Wiedlisbach

Auf der Suche nach dem Espresso-N

Richard Tschan.

Richard Tschan.

Wie der Oberaargauer Rudolf Tschan den Namen einer Kaffeekapsel erfand – oder prägte. Und warum sein Bruder zuhause keine Nespresse-Machine stehen hat.

Ein Buch, ein Bild und viele Erinnerungen. Das ist es, was Richard Tschan von seinem Bruder Rudolf hat. Die Erinnerungen gehen zurück bis in die Kindheit, zu dem Haus an der Baselstrasse in Wiedlisbach, «wo wir drei aufgewachsen sind», Richard, sein Zwillingsbruder, und Rudolf eben, der jüngste der drei Brüder. Das Bild zeigt einen Mann von eleganter Erscheinung, Rudolf Tschan in späten Jahren. Und das Buch?

Der Bruder

Richard Tschan lebt mit seiner Frau in Wiedlisbach. Vor drei Jahren erhielt er das Wiedlisbacher Ehrenbürgerrecht, er war früher Gärtnermeister und engagierte sich in der Gemeinde, unter anderem mehrere Jahre als Gemeinderat. Zudem war er OK-Präsident der Gartenbau-Ausstellung «Grün 80» in Basel, als es ihm gelang, Queen Elisabeth zu einem Besuch der Ausstellung zu bewegen. Das war dann sogar dem deutschen «Spiegel» eine Geschichte wert.

In dem Buch aber steht die Geschichte seines Bruders, darum geht es ja. Es ist eine Geschichte unter vielen darin und eine kurze nur. Es ist auch nicht die ganze Geschichte, aber wer könnte die erzählen? Der Bruder ist vor drei Jahren gestorben, 79 Jahre wurde er alt, auf seinem Grab lagen Kränze und Blumen aus aller Welt.

Der Generaldirektor

Dick und schwer liegt das Buch auf dem Tisch, «Wandel als Herausforderung» heisst es, es geht um die Geschichte des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé in den Jahren 1990 bis 2005. Ein paar Reiter stecken im Buch, orange, rot und gelb, sie kleben an Seite 112, Seite 155, Seite 169 und Seite 364.

Auf der letzten dieser markierten Seiten steht, was Rudolf Tschan in den späten Jahren bei Nestlé war, «Mitglied der Konzernleitung», und: «1986–1992, Generaldirektor Zone Asien, Ozeanien». Auf der zweitletzten Seite steht, wann seine Zeit bei Nestlé zu Ende ging: 1993, als Michael W.O. Garrett «diejenige Position des in Pension gehenden Rudolf Tschan an der Spitze der Zone Asien und Ozeanien übernahm».

Auf der ersten dieser Seiten, auf 112, steht, warum Rudolf Tschan ein berühmter Mann sein könnte in Zeiten, in denen man fast glauben möchte, Kaffee wachse nicht auf Plantagen in Brasilien, Vietnam, Äthiopien, sondern an bunten Kapselbäumen an den sonnigen Hängen des Genfersees. «Einer der Espresso-Forscher, Eric Favre, beschloss, die Kapseln und die dazu gehörenden Maschinen privat weiterzuentwickeln. Es gelang ihm, den damaligen Marktchef von Japan, Rudolf Tschan, zu einem Konsumententest zu bewegen, der 1984 erfolgreich verlief.»

Richard Tschan lehnt sich zurück in seinem Sessel. Favres Name tauchte kürzlich in den Zeitungen auf. «Der Kaffeekapsel-Pionier setzt jetzt auf Tee», schrieb etwa das «az Langenthaler Tagblatt», er lanciere jetzt ein neues System in Asien. Favre gilt als der Erfinder der Kaffeekapsel. Wer erfand den Namen?

In Asien war Richard Tschan auch einmal, auf Einladung seines Bruders. Es war das Jahr 1972, mit Kollegen besuchte er Japan, Rudolf Tschan war damals Chef des Gebiets Japan. «In Hiroshima», erzählt jetzt Richard Tschan, «besuchten wir eine Fabrik, und morgens um acht Uhr sassen die Direktionsmitglieder an einem Tisch und degustierten Kaffee.» Schon damals drehte sich vieles im Leben von Rudolf Tschan um Kaffee, aber von Nespresso war noch nicht die Rede.

Der Erfinder

Im Buch aber wird noch auf Seite 112 Nespresso erwähnt. «Hier steht es», sagt Richard Tschan, er hat es mit gelbem Leuchtstift markiert, es passierte irgendwann nach 1986, es ist der Beweis: «Tschan wurde wenig später als Chef der Zone Asien und Ozeanien nach Vevey versetzt und bemühte sich dort, das Konzept, das auf seinem ‹Abstecher› nach Japan den Namen Nespresso erhalten hatte, beliebt zu machen.»

Nun kann man die Zeilen im Buch sehr wohl so verstehen, dass Rudolf Tschan den Namen erfunden hat. Darin stecken das «Nes» von Nestlé, wie es zuvor schon in «Nescafé» Verwendung fand, und, sagt Richard Tschan, das italienische «pressare», wie – in Kapseln – «pressen». Und natürlich der «Espresso», womit ein N fehlte zum Namen, der nun zu einer Erfolgsgeschichte geworden ist. Stammt er Rudolf Tschan?

Anruf beim Verfasser des Nestlé-Buchs. «Das weiss ich nicht genau», sagt Albert Pfiffner, einer der beiden Autoren und Leiter des historischen Archivs von Nestlé. Er fragt herum, aber niemand kennt die genaue Antwort. «Sicher war er bei der Namensgebung beteiligt. Erfahrungsgemäss ist das nach so langer Zeit aber nur schwer herauszufinden», sagt Pfiffner. Es ist aber eine Frage, der er nachgehen will.

Richard Tschan bleibt das Buch und das, was darin steht. Und ein Bild und eine Erinnerung. Nicht mal eine Kaffeemaschine. «Daheim», sagt er, «trinken wir nicht Nespresso.»

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