Industrie
Luzerner Stahlkocher Swiss Steel Group plant weitere Kapitalerhöhung, Präsident Jens Alder tritt zurück

An einer ausserordentlichen Generalversammlung vor Weihnachten soll eine weitere Kapitalerhöhung beschlossen werden. Die Beteiligungsgesellschaft Big Point von Martin Haefner garantiert dabei einen Mindestpreis von 21 Rappen pro Aktie. Die Interessengemeinschaft der Kleinaktionäre spricht von einem Affront.

Maurizio Minetti
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Stahlwerk von Swiss Steel in Emmenbrücke LU.

Stahlwerk von Swiss Steel in Emmenbrücke LU.

Bild: Dominik Wunderli (29. Juni 2020)

Der angeschlagene Luzerner Stahlhersteller Swiss Steel Group braucht erneut Geld. Wie das Unternehmen am Dienstag mitteile, ist eine Kapitalerhöhung mit einem Bruttoerlös von 200 Millionen Euro vorgesehen. Dafür soll am 22. Dezember 2020 eine ausserordentliche Generalversammlung durchgeführt werden.

Die Kapitalerhöhung diene der Stärkung der Bilanz und Verbesserung der «aktuell unbefriedigenden Eigenkapitalquote von rund 10 Prozent», teilt das Unternehmen mit. Den grössten Teil der Mittel will Swiss Steel nutzen, um das Aktionärsdarlehen des Hauptaktionärs Big Point in der Höhe von 130 Millionen Euro zurückzubezahlen. Big Point ist die Gesellschaft von Amag-Erbe Martin Haefner, der aktuell knapp 50 Prozent am Unternehmen hält. Wie Finanzchef Markus Böning an einer Telefonkonferenz sagte, spare man durch die geplante Kapitalerhöhung trotzdem etliche Millionen, weil Zinsen für Fremdkapital wegfallen. Dieses Geld werde nun anderweitig zielgerichteter eingesetzt. Gleichzeitig gewähren die kreditgebenden Banken laut der Mitteilung «erhebliche Erleichterungen», wenn die Kapitalerhöhung von 200 Millionen klappt. Dank der verbesserten Kreditkonditionen könne man erhebliche Kosten einsparen, Risiken reduzieren und unternehmerische Freiheit zurückgewinnen, heisst es bei Swiss Steel.

Man verfüge zwar dank einer umstrukturierten Bilanz über eine ausreichende Liquidität, betonte Swiss-Steel-Group-CEO Clemens Iller in der Telefonkonferenz. Doch gleichzeitig liess er durchblicken, dass die jetzigen Massnahmen wichtig seien, um Mitarbeitende, Kunden und Lieferanten zu beruhigen. Zuletzt erholte sich das Geschäft von Swiss Steel etwas; Iller berichtete von einem «ausgesprochen erfolgreichen Auftragseingang» im Oktober.

Angebot liegt unter dem aktuellen Aktienkurs

Im Rahmen der geplanten Kapitalerhöhung soll jeder Aktionär anteilsmässig Rechte zum Bezug neuer Namenaktien zum Bezugspreis erhalten. Um den angestrebten Mindesterlös von 200 Millionen Euro sicherzustellen, hat sich Haefners Big Point gegenüber der Gesellschaft verpflichtet, sämtliche ihr zugeteilten Bezugsrechte auszuüben. «Für die abermalige Unterstützung unseres Hauptaktionärs sind wir sehr dankbar», lässt sich CEO Clemens Iller in der Mitteilung zitieren.

Weiter hat sich Big Point verpflichtet, jene neuen Namenaktien, für welche keine Bezugsrechte ausgeübt werden und die im Rahmen der Kapitalerhöhung nicht bei anderen Investoren mittels Bookbuilding-Verfahren zu einem Preis von mindestens 21 Rappen pro Namenaktie platziert werden können, zum genannten Mindestpreis zu erwerben (sogenannter Backstop). Dank diesem Backstop sei der erforderliche Mindesterlös von 200 Millionen Euro gesichert; gleichzeitig seien Aktionäre, die ihr Bezugsrecht nicht ausüben wollen, vor übermässiger Verwässerung geschützt, indem der Bezugspreis für alle Aktien aus der Kapitalerhöhung mindestens 21 Rappen betragen werde, so Swiss Steel.

Bei den Kleinaktionären stösst dieser Preis allerdings auf Ablehnung, denn die Swiss-Steel-Aktie wird aktuell für rund 24 Rappen gehandelt. Dass viele Kleinaktionäre ihre Papiere zu 21 Rappen verkaufen, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Tun sie dies nicht, verwässert sich ihr Anteil. Kleinaktionär Roland Wismer, der kürzlich die «Interessengemeinschaft der unzufriedenen Kleinaktionäre der Swiss Steel» (Iguk) mitgegründet hat, sagt denn auch auf Anfrage: «Dieses Angebot ist ein weiterer Affront.» Die Iguk forderte vor wenigen Wochen einen Preis in der Höhe von 45 Rappen pro Aktie. Ob die Liwet Holding, deren Hauptaktionär der russische Investor Viktor Vekselberg ist und die aktuell rund 25 Prozent der Anteile hält, bei der aktuellen Kapitalerhöhung mitziehen wird, ist offen. Je nach Szenario könnte der Anteil von Big Point auf 70 bis 80 Prozent steigen.

Jens Alder nimmt den Hut

Verwaltungsratspräsident Jens Alder an der ausserordentlichen Generalversammlung vom 2. Dezember 2019 im Stahlwerk in Emmenbrücke LU.

Verwaltungsratspräsident Jens Alder an der ausserordentlichen Generalversammlung vom 2. Dezember 2019 im Stahlwerk in Emmenbrücke LU.

Bild: Dominik Wunderli

Im Zuge dieser geplanten Kapitalerhöhung wird Verwaltungsratspräsident Jens Alder am 22. Dezember zurücktreten. Er sehe seine Rolle als unabhängiger Präsident erfüllt, heisst es in der Mitteilung. Das Aufsichtsgremium ernennt den Vizepräsidenten Heinrich Christen für die verbleibende Amtszeit bis zur Generalversammlung 2021 zum neuen Verwaltungsratspräsidenten.

Alder hatte das Amt erst im April 2019 übernommen. Im Verlauf des vergangenen Jahres stritten sich die Grossaktionäre Big Point und Liwet um die Macht beim Stahlkonzern, der sich kürzlich von Schmolz+Bickenbach in Swiss Steel Group umbenannt hat. Am Ende einigten sich Big Point und Liwet auf eine Kapitalerhöhung und Martin Haefner avancierte mit seiner Big Point zum grössten Einzelaktionär mit einem Anteil von aktuell knapp unter 50 Prozent.

Durch die damalige Kapitalerhöhung fand ein Kontrollwechsel statt, der normalerweise dazu führt, dass den übrigen Aktionären ein Übernahmeangebot gemacht werden muss. Haefners Bereitschaft, mehr Kapital einzuschiessen, war allerdings an die Entbindung von diesem Pflichtangebot geknüpft. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) gewährte Haefner diese Ausnahme – damit gingen die Minderheitsaktionäre damals leer aus. Die Erben der Gründerfamilien Schmolz und Bickenbach wehrten sich dagegen und erhielten von Martin Haefner schliesslich ein grosszügiges Angebot von 45 Rappen pro Aktie, bei einem damaligen Wert pro Aktie von 22 Rappen. Dies ist auch der Preis, den die IG der Minderheitsaktionäre fordert.