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Genfer Studie: Virus auch unter Schulkindern stark verbreitet

Rund 20 Prozent der Kinder im Schulalter haben sich im Kanton Genf bereits mit dem Coronavirus angesteckt. Sie sind damit nicht weniger betroffen als Erwachsene. Dies zeigt eine Genfer Studie.

Peter Walthard
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«Nicht Treiber der Pandemie»: Aktuelle Zahlen aus Genf zeigen keine Unterschiede zwischen Schulkindern und Erwachsenen. (Symbolbild)

«Nicht Treiber der Pandemie»: Aktuelle Zahlen aus Genf zeigen keine Unterschiede zwischen Schulkindern und Erwachsenen. (Symbolbild)

Keystone

Noch in der ersten Welle hätten Antikörpertests einen grossen Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern gezeigt, berichtet ein Forscherteam, an dem unter anderem der Genfer Chefarzt Idris Guessous beteiligt ist, im Fachjournal «The Lancet Infectious Diseases». Untersuchungen nach der zweiten Welle zeigten nun ein anderes Bild: Kinder im Schulalter seien nicht weniger häufig Träger des Virus als Erwachsene.

Hat jemand Corona-spezifische Antikörper im Blut, wird davon ausgegangen, dass sich die Person in den letzten Monaten angesteckt hat. Die Untersuchungen in Genf zeigen, dass dies dort bei rund einem Fünftel der Bevölkerung der Fall sein dürfte: Die sogenannte Seroprävalenz beträgt 21,5. Das heisst: Von hundert Personen haben sich, unter Berücksichtigung einer Fehlerbandbreite, 19 bis 23 Personen bereits einmal angesteckt. Für die Studie wurden 4000 Personen getestet.

Bei Schulkindern zwischen sechs und elf Jahren liegt dieser Wert bei 22.8, bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren bei 23.6. Diese Werte sind vergleichbar mit jenen der Erwachsenen. Bei Genfern zwischen 18 und 24 Jahren beträgt der Wert 25,4, bei jenen zwischen 25 und 34 Jahren 25.9, bei jenen zwischen 35 und 49 Jahren 23.6. Personen zwischen 50 und 64 Jahren zeigten eine Seroprävalenz von 21.2. Sie sind damit etwas weniger betroffen als Kinder im Schulalter.

Kinder im Vorschulalter viel weniger oft betroffen

Deutlich tiefere Werte zeigen nur Kinder im Vorschulalter und Pensionierte: Sowohl die Personengruppe von 0 bis 5 Jahren als auch jene von 65 bis 74 Jahren zeigen eine Seroprävalenz von 14.9. Der tiefste Wert findet sich unter den Über-75-Jährigen: Bei ihnen liegt er bei 9,3.

Die Studie zeigt einen grossen Unterschied zwischen Kindern im Vorschulalter und jenen, die schulpflichtig sind: Im Vorschulalter ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind sich angesteckt hat, ganze 43 Prozent kleiner. Die Studie widerspricht damit der in der Schweiz seit der ersten Welle weit verbreiteten Hypothese, wonach «Kinder nicht Treiber der Pandemie» seien. Die Autoren verweisen denn auch darauf, dass die Schulen in der ersten Welle geschlossen gewesen seien, was die damals tiefe Seroprävalenz bei Kindern erklären dürfte.

Problematisch ist, dass sich das Virus zwar auch unter Kindern stark ausgebreitet hat, 90 Prozent der Personen mit der höchsten Sterbewahrscheinlichkeit aber noch nicht immunisiert sind. Dieser Befund müsse Auswirkungen auf die Politik haben, so die Forscher in ihrem Schreiben. Trotz Pandemiemüdigkeit brauche es fortgesetzte Massnahmen zur Eindämmung der Seuche.