«So ein Heim zu führen, ist nicht einfach ein Job. Das ist eine Aufgabe.»

Vor einem Vierteljahrhundert entschieden Susanna und Paul-E. Cohen, in Niederbipp eine Wohngemeinschaft für Behinderte aufzubauen. Die Frau aus dem Langetental leitete die Pflege, der Mann mit ostdeutschen Wurzeln kümmerte sich um Konzept-, Umbauarbeiten und Betreuung. Die «soziale Institution», wie Cohen das anthroposophische Heim nennt, wuchs. Bald kam die zweite Hälfte des markanten Hochstudhauses dazu. Bisweilen wirkten auch die Söhne mit; einer wurde Koch, der andere Sozialtherapeut.

Doch Susanna Cohen wurde schwer krank und starb 2006: «Meine Frau hinterliess eine riesige Lücke.» Paul-E. Cohen errichtete eine Stiftung; Mitarbeitende verpflichteten sich fortan, freiwillig ein Prozent des Lohnes zu spenden. Das Geld kam dem Heim zugute: «So wollte ich die grosse Arbeit Susannas in Erinnerung behalten.»

Heute, nachdem das «Haus Tobias» am Jahreswechsel vom Kanton Bern geschlossen wurde, sagt Cohen mit einem verschmitzten Lächeln: «Klar fielen wir auf im Dorf.» Behinderte seien aber ein Teil der Gesellschaft: «So spazierten wir regelmässig durch das Dorf, was für einige natürlich eine Provokation war.» Ebenso Stolz ist Cohen auf die auffälligen Solaranlagen oder dass in der Hostett hinterm Haus jeweils auch Asylbewerber bei der Obsternte halfen. Auch im Garten in Erde eingelassene Alpha- und Omega-Symbole, die Behinderte in Therapien abschritten, seien natürlich Gesprächsstoff gewesen. «Aber es wirkte.»

Heute ist es kalt im «Haus Tobias». Um Kosten zu sparen, wird an der Hintergasse kaum noch geheizt. Nach Telefonaten und Mails will Cohen nun seine Sicht der Dinge darlegen. Auf Papierrollen hat er die Schliessung fein säuberlich aufgearbeitet. Demnach hat er am Morgen des 30. Dezember von der aufsichtsrechtlichen Anzeige gegen das Heim erfahren. Bereits am Mittag standen Vertreter des kantonalen Alters- und Behindertenamtes (Alba) und der Sozialdienste Köniz vor der Tür. Sie holten ihr Mündel ab und brachten vier Dauergäste in andere Institutionen. Eine sechste Behinderte war bei ihrer Familie. Auf den Plan gerufen hatte die Behörden O. M.*, einen zuvor in der Probezeit entlassenen Mitarbeiter. Nach seiner Drohung, würden ihm die geforderten 12500 Franken nicht überwiesen, gehe er an die Presse, wurde M. beim Könizer Sozialvorsteher Ueli Studer und dem Alba vorstellig. Beide reagierten innert Kürze.

«Aus den Augen, aus dem Sinn»

Seither hat eine andere Mitarbeiterin ebenfalls eine Gefährdungsmeldung gegen die Unterbringung einer einstigen Bewohnerin gemacht. Nachdem das Mündel bereits zwei Mal umplatziert wurde, müsse es mit Psychopharmaka behandelt werden, obwohl dies im «Haus Tobias» jahrzehntelang nie nötig war. «Trotz Einschränkungen bekommen Behinderte alles mit», so Cohen. Vor 25 Jahren habe man versucht, Behinderte aus den Kliniken zu holen: «‹Aus den Augen, aus dem Sinn› werden sie heute wieder in Grossheime und geschlossene Anstalten gesteckt.» Dabei sei die Betreuung im «Haus Tobias» gleich teuer oder günstiger gewesen.

Warum also die Schliessung? Der Betrieb sei «für die behinderten Menschen nicht zumutbar» gewesen; zu näheren Details will sich Claus Detreköy vom Alba nicht äussern. Laut Paul-E. Cohen beruht die Schliessung auf dem Vorwurf von Gewaltanwendung, Essensentzug und Essenszwang. Zwar verzichtete Cohen auf eine Beschwerde gegen die Schliessung, reichte aber Strafanzeige gegen M. und drei weitere Ex-Mitarbeiterinnen ein (az Langenthaler Tagblatt berichtete).

Bereits 2002 gab es eine Anzeige gegen das «Haus Tobias»; der Vorwurf wurde entkräftet. In der Fragestunde des Grossen Rates im Januar wurde dazu bekannt, dass auch 2007 eine Anzeige gegen Cohens Institution einging. «Davon habe ich aus den Medien erfahren», entrüstet sich der Ex-Heimleiter. «Ich werde zwar angeschwärzt, weiss aber bis heute nicht, wer die Anzeige einreichte.» Über Studer klagt Cohen: «Kurz vor Weihnachten war seine Mitarbeiterin auf Besuch und hat keine kritische Frage gestellt. Nun will er sich nicht einmal meine Sicht anhören. Wie führt so ein Politiker seine Verwaltung?»

Zu O. M. sagt Cohen, nach einem Burnout habe er ihm «eine Chance geben» wollen. Doch sei er überfordert gewesen, habe sich über seine Anweisungen wie auch jene des Physiotherapeuten hinweggesetzt. «Auch den freiwilligen Stiftungs-Beitrag hat er nicht überwiesen.» Erst jüngst sei M. vor der Schlichtungsbehörde in Burgdorf mit Forderungen für zusätzliche Heimwerkerarbeiten «auf der ganzen Linie abgeblitzt», so Cohen. Einen Koch aus Bangladesch und die Obsternte-Hilfskräfte habe M. rassistisch beschimpft. Trotz mehrerer Versuche war M. für diese Zeitung nie für eine Stellungnahme erreichbar.

«Wie man sich verhält, ist in der Hausordnung klar beschrieben», sagt Paul-E. Cohen. Dazu hielten interne Konzepte fest, an wen man sich bei Vorfällen oder Streitigkeiten wenden müsse. Das gelte insbesondere für den Umgang mit allfälligen Gewaltvorfällen: «Die, welche sich nun beklagen, haben die dafür vorgesehenen Anlaufstellen nie angerufen.»

Dass Cohen das Personal mithin auch in der Freizeit kontrollierte, da er selbst im Dachstock des «Hauses Tobias» wohnt, «passte einigen Mitarbeitenden natürlich nicht». Nicht zuletzt aus Misstrauen gegenüber der nach dem Tod seiner Frau eingestellten Pflegeleiterin – der Cohen inzwischen ebenfalls kündigte – wurde am Ende eine private Spitex für die Pflege einer Bewohnerin engagiert.

«Vor der Schliessung konfrontierte der Kanton weder Angestellte noch Externe wie den Heimarzt oder die Ombudsstelle mit den Vorwürfen», so Cohen. Versuche die Gemeinde Köniz, nun nachträglich, als Beweisergänzung für das ihrerseits gegen das «Haus Tobias» angestrengte Strafverfahren, an Alba-Unterlagen zu kommen, ist für Cohen ein «Hinweis für die dünne Beweislage, die zur Schliessung führte». Sich im Nachgang Beweise zusammenzusuchen, sei «eines Rechtsstaates unwürdig».

«Mit 57 keine Chance mehr»

Wie lautet Paul-E. Cohens Fazit aus ein paar Wochen Distanz? «Ich bin nicht an der Aufgabe zerbrochen, aber am Umfeld.» Dann schlägt wieder der Idealist durch: «Ich betrachtete das ‹Haus Tobias› stets als sinnvolle Lebensaufgabe.» Wie es mit ihm nun weitergeht? «Mit 57 Jahren und diesem Ruf habe ich keine Chance. Das bereitete mir am Anfang Angst. Heute sehe ich die Zukunft gelassener.» Noch gehe es darum, den Betrieb sauber zu liquidieren, woran sich auch der Kanton beteiligt. Betreffend Liegenschaft sei alles offen: «Am schönsten wärs, eine neue Institution mit einer neuen Trägerschaft würde das Haus übernehmen.»

* Name der Redaktion bekannt.