Interview
Marcel Salathé: «Ohne neue Variante kann die Situation unter Kontrolle gebracht werden»

Was sollen wir von den kürzlich angekündigten Öffnungen halten, wenn die Zahlen eigentlich auf eine unsichere Situation hindeuten? Marcel Salathé, der Epidemiologe, der im Februar aus der Task-Force ausgetreten ist, erklärt es uns.

Jacqueline Pirszel
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Marcel Salathé lehrt digitale Epidemiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne.

Marcel Salathé lehrt digitale Epidemiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne.

Foto: Keystone

Es ist keine leichte Aufgabe, die seltsame Situation, in der sich die Schweiz befindet, zu entschlüsseln. Laut BAG sind vier von fünf Kriterien für Öffnungen nicht erfüllt, dennoch hat der Bundesrat beschlossen, zu lockern. Man erinnere sich: Der Bundesrat selbst hat diese Kriterien festgelegt, um die Pandemie mit verschiedenen Massnahmen effektiver zu bekämpfen.

«Zahlen, wie beispielsweise die täglichen Fallzahlen, sind nicht mehr die einzigen Dinge, welche politische Entscheidungen beeinflussen.»

Marcel Salathé

Das ehemalige Mitglied der Taskforce (er ist vergangenen Februar ausgetreten) Marcel Salathé beantwortet unsere Fragen, um ein klareres Bild von der Situation zu schaffen.

Herr Salathé, die Diskrepanz zwischen den Aussagen des BAG vom Dienstag und den Entscheidungen des Bundesrates vom Mittwoch erwecken den Eindruck, dass die Expertinnen und Experten erneut überhört wurden. Teilen Sie diese Ansicht?

Das kommt darauf an. Man muss immer alle Argumente sehen. Ich stimme Ihrer Beobachtung zu, dass vier der fünf Kriterien nicht mehr gültig zu sein scheinen. So gesehen ist es in Bezug auf die Kommunikation tatsächlich kein gutes Signal und erschwert somit das Verständnis. Zu Beginn der Pandemie war es noch einfacher, die Dinge klar zu kommunizieren, da das unbekannte Virus eine neue Herausforderung darstellte. Jetzt, da man mehr weiss, ist es schwieriger, eine Entscheidung zu treffen und die Kommunikation wird schwammiger. Ich persönlich finde auch, dass die Meinungen in den sozialen Medien von einem Extrem ins andere gehen: Entweder findet man die politischen Entscheidungen dumm oder toll. Politisch muss das extrem schwierig sein.

Was halten sie von den neuen Öffnungsschritten? Eine gute oder schlechte Idee?

Das hängt von der Perspektive ab. Wenn es darum geht, die Covid-19-Zahlen zu senken, dann nein, ist es keine gute Strategie. Wenn es darum geht, mehr Freiheiten zu erlassen, dann ja, scheint es eine gute Idee zu sein...für den Moment.

Die Deutschen waren empört von der politischen Haltung der Schweiz, während die Schweizer Presse die Massnahmen als kühn oder mutig bezeichnete. Sie?

«Mutig» – das ist ein gutes Wort, da es sich um eine Risikostrategie handelt. Mit den Öffnungen der Skipisten im Winter hat die Schweiz bereits einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Unsere europäischen Nachbarn haben uns damals auch kritisiert und schlussendlich muss ich sagen, dass das Offenhalten der Skipisten gar nicht so schlecht war. Aber wenn die täglichen Fallzahlen explodieren sollten, wäre das andere Risiko für die Schweiz – nebst der Verschlechterung der Gesundheit natürlich – dass sie sich auf der roten Liste anderer Länder wiederfinden würden. Somit gäbe es eine Art internationale Quarantäne.

Haben Sie nicht den Eindruck, dass die monatelange Bemühungen und Massnahmen umsonst waren?

Nein, nicht umsonst, aber es besteht die Gefahr, gewonnene Vorteile zu verlieren, denn die Zahlen haben in den letzten Monaten tatsächlich nach unten tendiert. Im Moment ist die britische Variante das Problem. Es ist wie eine Epidemie in der Epidemie. Die meisten Fälle stammen von dieser Variante. Mit den Wiedereröffnungen ist also eine Zunahme der Fälle zu erwarten. Die grosse Frage wird sein, ob der Anstieg der Fälle explosiv oder sanft sein wird. Alles wird von der Effizienz der kombinierten Massnahmen wie der Impfungen und der Massentests abhängen.

Was denken Sie über die Wirksamkeit der Selbsttests?

Es ist wichtig zu beachten, dass ein negatives Ergebnis Vorsicht erfordert. Wenn das Ergebnis positiv ausfällt, sind Sie höchstwahrscheinlich infiziert. Aber wenn Sie ein negatives Ergebnis erhalten, können Sie immer noch infiziert sein. Was ist an diesem Tool besonders effektiv? Die sofortige Möglichkeit, in Isolation gehen zu können, wenn der Selbsttest eine Infektion mit SARS-CoV-2 anzeigt.

Was ist mit den Impfungen? Bis heute haben 8 Prozent der Bevölkerung bereits zwei Impfdosen erhalten. Ist das zufriedenstellend?

Nein, gar nicht zufriedenstellend. 8 Prozent sind sehr schwach. Wir sind viel zu langsam und abgesehen von der Entwicklung des Virus selbst, ist diese Tatsache demoralisierend für die Schweizer Bevölkerung. Wissenschaftlich gesehen sollten wir uns nicht mit anderen Ländern vergleichen, aber es verdeutlicht den Effekt, von dem ich spreche. Die Israelis, die Amerikaner und die Briten sind effizienter als wir und wahrscheinlich wird eine dieser drei Nationen schneller zur Normalität zurückkehren. Wir müssen die Impfungen beschleunigen. Das ist eine wichtige Lösung für das Problem.

«Die Botschaft, die dabei herauskommt, während Müdigkeit und allgemeine Spannungen in unserem Land zunehmen? ‹Die Lösung existiert, aber sie ist hier nicht verfügbar.› Ziemlich frustrierend für ein Land, das für seine Effizienz bekannt ist, oder?»

Sie sprechen von der Moral der Bürgerinnen und Bürger. Sind wir nicht an einem Punkt angelangt, an dem die Behandlung der allgemeinen Niedergeschlagenheit den wissenschaftlichen Daten vorgezogen werden muss?

Die psychische Gesundheit ist sehr wichtig und wird von der wissenschaftlichen Forschung genau verfolgt. Die kürzlich getroffenen Entscheidungen des Bundesrates scheinen durch den Parameter der psychischen Gesundheit beeinflusst worden zu sein. Aber auch hier ist dies Teil der Risikostrategie. Ich habe wissenschaftliche Kolleginnen und Kollegen, die sich auf Psychologie spezialisiert haben, die gezeigt haben, dass es zwischen der Anzahl Depressionen und der Anzahl Covid-Fälle eine Korrelation gibt. Sollte sich diese Beobachtung bestätigen, wäre es das Beste, Massnahmen zu ergreifen, welche die Zahl der psychischen Krankheiten reduzieren.

Wie lauten Ihre epidemiologischen Prognosen für den Sommer 2021?

Wir werden wieder leben und hoffentlich wieder reisen können. Alles wird von der Entwicklung des Impfpasses abhängen. Wir, die wissenschaftliche Gemeinschaft, werden die notwendige technologische Hilfe leisten. Und ich kann nicht leugnen, dass die Entwicklung der Pandemie in den nächsten Monaten entscheidend für die Zukunft sein wird. Ohne eine neue Variante besteht Hoffnung, die Situation zwischen Sommer und Winter 2021 unter Kontrolle bringen zu können.