Billetautomat

Wenn Senioren wegen Automaten nicht zum Zug kommen

Ein BLS-Mitarbeiter erklärt einer Gruppe Senioren die Bedienung eines Billettautomaten. Jürg Amsler

Ein BLS-Mitarbeiter erklärt einer Gruppe Senioren die Bedienung eines Billettautomaten. Jürg Amsler

Mit dem Fahrplanwechsel ist es schwieriger geworden, die Billettautomaten zu umgehen. Besonders für ältere Menschen wird es komplizierter, an ein Billett zu kommen.

Die Demütigung ist alltäglich. Eine Seniorin möchte am Schalter der Bahn ein einfaches Ticket kaufen. Doch weil vor ihr jemand eine Europareise bucht, kommt sie nicht rechtzeitig an die Reihe. Kurz angebunden wird ihr beschieden, am Billettautomaten ihr Ticket zu lösen. Verzweifelt steht die Rentnerin draussen. Die fremde Maschine anzufassen, traut sie sich genauso wenig, wie einen anderen Bahnkunden um Hilfe zu bitten, und gleich fährt ihr Zug.

Das Problem hat sich mit dem Fahrplanwechsel verschärft. Seit dem 11. Dezember darf niemand mehr ohne gültiges Billett in den Zug einsteigen. Bisher haben die SBB gemäss Sprecher Reto Schärli keinen Anstieg von Schwarzfahrern festgestellt. Das Alter dieser Leute werde nicht erhoben. Doch abnehmen werden die kleinen Alltagsdramen an den Bahnhöfen mit der neuen Regelung bestimmt nicht.

Demütigende Situationen ersparen

In den Zügen sind die Zugbegleiter nach Aussage von Schärli darum bemüht, älteren Menschen demütigende Situationen zu ersparen: «Kulanz liegt im Ermessen der Zugbegleiter. Wenn sie merken, dass jemand länger nicht mehr gereist ist und sich mit der Sache wirklich nicht auskennt, verkaufen sie dieser Person auch jetzt noch ein Billett. Aber das muss natürlich eine Ausnahme bleiben. Unsere Zugbegleiter verfügen über sehr gute Menschenkenntnis und wissen meistens sofort, woran sie sind.»

Die Schwierigkeiten älterer Menschen mit Billettautomaten sind keine Folge von Trägheit. Sie basieren auf der ehrlichen Sorge, die Maschine kaputtzumachen. Die Angst ist unbegründet. Wer nicht gerade mit der Brechstange ankommt, kann einem modernen Touchscreen nichts anhaben. Programmiert sind die Automaten so, dass auch die sinnloseste Abfolge von Befehlen keinen Absturz zur Folge hat.

Gemeinden bieten Kurse an

Viele Gemeinden wissen um die Probleme von Seniorinnen und Senioren und bieten Billettautomatenkurse an. Diese sind sehr gefragt (siehe Kästchen), doch sie erreichen offenbar nur die Spitze des Eisbergs. «Viele Rentnerinnen und Rentner sind sich gar nicht bewusst, dass sie ein Problem mit Automaten haben könnten, bis sie plötzlich vor einem stehen», sagt Remo Waldner, Fachstellenleiter der Pro Senectute Grenchen. «Deshalb sprechen wir das Thema gezielt an, zum Beispiel wenn jemand das Auto abgibt. Wir ermutigen Leute, die sich unsicher fühlen, einen Automatenkurs zu besuchen.»

«Nie wieder fasse ich so eine Maschine an», sagte eine Rentnerin grimmig, nachdem sie am Schalter des Bahnhofs Grenchen Süd nicht zum Zug gekommen war. «Einmal habe ich allen Mut zusammengenommen und versucht, mein Billett nach Olten selbst zu lösen. Fast hätte ich es geschafft. Dann drückte ich auf den Knopf «zurück», schliesslich wollte ich ja ein Retourbillett, und alles war weg. Ich musste ohne Billett einsteigen und habe mich geschämt, weil ich dem Kondukteur Umstände machte.»

Erfinderische Senioren

Wer nie mit Computern zu tun hatte, für den stellt ein SBB-Automat viele Stolperdrähte. Der Button «zurück» ist eine solche Falle. Da hilft es nichts, dass inzwischen die ersten Babyboomerjahrgänge (1940–1968) in den Ruhestand getreten sind. Auch diese Generation, die als flexibel und technisch aufgeschlossen gilt, erwartet Information in Form von Buchstaben und nicht als Icons wie etwa Pfeile. Letztere werden oft gar nicht bewusst wahrgenommen.

Seniorinnen und Senioren sind erfinderisch, wenn es darum geht, die unliebsamen Automaten zu umgehen. Remo Waldner von der Pro Senectute, der früher im Bezirk Dorneck-Thierstein tätig war, erzählt von einer Kundin, die so lange schwarz nach Laufen fuhr, um dort am Schalter ihr Billett zu lösen, bis sie zweimal kurz hintereinander gebüsst wurde. Es gibt Leute, die am Tag vor der Reise so lange am Schalter stehen, bis sie ihr Ticket ausgehändigt bekommen. Andere planen noch weitsichtiger und verreisen mit der Tageskarte ihrer Gemeinde.

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