Dorfchronistin
«Auch der Sturm aufs Capitol muss darin einen Platz haben», das sagt die neue Dorfchronistin von Flawil zu ihrer Aufgabe

Edith Bechtiger führt seit Jahresbeginn die 222-jährige Tradition weiter. Sie ist die neue Chronistin der Gemeinde. Nach Helen Knöpfel ist sie als ihre Nachfolgerin die zweite Frau, die diese Tätigkeit ausübt.

Zita Meienhofer
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Seit Jahresbeginn ist Edith Bechtiger für die lückenlose Fortsetzung der Geschichtsschreibung Flawils zuständig.

Seit Jahresbeginn ist Edith Bechtiger für die lückenlose Fortsetzung der Geschichtsschreibung Flawils zuständig.

Bild: Zita Meienhofer

«Ich habe schon als Kind immer gerne Aufsätze geschrieben», sagt Edith Bechtiger. Sie, die während Jahrzehnten in Flawil Primarschulkinder unterrichtete und vergangenen Sommer in Pension ging. Doch ruhig wurde es in ihrem Leben nicht. Da kam die Anfrage einer Berufskollegin für Unterrichtsstunden, da war der Ortsbürgerrat, der Vorstandsmitglieder suchte. Und da war die Gemeinde Flawil, die eine Nachfolge für Helen Knöpfel suchte und wusste, dass Edith Bechtiger gerne schreibt. Helen Knöpfel, ebenfalls pensionierte Lehrerin, war Flawiler Chronistin seit 2016.

Flawil hat seit 222 Jahren eine Dorfchronik

Flawil ist eine der wenigen Gemeinden in der Region, die eine Chronistin oder einen Chronisten unter Vertrag hat. Dies nicht erst seit einigen Jahrzehnten, sondern seit 1798. Eine Überschwemmung im Jahr 1878 sorgte dafür, dass das bereits Geschriebene fast unleserlich wurde. Der frühere Chronist Gustav Bänziger muss in mühsamer Arbeit jedoch vieles wieder hergestellt haben. Somit hat die Gemeinde Flawil eine beinahe komplette Chronik seit 222 Jahren. Bis 1997 waren die Jahreschroniken von Hand geschrieben, das war eine Vorgabe der Gemeinde. Seither schreiben die Chronisten ihre Texte, die mit Bildern ergänzt werden, im Word. Die Datei wird zweimal ausgedruckt und auf einen Stick gespeichert. Dieser und die Papierseiten kommen ins Archiv.

Chroniken über das Leben in Flawil existieren seit dem Jahr 1798.

Chroniken über das Leben in Flawil existieren seit dem Jahr 1798.

Bild: PD

Am 1. Januar 2021 hat Edith Bechtiger ihre Tätigkeit aufgenommen. Sie sagt:

«Es ist eine Herausforderung. Aber da ich gerne schreibe, passt es schon.»

Vorgaben hat Edith Bechtiger keine. Die Vereinbarung mit der Gemeinde sagt, dass sie auf unbestimmte Frist die jährlichen politischen sowie gesellschaftlichen Ereignisse in Flawil aufnotieren muss. Bis jeweils Ende März muss die Chronik des vergangenen Jahres fertiggestellt sein.

Die Chronik trägt die persönliche Handschrift des Schreibenden

Am Montag hat Edith Bechtiger ihren Chroniktag. Wie sie ihre Informationen beschafft, erklärt sie wie folgt: «Während der Woche sammle ich Artikel aus dem Flade-Blatt, aus der Tageszeitung, besuche hin und wieder einen Anlass oder notiere mir das, was ich als wichtig empfinde.» Was wichtig ist, das entscheide die Chronistin. Deshalb tragen die Chroniken der Gemeinde Flawil die persönliche Handschrift der jeweiligen Schreibenden.

Edith Bechtiger beschränkt sich nicht nur auf die Nachrichten aus Flawil. Sie setzt nationale oder internationale Ereignisse in den Kontext mit Geschehnissen vor Ort. Da ist das Thema Corona, das aus einem grösseren Blickwinkel betrachtet werden muss. Aber da ist auch das Wetter. Im vergangenen Jahr hat sie etliche persönliche Notizen und Fotos über das Wetter in die Chronik integriert. Einen Eintrag erhielt auch der Sturm auf das Capitol am 6. Januar. Die Chronistin ist überzeugt:

«Das ist etwas, das in einer Chronik enthalten sein muss.»

Pro Monat schreibt sie zwischen vier und sechs Seiten. Ende Jahr wird sie ihre Texte überarbeiten, nochmals alles mit etwas Distanz betrachten und bewerten.

Die Schreibweise dem aktuellen Zeitgeist anpassen

In der langjährigen Chronikzeit von Flawil ist Edith Bechtiger die zweite Frau, die für diese Aufgabe angefragt wurde. Die erste war ihre Vorgängerin Helen Knöpfel. Vor Knöpfel war es Peter Hoffmann. Sie alle waren als Lehrpersonen tätig. Ist Chronist eine Tätigkeit, die Flawiler Lehrpersonen ausüben? Edith Bechtiger verneint: «Hin und wieder waren die Chronisten als Lehrer tätig, aber nicht immer.»

Seit den fast elf Monaten, seit sie sich mit der Chronik beschäftigt, habe sie doch schon einiges dazugelernt, sagt Edith Bechtiger. Dazugelernt vor allem «computermässig». Im Weiteren hat sie sich intensiver mit der Sprache beschäftigt, mit den aktuellen Veränderungen der Sprache. Sie sagt: «Wende ich nun den Genderstern, den Doppelpunkt an, wie beachte ich eine gendersensible Schreibweise?» Chronisten protokollieren eben nicht nur die Ereignisse, ihre Texte widerspiegeln auch den aktuellen Zeitgeist.

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