Barockoper auf Schloss Waldegg
Barockglück mit Intrigenkönigin: Oper auf Schloss Waldegg mit Monteverdis «Poppea»

Blitze sorgten am Donnerstag für zusätzliche Spannung, und das himmlische Schlussduett wurde windzerzaust. Doch die Barockoper auf Schloss Waldegg mit Claudio Monteverdis «Poppea» kommt dem Opernglück sehr nahe.

Tobias Gerosa
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Hanspeter Bärtschi / SZ

Sie hintergehen, lassen umbringen, lügen und missbrauchen Verliebte – doch nach drei Akten und Stunden haben Nero und Poppea, das römische Kaiserpaar, mit dem wohl schönsten Liebesduett das letzte Wort. Es wäre am Donnerstag unter den Linden im Hof des Schloss Waldegg noch besser, inniger zur Geltung gekommen, wären ab halb zehn nicht Blitze aufgekommen.

Hätte Dirigent Andreas Reize nicht um zehn ganz kurz unterbrochen, um den Wetterbericht abzufragen, nachdem es seinen Instrumentalisten die Noten wegwehte, und wäre nicht eben genau auf die Schlussszene nochmals eine Welle von Böen über das Schloss gezogen. Zur Premiere ging schliesslich alles gut. Und nicht nur meteorologisch.

Monteverdis letzte Oper ist ein Meisterwerk mit einem Dutzend dankbarer Rollen, für die die Barockoper auf Schloss Waldegg ein stimmiges, junges Ensemble versammelt. Nur für den Chor gibt es, auch wenn er hier jetzt ein paar Ensemblestellen mit übernimmt, nicht viel zu tun. Reize besetzt sein cantus firmus consort ausgesprochen klein: 13 Instrumentalisten, darunter nur gerade zwei Violinen.

Die Unterscheidung zwischen vollem Orchester und Continuo existiert so quasi nicht. Das merkt man auch beim Singen, das ganz aus dem Text aufgebaut wird. Die Dialoge – Arien gibt es kaum – sind ausgesprochen abwechslungsreich begleitet und reich differenziert gesungen. Pia Davila (Nero) und Elvira Bill (Poppea) können dabei ihre Stärken hervorragend ausspielen, auch wenn gerade ihre beiden Stimmen im Vergleich etwas opernhafter sein könnten.

Dirigent Reize ist dabei kein strenger Zuchtmeister, sondern scheint seinen Musikern zu vertrauen und ihnen viel Initiative zu überlassen. Auch die Bühne (Anika Marquardt) fördert den engen Dialog zwischen Instrumentalisten und Sängern. Hauptspielfläche ist ein Steg zwischen die beiden Hälften des Orchesters. Resultat ist eine grosse Intimität. Bei den Übergängen zu den tänzerisch mitreissenden Ritornellen kommt es bei der Premiere noch zu ein paar Wacklern.

Anleihen an heutige Gleichstellungsdebatten

Poppea will unbedingt Kaiserin werden. Dafür verlässt sie Ottone. Jan Börner gibt ihn als anämische Figur, singt aber wunderbar fein. Neros Gattin Ottavia wird vom Kaiser verdrängt, wobei man bei Geneviève Tschumis Präsenz nicht recht versteht, warum sich der Kaiser darauf einlässt. Regisseurin Maria Ursprung schliesst diese Geschichte kurz mit aktuellen Gleichstellungsdebatten und der grundsätzlichen Frage, was diese Liebe denn nun sei, von der viel gesungen wird – jedenfalls ein bisschen.

Auf jeden Fall zeigt sie im römischen Personal Menschen von heute. Goldglänzend für die Oberschicht, blaue Overalls fürs Volk und Turnschuhe für alle (Kostüme auch Marquardt). Gerade die girliehaften Göttinnen peppen die Staatshandlung immer wieder auf. Und auch die Komödiantin von Sebastian Monti als Amme – mit packend inniger Ruhe plötzlich in der Einschlafszene – oder die quirlige Drusilla von Julia Sophie Wagner setzen gezielte Gegengewichte.

Die Musik geht über die Inszenierung

Am Anfang ersetzen Schrifttafeln die in den Opernhäusern längst üblichen Übertitel. Diese Idee verliert sich leider rasch und damit auch die leichte Ironisierung, die sie eröffnete. Auch der kritische Ansatz, den Chor mit Pappschildern für die «Ehe für alle» oder «My body – my choice» auftreten zu lassen und diesen Parolen dann Zitate des Philosophen Seneca zur Seite zu stellen, der von Nero zum Selbstmord gezwungen wird, nachdem er ihm seinen Lebenswandel vorgeworfen hatte (glänzend: Lisandro Abadie).

Oft aber genügt die genaue Gestaltung der Dialoge aus Text und Musik, und die Regie hält sich zurück. Was treibt die Figuren eigentlich an, was fasziniert Nero so an Poppea? Die beglückenden Antworten kommen auf Schloss Waldegg aus der herrlichen Musik.

Vorstellungen noch bis zum 20. August. www.operwaldegg.ch

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