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«Sie haben die Mannschaft und die Bevölkerung zusammengebracht» – die Pressestimmen zum EM-Aus gegen Spanien

Die Schweizer Medienlandschaft ist einen Tag nach dem denkbar knappen Ausscheiden an der EM gegen Spanien voll des Lobes für eine mitreissende Nati, die das Land begeistert und geeint hat. Auch ausländische Zeitungen zollen Respekt. In Spanien steht Penalty-Held Unai Simón im Fokus.

Dan Urner, Dario Pollice
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Bedrückte Schweizer Spieler nach dem EM-Out im Penaltyschiessen gegen Spanien.

Bedrückte Schweizer Spieler nach dem EM-Out im Penaltyschiessen gegen Spanien.

Keystone

Trotz aller Enttäuschung: In der Schweizer Presse überwiegt einen Tag nach dem bitteren EM-Aus gegen Spanien der Stolz auf die Nati. Die NZZ huldigt einer «generösen Leistung»: «Sie verloren nie den Glauben, nahmen das Spiel an und belohnten sich mit dem Ausgleich von Xherdan Shaqiri, den Remo Freuler vorbereitet hatte. Am Ende aber waren nur Tränen.» Die Zürcher führen in einem Kommentar aus, die Art und Weise, wie die Schweizer aus dem Turnier gingen, werde noch einige Zeit in Erinnerung bleiben, «diese Wehrhaftigkeit, mit der sie sich in Unterzahl gegen Spanien wehrten».

«EM um eine grosse Attraktion ärmer»

Ähnlich begeistert zeigt sich die Schweiz am Wochenende: «Die Schweizer imponieren mit ihrer Widerstandskraft. Heldenhaft lehnen sie sich gegen alle Widrigkeiten auf. Keine Resignation. Tapfer. Wacker. Aufopferungsvoll. Aber vor allem auch intelligent.» Fussballexperte François Schmid-Bechtel kommt in seinem Kommentar zum Schluss: «Ohne unsere Nati ist die EM um eine grosse Attraktion ärmer.»

Watson widmet Nati-Goalie Yann Sommer eine eigene Lobeshymne. Er habe bewiesen, dass er zu den internationalen Top-Torhütern gehört. «In Erinnerung bleiben werden Yann Sommers Big-Saves gegen Frankreich und Spanien. Seine Ausstrahlung und Sicherheit. Seine überlegt geführten Interviews und natürlich sein gehaltener Penalty gegen Mbappé, welcher der Schweiz das über allem stehende Ziel Viertelfinal erst ermöglicht hat.»

Le Temps beschreibt den Viertelfinal gegen Spanien als ein Wechselbad der Gefühle: «von der Machtlosigkeit zu Beginn des Spiels bis zur Verzweiflung am Ende, über die Frustration über das Eigentor durch Denis Zakaria und die Resignation. Dann wieder Hoffnung in der zweiten Halbzeit, die Befreiung durch den Treffer von Xherdan Shaqiri, die Wut über den Platzverweis gegen Remo Freuler, das Leiden bis zum Schluss.» Die Westschweizer loben die Nati für ihre Werte wie «Opfergeist» und «Solidarität».

«Diese Mannschaft hat uns stolz gemacht», findet La Liberté, die der Nati attestiert, die «schönste Seite Schweizer Fussballgeschichte geschrieben» zu haben. Die Freiburger Tageszeitung führt anerkennend aus: «Sie hat uns zum Beben gebracht, uns eine verrückte Woche lang Freude bereitet. Nur ein Wort: danke.»

Die EM als verbindendes Element

«Was wir an der Europameisterschaft 2021 mit dieser Mannschaft erleben, ist grossartig», schwärmt der Tages-Anzeiger am Samstag. Gemäss einem Kommentar zeigte die Schweizer Nati bei der Euro die besten Leistungen, die «der Schweizer Fussball seit Jahrzehnten erlebt hat». «Sie haben die Mannschaft und die Bevölkerung zusammengebracht, wie das lange nicht mehr der Fall gewesen ist», befindet der «Tagi» am Samstag. Keiner habe sich mehr gekümmert, wer welchen Hintergrund hat, wer Secondo ist oder «Schweizer-Schweizer», wie das Granit Xhaka einmal formuliert habe.

Ähnlich argumentiert der Blick, der in der Fussball-EM «die letzte kollektive Ekstase» erkennt und sie als verbindendes Element einer zunehmend individualisierten Gesellschaft stilisiert. «Der Match ist der letzte Event, den wir zur gleichen Zeit erleben, und das letzte Thema, über das die ganze Nation tagelang redet.»

Die Schaffhauser Nachrichten ziehen Parallelen zum deutschen «Sommermärchen» an der WM 2006, als sich das in Euphorie versetzte Land während vier Turnierwochen geschlossen hinter die Nationalmannschaft stellte, und konstatieren 2021 in der Schweiz eine ähnliche Begeisterung: «Mit den Schweizer Siegen gab es erstmals einen altersübergreifenden und unverfänglichen Grund, sich von Herzen zu freuen.» Diesem «EM-Sog» seien dabei auch solche verfallen, «die nur um des gemeinschaftlichen Erlebnisses wegen an der Feier, den Hupkonzerten und der Bierdusche teilgenommen haben».

Die Nati verabschiedet sich «erhobenen Hauptes»

Ennet der Grenze lobt die Süddeutsche Zeitung vor allem die Leistung des Schweizer Torhüters: «Der Erfolg war vor allem Torwart Yann Sommer zu verdanken, der teilweise brillante Paraden zeigte.» Gleichzeitig unterstreicht sie, dass die Spannung der Verlängerung und des Elfmeterschiessens das «weitgehend fade Spiel» entschädigten, das die beiden Mannschaften in der regulären Spielzeit geboten hatten.

Nach Ansicht der Frankfurter Allgemeinen ist der «Weltmeister-Bezwinger» nach dem Eigentor und der Roten Karte im Viertelfinale «unglücklich ausgeschieden». Dabei seien auf Schweizer Seite vor allem die Überraschungsmomente durch den gesperrten Captain Xhaka «schmerzlich vermisst» worden.

Die Bild-Zeitung fasst dagegen das Ausscheiden der Nati so zusammen: «Diese Schweizer können nur Drama! Ihr Sommer-Märchen endet tragisch.» So werden die «Fightgenossen» des Achtelfinals bei der Boulevardzeitung zu den «Leidgenossen».

Die Online-Ausgabe der Sportzeitschrift Kicker findet, die Schweiz habe sich «erhobenen Hauptes» aus dem Turnier verabschiedet. Von fünf Partien habe die Nati bei der EM in regulärer Spielzeit nur eine verloren und den amtierenden Weltmeister ausgeschaltet: «Fakten, auf die zurecht stolz geblickt werden kann.»

Simón «in Ikers Fussstapfen»

Unai Simón avancierte im Elfmeterschiessen zum spanischen Helden. Nun wird er in der heimischen Presse mit Lobeshymnen bedacht.

Unai Simón avancierte im Elfmeterschiessen zum spanischen Helden. Nun wird er in der heimischen Presse mit Lobeshymnen bedacht.

Keystone

Spanische Medien blicken vor allem auf ihren Penalty-Helden, Torhüter Unai Simón. «Er war der Held des Abends, denn er hatte endlich seinen grossen Auftritt für Spanien», frohlockt die Zeitung ABC. Die Sportzeitung AS sieht den 24-Jährigen in den Fussstapfen der Goalie-Legende Iker Casillas. Simón, der nach dem Achtelfinal gegen Kroatien noch für seinen kapitalen Fehler beim Gegentor zum 0:1 scharf kritisiert worden war, «hat sich im Viertelfinale gegen die Schweiz zu einer tragenden Säule der Nationalmannschaft entwickelt. Der Torhüter von Athletic nimmt den Weg von Iker Casillas auf. Der ehemalige Kapitän war im Elfmeterschiessen der Euro 2008 entscheidend, als er zwei Strafstösse gegen Italien parierte, genauso wie Simon gegen die Schweiz in St. Petersburg.»

Auf der britischen Insel schreibt The Guardian, dass die Schweiz gegen Frankreich noch jeden ihrer Elfmeter «souverän verwandelte». Doch gegen Spanien wirkten ihre Bemühungen dieses Mal «müde und unentschlossen». Die Spanier müssten sich hingegen aus Sicht des Kommentators steigern, wenn sie Europameister werden wollen. The Daily Mail fasst dagegen das Elfmeterschiessen ziemlich lakonisch zusammen: «Spanien hat einen Gegner gefunden, der noch schlechter im Elfmeterschiessen ist als sie selbst, und deshalb sind sie ein Spiel vom Finale der Euro 2020 entfernt.»

In Frankreich ist Le Monde der Ansicht, dass der Sieg Spaniens zwar insgesamt verdient gewesen sei. Doch die Nati «lieferte einen harten Kampf». Die Sport-Zeitung L’Equipe bezeichnet das Aus der Nati im Elfmeterschiessen dafür als ein «grausames Ende». Die Schweizer seien in einer zermürbenden Verlängerung von der «Roja» erdrückt worden, konnten aber dank einem sehr starken Yann Sommer lange Zeit mithalten. Doch bei den Penaltys habe die Nati dann nicht die Nerven gefunden, um ein zweites Elfmeterschiessen in Folge zu gewinnen, heisst es.

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