nie, wenn Sie ein Lied von Ihnen zum 425. Mal singen müssen?

Nein. Nicht mal «Mein Herz». Den Song singe ich jedes Mal und es ist jedes Mal von neuem ein Highlight. Lieder entwickeln sich. Haben Geschichten. Und fühlen sich plötzlich anders an. Dazu singe ich sie nie gleich. Es ist immer etwas anders. Manchmal gestalte ich die Songs auch neu. Ein bisschen rockiger. Das macht viel aus. Manchmal sind die einen toll, dann wieder die anderen.

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