Musik
Der Sommer war auch musikalisch maximal durchzogen

Grossraumdiscos? Weiterhin eher eine Erinnerung. Irgendwo zwischen Zertifikaten und Quarantänelisten blieb auch der Sommerhit auf der Strecke. Überhaupt nicht schade.

Michael Graber
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Es gibt Lücken, die müssen einfach nicht gefüllt werden. Zu ihnen gehört das Ausbleiben des Sommerhits 2021. Schon 2020 fiel er Corona zum Opfer. Dieses Jahr waren das Virus und die Einschränkungen auch noch da. Und dann war auch der Sommer, nun ja, eher kein Hit. Ganz zu Grabe tragen lassen will sich der Sommerhit aber noch nicht. Mehrere Künstler haben ein paar Belebungsversuche gestartet.

«Vamos a Marte» singt etwa Helene Fischer. Wohin? In bestem Ballermann-Spanisch gedacht, könnte damit irgendwie das Meer gemeint sein. Das würde zwar eigentlich «Mar» heissen, aber ein «te» klingt auch immer ganz famos. In Tat und Wahrheit ist das «Marte» aber eigentlich der «Marte». Oder zu deutsch eben Mars. Warum genau Frau Fischer und in ihrem Schlepp Luis Fonsi dorthin düsen wollen, erschliesst sich aus dem Text nicht ganz.

Der neue «Hit» von Helene Fischer und Luis Fonsi.

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Der «Mond ist unsere Sonne/Ich verlier' die Kontrolle», singt der Schlagerstar (37) irgendwann, und die sich anbahnende Liebelei kumuliert in «Ich spür' deinen Atmen, ich kann nicht mehr warten/Vamos a Marte». Nun, die Reise zum Mars würde gemäss kurzer Internetrecherche mindestens 7 Monate in Anspruch nehmen. Zumindest ein bisschen warten müssten Fischer und Fonsi also schon noch. Das «Mar» wäre deutlich näher. Immerhin: Der Song aus der frisch erfundenen Kategorie Latino-Schlager ist insgesamt so inhaltslos, dass er ganz gut in den luftleeren Raum zwischen Erde und Mars passt.

Alles ist schampar ironiefrei

Wie es sich anfühlt, wenn man verkrampft versucht, einen Sommerhit zu produzieren, davon kann auch Loco Escrito ein Liedchen singen. Beziehungsweise «Mamacita». So heisst der Song, mit dem der Zürcher mit Latino-Wurzel auch noch das deutsche Nachbarland erobern wollte. Der Swiss-Music-Award-Gewinner setzt auch auf luftigen Latin, versucht ihn aber anders als das gemischte Doppel Fischer/Fonsi etwas zeitgeistiger klingen zu lassen. Dass «Mamacita» gerade in unseren Breitengraden einfach als leicht anzügliche Anmache verwendet wird, lächelt der 31-Jährige weg.

Loco Escrito besingt die «Mamacitas».

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Weil aber auch bei ihm alles derart ironiefrei wirkt, fühlt es sich halt doch ein bisschen klebrig an. «Das ultimative Ziel ist es schon, zu den ganz Grossen zu gehören – und solange uns nichts in die Quere kommt, sind ich und mein Team vorerst mal zuversichtlich, dass wir das auch schaffen», sagte er unlängst «20Minuten». Vorsichtige Prognose: Mit solch austauschbaren Nummern ist es wahrscheinlicher, dass Helene Fischer zum Marte vamost. Wenn der Sommer etwas einfordert, dann ein bisschen Lockerheit und Loco Escrito geht sein Projekt Sommerhit mit dem Eifer eines Bodybuilders an.

Abstimmungsempfehlung gesungen

Vielleicht kein Sommerhit, aber ein September-Hit will «Ja, ich will» werden. Unter anderem damit soll das Schweizer Stimmvolk dazu gebracht werden, an der Urne «Ja» zur «Ehe für alle» zu sagen. Im tönenden Abstimmungskomitee eingefunden haben sich ein paar viertel- bis dreiviertelbekannte Musiker von Adrian Stern über Dabu Fantastic bis zu Zibbz unter der Leitung des Hitmill-Studios, das schon Bligg, Baschi und Pegasus zu Weltstars in der Schweiz gezimmert haben.

Sie alle wollen ein Ja zur Ehe für alle

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Neben der müssigen Diskussion, ob sich Künstler auch in politische Debatten einmischen dürfen (natürlich dürfen sie das), darf man sich die Frage stellen, ob es wirklich derart langweilig klingen muss. Die ewige Konsenssucherei mag in der Politik das Mittel zum Zweck sein, spannende Musik macht man so nicht. «Mängisch liebt e Frau e Frau, mängisch liebt en Maa en Maa, Liebi kennt kei Gschlecht, sie isch niemals schlecht», lauter der Refrain. Dagegen ist das Abstimmungsbüchlein fast schon Poesie. Was über den mauen Song hinwegtröstet: Das Ablaufdatum ist auch schon dabei, am 26. September wird abgestimmt. Ob der Song die Urnengänger*innen wesentlich beeinflussen kann, sei jetzt einfach mal dahingestellt.

Nach all den nicht so hörenswerten Hörtipps schliessen wir mit einer unbedingten Empfehlung: Kalabrese und das Rumpelorchester haben mit «Nimm mini Hand» ein wunderschönes Stück Musik geschaffen. Dieser sanft groovende Song hat all die Leichtigkeit, die den anderen drei Erwähnten abgeht. Er versteckt all die Zweifel und schweren Momente nicht. Er tänzelt trotzdem elegant durch. Ein Lied zum Wegdriften an einem Sommerabend.

Wäre in einer gerechten Welt der Sommerhit geworden.

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Die Zürcher Combo hätte damit eigentlich fast das Zeug zu einem Sommerhit für diese komische Zeit gelegt. Aber eben: Es gibt Lücken, die gar nicht zwingend geschlossen werden müssen.

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