Festival
Droht den Ostschweizer Musikfestivals erneut ein Sommer der Absage? Die Veranstalter sind pessimistisch – und hoffen auf den Bund

Zu wenig Planungssicherheit, mangelnde Kommunikation seitens Bund, Organisation auf Stand-by: Nach der Absage des Greenfield Festivals in Interlaken sehen auch die Ostschweizer Musikfestivals schwarz für eine Durchführung.

Siri Würzer und David Grob
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Derzeit unrealistisch: Dichte Menschenmassen vor der Sitterbühne wie am letzten Openair St.Gallen Ende Juni 2019.

Derzeit unrealistisch: Dichte Menschenmassen vor der Sitterbühne wie am letzten Openair St.Gallen Ende Juni 2019.

Bild: Michel Canonica (30. Juni 2019)

Was haben wir gehofft. Was haben wir gehofft auf einen warmen Sommer des Wiedersehens im Sittertobel. Der wummernden Bässe auf der Frauenfelder Allmend. Der kühlen Biere am Arboner Hafen. Und nun droht den grossen Ostschweizer Festival ein weiterer Sommer der Absagen.

Nora Fuchs, Mediensprecherin des Openairs St.Gallen.

Nora Fuchs, Mediensprecherin des Openairs St.Gallen.

Bild: PD
«Die Chancen, dass das Openair St.Gallen stattfinden kann, sind gering.»

Dies schreibt Nora Fuchs, Mediensprecherin des Festivals. «Ach, es ist nun bereits ein Jahr eine schwierige Situation für uns und alle Festivalveranstalter», leitet Fuchs ihre Antwort in einer E-Mail auf die Anfrage zur derzeitigen Situation des Festivals ein. Man müsse realistisch sein. Die Planung sei schwierig, die Situation unsicher, die Perspektiven fehlen. Ein Problem ist die fehlende Planungssicherheit: «Dass wir bis heute vom Bundesrat keine Angaben haben, ob und unter welchen Umständen Grossveranstaltungen dieses Jahr erlaubt sind, macht die Planung schwierig bis unmöglich.»

Veranstalter erhoffen sich noch Klarheit im März

Aber was bedeutet dies konkret? Wann herrscht Klarheit, ob Ende Juni die Menschenmassen nach St.Gallen strömen? Oder ob das Sittertobel auch diesen Sommer bleibt, was es an den restlichen 362 Tagen im Jahr ist: ein ruhiges Naturschutzgebiet vor St.Gallen? Im Klartext: Wann droht die Absage? Fuchs, ebenfalls im Klartext:

«Wir müssen noch im März Klarheit haben.»
Gibt es einen Sommer des Wiedersehens im Sittertobel? Dies scheint derzeit höchst fraglich.

Gibt es einen Sommer des Wiedersehens im Sittertobel? Dies scheint derzeit höchst fraglich.

Bild: Michel Canonica (30. Juni 2019)

Auch ob das Openair Frauenfeld stattfindet, ist unsicher

Düstere Aussichten auch auf der Frauenfelder Allmend: Das diesjährige Openair Frauenfeld – die zweite grosse Veranstaltung in der Ostschweizer Festivallandschaft – steht auf ähnlich wackligen Füssen wie das Openair St.Gallen. Joachim Bodmer, der Medienverantwortliche des OAFF, schildert in einer E-Mail, in der die Frustration unterschwellig mitschwingt, den vorläufigen Stand der Planung.

Joachim Bodmer, Medienverantwortlicher des Openairs Frauenfeld.

Joachim Bodmer, Medienverantwortlicher des Openairs Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

Die Ungewissheit mache auch ihnen zu schaffen. Leider hätten sie auch nach Monaten des Wartens, der Konzepte, und des Bittens keinerlei Informationen von den Behörden erhalten. Und dies, obwohl die Verbände schon seit Monaten mehrfach bei Bundesrat und BAG vorgesprochen hätten. Deshalb wisse man weder unter welchen Bedingungen Grossveranstaltungen wieder stattfinden können, noch wann der Bundesrat sich diesbezüglich äussern wird. Bodmer schreibt:

«Wir brauchen konkrete und verbindliche Ansagen der Behörden, um das Festival zu planen oder dann juristisch korrekt absagen zu können.»

Um ein Festival von dieser Grösse angemessen vorbereiten zu können, sind zwingend mehrere Monate Vorlaufzeit vonnöten. «Uns läuft langsam, aber sicher die Zeit davon.»

Mit 180'000 Besucherinnen und Besuchern war das Openair Frauenfeld 2019 das grösste Hip-Hop-Festival Europas.

Mit 180'000 Besucherinnen und Besuchern war das Openair Frauenfeld 2019 das grösste Hip-Hop-Festival Europas.

Bild: Andrea Stalder
(12. Juli 2019)

In Deutschland wurden bereits mehrere Festivals abgesagt

Die grossen Ostschweizer Open Airs sind nicht die einzigen Festivals, die vor der Absage stehen. Erst am Mittwoch sagte das Festivalnetzwerk Eventim auf einen Schlag sechs grössere Festivals in Deutschland und das Greenfield in Interlaken definitiv ab. Jetzt zählt ein Countdown auf der Website des Festivals in Interlaken die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur nächsten Durchführung 2022. Das Festival in Interlaken, das eigentlich vom 3. bis 5. Juni 2021 stattfinden sollte, ist das erste der grösseren Schweizer Festivals. Das Openair St.Gallen gehört mit seiner Durchführung Ende Juni ebenfalls zu den früheren. Das Openair Frauenfeld findet eine Woche später statt.

Etwas wenig düster präsentiert sich deshalb die Lage für das Summerdays Festival in Arbon, das erst Ende des Festivalsommers, am 3. und 4. September, stattfindet. Das Festival am Bodensee wird durch dieselben Veranstalter wie das Openair St.Gallen organisiert. Die Kommunikation läuft deshalb ebenfalls über Mediensprecherin Nora Fuchs. Die Situation sei ähnlich wie beim Openair St.Gallen, schreibt Fuchs.

«Doch wir können uns rund einen Monat länger, also sicher bis Ende April, Zeit lassen für einen Entscheid.»
Der deutsche Popsänger Mark Foster am Summerdays 2019 in Arbon.

Der deutsche Popsänger Mark Foster am Summerdays 2019 in Arbon.

Bild: Donato Caspari
(24. August 2019)

Gewünscht: Eine klare Kommunikation des Bundes

Für die Organisatoren des Openair St.Gallen, Frauenfeld und Summerdays ist klar: Es braucht eine klarere Kommunikation des Bundesrates. «Wir wünschen uns eine klare Aussage seitens Bund und BAG, ab wann und unter welchen Bedingungen Veranstaltungen wieder möglich sind», so Fuchs. Und Bodmer vom Openair Frauenfeld schreibt:

«Schaffen die Behörden nicht umgehend Klarheit, werden Grossveranstaltungen im Sommer 2021 schon allein mangels fehlender Vorlaufzeit nicht mehr möglich sein.»

Die Festivals hoffen auf eine der nächsten Pressekonferenzen des Bundes in den kommenden Wochen. Bis dann sei die Organisation und Planung mehr oder weniger auf Stand-by, schreibt Fuchs. Bei einer Absage geht das Openair St.Gallen von einer Ausfallentschädigung aus, die vom Kanton St.Gallen bis Ende 2021 angekündet wurde. Aktuell sind aber nur 80 Prozent der anfallenden Kosten gedeckt, so Fuchs.

Die Ostschweizer Veranstalter stimmen damit ins selbe Klagelied ein, wie der Branchenverband der Schweizer Konzert-, Show- und Festivalveranstalter SMPA. Dieser fordert in einer Medienmitteilung von Donnerstag vom Bund eine klare Strategie für Veranstaltungen im Sommer. Die Kurzfassung: Gibt es keine Öffnungsschritte bis hin zum Normalbetrieb und schweizweit einheitliche Bewilligungskriterien drohe ein «Tod auf Raten».

Der Branchenverband fordert bis am 19. März klare Regeln für Veranstaltungen, die bis Ende Juli stattfinden, bis Ende April für Veranstaltungen, die bis Ende August durchgeführt werden, und bis Ende Mai für Veranstaltungen im September. SMPA-Geschäftsführer Stefan Breitenmoser lässt sich wie folgt zitieren:

«Wenn der Bundesrat nicht bis zum 19. März Klarheit schafft, sehe ich leider für Veranstaltungen und Festivals bis zum ersten Teil des Sommers schwarz.»

Gibt es einen Sommer des Wiedersehens im St.Galler Sittertobel, auf der Frauenfelder Allmend, am Arboner Hafen? Oder droht erneut ein Sommer der Absagen? Die Branche hofft auf baldige Gewissheit.