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«Wir sind wütend»: Aarauer IPS-Pflegeleiter hält den Politikern in der Corona-«Arena» den Spiegel vor

Omikron, Massnahmen, Spaltung: Die SRF «Arena» war überladen an Unterthemen zum Coronavirus. Der bedeutendste Gast war nicht im Studio: Von der Covid-Station aus sprach er Tacheles und liess alle verstummen.

Vanessa Hann
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Déjà-vu, déjà-discuté : Die Zahlen steigen, die Lage ist ernst und alle müssen jetzt mitmachen. Wäre «das Coronavirus – Swiss Edition» der Titel einer Serie, die gerade anläuft, würde man den Laptop oder Fernseher schleunigst ausschalten. Es wäre langweilig. Vielleicht dachte sich «Arena»-Morderator Sandro Brotz deshalb: Let’s spice things up!

In der Arena drehte sich alles um das Coronavirus.

In der Arena drehte sich alles um das Coronavirus.

watson

Brotz boxte in der SRF «Arena» gefühlt alle auf dem Tablett liegenden Themen zum Coronavirus durch: die neue Virusvariante Omikron, die beschlossenen Massnahmen des Bundesrates, die Impfpflicht, Triage in den Spitälern, das Ja zum Covid-Gesetz, neue politische Allianzen und die gesellschaftliche Spaltung.

Ausgangslage war folgende: Gut sechs Stunden vor Aufzeichnungsbeginn beim SRF verkündete der Bundesrat, dass er die Corona-Massnahmen verschärft. Entsprechend wollte Brotz von seinen Gästen als Erstes wissen, was sie von diesem Entscheid halten. Doch die gesittete Feedbackrunde ging rasch in ein politisches Hickhack über.

Nachdem die Nationalrätinnen Ruth Humbel (die Mitte) und Christa Markwalder (FDP) den Bundesrat für sein «schnelles Handeln» und das «gesunde Augenmass» lobten, tadelte Jon Pult ebendiesen. «Der Bundesrat entscheidet zu spät und zu wenig», sagt der SP-Nationalrat. Er hätte sich beispielsweise gewünscht, dass alle Schulen repetitiv testen – ohne dass dabei ein kantonaler Flickenteppich entsteht.

Auch Marcel Dettling, Nationalrat SVP, ist nicht ganz zufrieden. An den Landesgrenzen die Covid-Zertifikate der Einreisenden zu prüfen sei zwar schön und gut, aber es nützte nichts, wenn das niemand kontrolliere. Versöhnlich sagte Dettling: «Wir haben alle das gleiche Ziel. Wir wollen keinen Shutdown und keine überlastete Spitäler.»

Diese Worte riefen den SP-Mann auf den Plan. «Ich will mal den Gottesdienst stören», sagt Pult. «Ihr, die SVP, fordert die Leute bis heute nicht offiziell zum Impfen auf und legt euch mit den ‹Freiheitstrychlern› ins Bett.»

Dettling ist sofort in der Defensive und listet löbliche Leistungen der SVP auf, die Jon Pult vehement mit «Nein»’s oder «das stimmt so nicht» kommentiert. Humbel eilt ihm zur Seite und streicht heraus, wer das Covid-Gesetz bekämpft habe.

Markwalder war es dann, die dem Hacken ein Ende setzte. «Wir sind seit zwei Jahren mit einer weltweiten Pandemie konfrontiert und was machen wir heute Abend? Wir liefern uns einen parteipolitischen Schlagabtausch», sagt die FDPlerin. Man sollte in die Zukunft schauen, wie man das besser managen könne.

Vor dem Blick in die Zukunft sollte allerdings ein erschütterndes Bild der Gegenwart kommen. Brotz holte einen Gast auf den Bildschirm, der schon einmal in der «Arena» war: Martin Balmer, Pflegeleiter der Intensivstation (IPS) des Kantonsspitals Aarau. Er war an diesem Abend von seinem Arbeitsplatz zugeschaltet.

Martin Balmer und im Hintergrund die Covid-Station des Kantonsspitals Aarau.

Martin Balmer und im Hintergrund die Covid-Station des Kantonsspitals Aarau.

Screenshot SRF Arena

Hinter Maske und Schutzbrille erklärte Balmer kurz und knapp die Lage auf seiner IPS:

«Es ist ausserordentlich ernst. Wir verlieren monatlich medizinisches Personal, weil sie nicht mehr mögen, weil sie überlastet und erschöpft sind».

Die 20 Betten der Covid-Station seien voll besetzt und keiner der Patienten und Patientinnen sei geimpft. Ab Montag würde das OP-Programm runtergefahren, um mehr Kapazität und Ressourcen zu schaffen.

«Es macht uns wütend und hilflos, dass wir nach knapp zwei Jahren nicht weiter sind»

, sagt Balmer. Es mache ihm und seinem Team Mühe zu hören, die Lage sei noch nicht ernst genug. «Der Ausblick, dass wir Triage-Entscheide treffen müssen, ist belastend.» Die Ärztinnen und Ärzte, das Pflegepersonal habe Respekt und Angst davor. «Es geht hier nicht um ein Papier oder Nachweis, sondern dass Menschen unnötigerweise ihr Leben verlieren», so Balmer. «Wir haben immer von der Spaltung gesprochen: Ich befürchte, dass solche Triage-Entscheide die Gesellschaft spalten werden.»

«Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einem sinkenden Schiff und das Rettungsschiff ist zwar da, aber es hat nur noch einen Platz frei.»

Brotz fragt nach, um sicherzugehen: «Wie viel Zeit bis zur Triage bleibt noch?» «Keine», antwortet Balmer, das Entscheiden über Leben und Tod habe bereits begonnen. «Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einem sinkenden Schiff und das Rettungsschiff ist zwar da, aber es hat nur noch einen Platz frei. Sie wagen nicht daran zu denken, was das mit Menschen macht», so Balmer.

Nach Balmers Worten herrschte Stille im Studio. Brotz zeigte sich betroffen. «Ich brauche einen Moment», so der Moderator.

In der Folge liess er seine Gäste über weitere Fragen rund um Corona diskutieren. Braucht es eine Impfpflicht? Wie gravierend ist Omikron? Soll es wieder Gratistests geben und welche Massnahme spaltet unsere Gesellschaft?

Epidemiologe Marcel Salathé war auch vor Ort und trug hin und wieder eine fachliche Einordnung bei. Er tat dies sehr nüchtern und machte dabei schon fast einen müden Eindruck. Gegen Ende der Sendung fragte er rhetorisch: «Was nützt es, wenn die Wissenschaft Werkzeuge zur Verfügung stellt, aber die nicht gebraucht werden?»

Weitaus emotionaler als der Epidemiologe und der IPS-Pflegeleiter zusammen zeigten sich an diesem Abend die Politiker in der «Arena». Einer Lösung kamen sie dennoch nicht näher.

Zum Schluss bemühte SVP-Dettling ein passendes Fazit: «Die Diskussionen und unterschiedlichen Meinungen zu Corona bringen uns sofort auf 180, in der Politik und in jeder Familie.» Die Leute hätten genug und ihm gehe es auch so. «Ich selber versuche deshalb möglichst schnell das Thema zu wechseln, weil jetzt in der Adventszeit will man ja auch an andere Sachen als Covid denken.» Das tun zu können, weil man nicht jeden Tag ins Spital an die Front muss, lässt sich gerade in Gedanken an die Worte von IPS-Pflegeleiter Balmer als grosses Privileg einstufen.

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