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Rapper Lil Nas X: Er setzt der Bling-Bling Welt eine Überdosis Glitzer entgegen

Lil Nas X ist der erste offen schwule Superstar im Rap. Der Amerikaner hat soeben sein Debüt-Album veröffentlicht. Es steckt voller Hits.

Michael Graber
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Er räumt ein paar Felsbrocken auf dem Weg zur «Liebe für alle»: Lil Nas X.

Er räumt ein paar Felsbrocken auf dem Weg zur «Liebe für alle»: Lil Nas X.

Keystone

Wir Weltretter können am Sonntag mal wieder unser Gewissen beruhigen. Sollte die Demoskopie nicht einen ihrer schwärzesten Tage einziehen, wird die «Ehe für alle» an der Urne deutlich angenommen. Von links bis fast rechts sind sich die Abstimmenden einig, dass es dafür mindestens «höchste Zeit» sei. Im regenbogenfarbenen Freudentaumel geht dabei ein bisschen unter, dass die Ehe ein Zwischenstopp auf dem Weg der Liebe ist. Wer sich vor einen Altar (oder besser: Standesamt) traut, der hat sich schon vorher getraut und das Outing hinter sich gebracht.

Natürlich, die «Ehe für alle» ist ja eigentlich auch Symbolpolitik. Sie soll ein Wegbereiter für Gleichberechtigung sein. Damit eben auch der erste Schritt in die öffentliche homosexuelle Liebe nicht mehr so schwerfällt. An dieser Stelle sei die uneingeschränkte Zustimmung zur Selbstverständlichwerdung von Selbstverständlichkeiten offengelegt. Mindestens so wichtig wie die Abstimmung kann dafür aber auch Lil Nas X sein. Der amerikanische Rapper hat soeben sein grossartiges Album «Montero» veröffentlicht. Bereits 2019 war er mit «Old Town Road» wochenlang an der Spitze der Charts gestanden. Und, Sie ahnen oder wissen es wohl schon, Lil Nas X ist schwul.

Wie aus dem Lehrfilm über toxische Männlichkeit

Aha, noch ein schwuler Künstler, werden nun jene sagen, die Nein zum Ja-Sagen sagen wollen. In vielen Kunst- und Kultur-Sparten mag das durchaus stimmen, da sind homosexuelle Menschen mittlerweile so normal geworden, wie das eigentlich überall sein sollte. Nur: Im Rap nicht. Und schon gar nicht in der amerikanischen Spielart. Da wirken viele der Selbstdarstellungen oft wie ein Lehrfilm für toxische Männlichkeit. Schnelle Autos, leichtbekleidete Frauen und Testosteron in Überdosen. Damit einher geht oft auch eine latente Homophobie. «Schwul» steht für schwach.

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Ach komm, heute ist da vieles besser geworden, werden nun viele Hip-Hop-Fans sagen, die der x-ten Debatte über Homophobie und Sexismus im Rap müde sind. Stimmt natürlich auch. Nur: Diese Diskussion ist in ganz viele Kreise nicht vorgestossen. Klar gibt es Rapper und Rapperinnen, die sich clever und wortgewandt gegen allerlei Ungerechtigkeiten wehren, in einer Samstagnacht in Bahnhofsnähe sind die aber eher nicht auf der Playlist für die Boomboxen. Daraus scheppern immer noch vorwiegend deutscher Strassenrap und die erfolgreichen Amerikaner. Dicke Beats und Rapper, die auf dicke Hosen machen.

Das Gegengift zu den Plattheiten

Womit wir wieder bei Lil Nas X wären. Der ist eben beides: erfolgreich und Amerikaner. Und ein verdammt guter Rapper. Jede Zeile im Flow, variabel in Technik und Tempo. Auf «Montero» wimmelt es von Hits. Rap-Superstar Drake, dessen Album praktisch zeitgleich erschien, muss sich beim Kampf um die Chart-Spitzenplätze sehr warm anziehen. Drake rappt darauf übrigens Zeilen wie «Yeah, say that you a lesbian, girl, me too», das ist auf dem Niveau-Level besoffener Junggesellenabschied in Borat-Kostümen.

Lil Nas X ist exakt das Gegengift zu solchen Plumpheiten. Und er erreicht all die Kreise, die sonst Drake hören. Weil er Rapper ist. Weil er Erfolg hat. Und weil er das Spiel genial beherrscht. Montero Lamar Hill, der 22-Jährige aus der Kleinstadt, setzt dem Bling-Bling-Machismo eine glitzernde, überzuckerte Welt entgegen. Auf dem Cover schwebt er nackt in einer LSD-Einhorn-Regenbogenwelt. So übertrieben männlich, wie sich gewissen Rapper inszenieren, so übertrieben schwul inszeniert sich Lil Nas X.

Das Cover der Platte.

Das Cover der Platte.

HO

In seinen Videos tanzen nackte Männer, an Award-Shows trägt er Kleid und auf Instagram zeigt er sich mit Babybauch. Dadurch, dass er alles so überspitzt, hält er der Rapwelt den Spiegel hin und macht sie aufmerksam auf ihre Hässlichkeiten. Bei der Musik ist er dagegen weit weg von der Persiflage. Es ist Hip-Hop im Autobahnformat. Und er spielt mit den Genres. Wie er sich in «Old Town Road» lustvoll an den Country schmiegte, eignet er sich nun den Pop an. Elton John spielt eine Piano-Melodie ein, im letzten Song wird er von Miley Cyrus sekundiert.

Hier ist ein Musiker unterwegs, der auf die ganz grossen Bühnen will (und zweifellos auch kommen wird). Damit ist er ein Vorbild. Und eben eines, das auch Leute erreicht, welche am Sonntag ein Nein oder gar nichts in die Urne werfen. Die feiern ihn und hören dann beiläufig «I don't fuck bitches, I'm queer, ha». Klar, der Weg zur Normalisierung ist immer noch weit und steinig. Ein paar Felsbrocken auf dem Weg zur «Liebe für alle» kann Lil Nas X aber wegräumen.

Lil Nas X: Montero (Sony)

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