Fussball
Wie die Nations League England, Frankreich und Italien in eine Sinnkrise gestürzt hat

Ausgerechnet im WM-Jahr geben Titelverteidiger Frankreich und Titelfavorit England eine jämmerliche Figur ab. Italien, das sich nicht mal für Katar qualifiziert hat, tut sich beim Neuaufbau der Squadra Azzurra schwer.

Simon Wespi, Dan Urner und François Schmid-Bechtel
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Über den Stellenwert der Nations League gehen die Meinungen auseinander. Doch Testspiele unter Wettkampfbedingungen hin oder her. Es ist augenfällig: Ausgerechnet im WM-Jahr 2022 tun sich grosse Fussballnationen im Wettbewerb schwer. Die Nations League hat Frankreich, England und Italien in eine Sinnkrise gestürzt.

Frankreich: Der Totalausfall des Weltmeisters

Kylian Mbappé und Karim Benzema (hinten) blieben im Dress der Grande Nation blass.

Kylian Mbappé und Karim Benzema (hinten) blieben im Dress der Grande Nation blass.

Keystone

Der so stolze Weltmeister ist im Kriechgang. Der Zauber vergangener Tage ist längst verflogen. Die Équipe Tricolore holte in der Nations League in vier Partien lediglich zwei Punkte. Die Mannschaft von Trainer Didier Deschamps musste zwei Heimspiel-Pleiten gegen Dänemark (1:2) und Kroatien (0:1) einstecken. Auch in Österreich sowie in Kroatien resultierte für unseren westlichen Nachbar zweimal nur ein 1:1-Remis. Die Ausbeute Frankreichs ist deutlich zu wenig. Auch spielerisch gab das Starensemble um Karim Benzema und Kylian Mbappé ein ernüchterndes Bild ab.

«Totalausfall», «Fiasko», «ein Spiel zum Vergessen»: Am Tag nach dem neuerlichen Tiefpunkt des Weltmeisters las die französische Presse ihrer Millionentruppe gehörig die Leviten. Coach Deschamps wirkt zunehmend ratlos - und so schrillen in Frankreich fünf Monate vor der WM in Katar die Alarmglocken. «Uns fehlten Kraft, Charakter und Energie. Das muss man akzeptieren, auch wenn es weh tut», sagte Deschamps nach dem trostlosen 0:1 gegen Kroatien im Stade de France, dem vierten Spiel hintereinander ohne Sieg.

Der Weltmeister von 2018 hat in der Nations League keine Chance mehr auf eine erfolgreiche Titelverteidigung. Im Gegenteil: Frankreich droht der Abstieg in die B-Liga. Die Équipe Tricolore reist im September nach Kopenhagen zum Leader – alles andere als ein Selbstläufer. Denn Dänemark holte drei Siege und steht bei neun Zählern. Der EM-Halbfinalist ist auf bestem Weg, das Finalturnier der Nations League zu erreichen. Während Frankreich ums Überleben in der höchsten Klasse kämpft.

England: Trainer Southgate steht im Auge des medialen Orkans

Gareth Southgate hat heuer wenig zu lachen.

Gareth Southgate hat heuer wenig zu lachen.

Keystone

England gibt dieser Tage eine lamentable Figur ab. Der EM-Finalist des vergangenen Jahres ist nach vier Partien weiter sieglos und nach einer sensationellen 0:4-Heimpleite gegen Ungarn an einem vorläufigen Tiefpunkt angelangt. Der Klatsche wohnten gar historische Ausmasse inne: Es war die deutlichste Heimniederlage seit 1928. Und noch nie hatten die «Three Lions» auf heimischen Boden mit vier Toren Unterschied verloren, ohne einen eigenen Treffer zu erzielen.

Die Art und Weise, wie sich das «Mutterland des Fussballs» in der zweiten Halbzeit vom Underdog geradezu vorführen liess, hat das ohnehin lädierte Standing von Trainer Gareth Southgate nicht gerade verbessert – vorsichtig formuliert. Bereits während der Partie war der 51-Jährige von den eigenen Fans in Wolverhampton mit Buhrufen, Spott und Häme bedacht worden. «Du weisst nicht, was du tust», schallte es von den Rängen. Eine krachende Ohrfeige für den ehemaligen Verteidiger, der sein Team immerhin in den WM-Halbfinal 2018 und den EM-Final 2021 geführt hatte.

Auch die Presse ging mit dem Auftritt der Mannschaft hart ins Gericht. «Wahrlich furchtbar» sei diese Leistung gewesen, «zweifellos die schlechteste in Southgates sechsjähriger Amtszeit», urteilte das selten um markige Worte verlegene Boulevardblatt «The Sun» am Mittwochmorgen. «Es besteht der generelle Eindruck, dass sich dieses Team nicht weiterentwickelt», wagte der «Daily Mirror» eine Grundsatzkritik – und nahm vor allem Anstoss an der Tatsache, dass England in vier Nations-League-Begegnungen keinen einzigen Torerfolg aus dem Spiel heraus zustande gebracht hatte.

Intern gibt sich der Weltmeister von 1966 vergleichsweise gelassen. Es sei nicht die Zeit, um in Panik auszubrechen, äusserte sich der auf Coach Southgate angesprochene Captain Harry Kane am «BBC»-Mikrofon. «Wir sind enttäuscht über die Niederlage, aber wir müssen ruhig bleiben. Lasst uns nicht vergessen, wo wir herkommen.» Der Trubel dieser stürmischen Tage mag darüber hinwegtäuschen, dass England, dem ob seiner illustren Namen im Kader traditionell grosse Ambitionen attestiert werden, vor Southgates Amtsantritt 2016 zahlreiche enttäuschende Turniere aneinandergereiht hatte. Dem Übungsleiter mag ferner zugutekommen, dass er auf der Trainerbank eine Kontinuität verkörpert, die durch zahlreich gescheiterte Trainer-Experimente zuvor abhandengekommen war.

Italien: Wenn ein 18-jähriger vom FC Zürich der neue Hoffnungsträger ist

2:5 gegen Deutschland: Ein schmerzhafter Abend nicht nur für Italiens Torhüter Gianluigi Donnarumma (in Rot).

2:5 gegen Deutschland: Ein schmerzhafter Abend nicht nur für Italiens Torhüter Gianluigi Donnarumma (in Rot).

Martin Meissner / AP / keystone-sda.ch

Der Europameistertitel hat vieles übertüncht, was im italienischen Fussball seit Jahren nicht so richtig gut läuft. Klar, der Notstand wird jetzt nicht gerade ausgerufen. Das Versagen in der WM-Qualifikation ist besprochen, Geduld und Verständnis für den Neuaufbau sind vorhanden. Und so schlecht lief es den Italienern mit fünf Punkten aus vier Spielen ja gar nicht in der Nations League, sieht man mal von der 2:5-Demontage gegen Deutschland ab.

Aber eben jener Auftritt in Mönchengladbach legt frei, dass die Italiener von ihrem Selbstverständnis einer Fussball-Grossmacht noch weit entfernt sind. Und das schmerzt. Da ist der Rücktritt von Chiellini, der Verweis auf die Absenzen von Verratti, Bonucci, Chiesa, Jorginho, Zaniolo oder Insigne höchstens Symptombekämpfung. Die Ursache des Problems ist aber ein anderes. Ein strukturelles.

Die italienischen Spitzenklubs setzen zu stark auf ausländische Arbeitskräfte. Bei Meister Milan kamen nur drei italienische Spieler in der abgelaufenen Saison auf 20 oder mehr Einsätze in der Serie A. Bei der AS Roma sind es vier, bei Juventus fünf. Das führt dazu, dass Nationaltrainer Roberto Mancini seine Spieler in Frosinone und Sassuolo, bei Hellas Verona und Spal Ferrara oder sogar beim FC Zürich zusammensuchen muss. Nichts gegen den FCZ und Wilfried Gnonto. Aber dass ein 18-jähriger Stürmer aus der Schweizer Super League als neuer Shootingstar Italiens gehandelt wird, ist doch sehr gewöhnungsbedürftig.

Wie kompliziert und beschwerlich der Weg vieler italienischer Fussballers ist, sehen wir am Beispiel Leonardo Spinazzola. Letzten Sommer während der EM als Entdeckung gefeiert. Notabene mit 28. Warum? Weil er wie ein Spekulationsobjekt gehandelt wurde, ständig zwischen Klubs hin- und hergeschoben wurde. Bis er sich in der Serie A richtig festspielen konnte, war er schon 26. Bis er im Europacup Erfahrung sammeln konnte, schon 27. Und mit 28 entdeckt ihn die Welt. Da bleibt keine lange Blütezeit mehr.

Ein anderes Beispiel ist Domenico Berardi, der Stürmer von Sassuolo. In der Saison 2013/14 erzielt er mit 19 erst 16 Tore in der Serie A. Ein Jahr später nochmals 15. Das sind aussergewöhnliche Werte, normalerweise ein Freifahrtschein zu den europäischen Top-Klubs. Aber Berardi ist bis heute immer noch in der norditalienischen Provinz engagiert. Warum? Kaum, weil er an Champions-League-Abenden lieber mit seinen Kumpels in Sassuolo abhängt. Sondern weil sein damaliger Besitzer Juventus astronomisch viel Geld verlangt hat. Auch mit der Absicht, irgendwann auf ihn zu setzen. Aber Berardi hat bis heute keine Sekunde für die Juve gespielt. Und Berardi kennt Europacup-Gruppenspiele auch mit 28 nur aus dem Fernsehen.