Pandemie
Dritte Welle nimmt Fahrt auf: Mutanten breiten sich in der Schweiz stark aus

Nach Schätzungen der Taskforce erfolgt bereits jede fünfte Corona-Ansteckung mit einer mutierten Variante. Die Gefahr einer massiven dritten Welle im Frühling wird damit konkret.

Peter Walthard
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Verwies auf die Situation in Portugal: Martin Ackermann, Leiter der Swiss National Covid-19 Science Task Force.

Verwies auf die Situation in Portugal: Martin Ackermann, Leiter der Swiss National Covid-19 Science Task Force.

Keystone

Seit der Bundesrat beschlossen hat, die Pandemie wieder mit strengeren Massnahmen zu bekämpfen, sinken die Fallzahlen. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit: Die mutierten Viren, vor allem jene der hoch ansteckenden britischen Variante B117, verbreiten sich immer schneller. Die Entwicklung der Zahlen seit Anfang Januar entspreche ziemlich genau dem Modell, welches die wissenschaftliche Taskforce des Bundesrates vor Weihnachten präsentiert hatte, sagte deren Leiter Martin Ackermann am Dienstag an einer Medienkonferenz.

Das Szenario sagte ein leichtes Absinken der Fallzahlen im Januar und Februar und eine massive dritte Welle im März und April voraus: Dann wäre mit bis zu 20'000 Neuinfektionen pro Tag zu rechnen, rund 20-mal mehr als heute. Angesichts der aktuellen Entwicklung sei davon auszugehen, dass sich die Situation in den nächsten Wochen weiter gemäss diesem Szenario entwickeln werde, sagte Ackermann, und verwies auf die verheerende Lage in Portugal. Dort verdoppelten sich derzeit die B117-Fallzahlen alle zehn Tage.

Bei ihrer Präsentation im Dezember hatte die Taskforce rasch harte Massnahmen verlangt, um die Ausbreitung der ansteckenden Virusvariante zu unterbinden – und damit harte Kritik von Seiten der Wirtschaft und der bürgerlichen Parteien geerntet, worauf der renommierte Epidemiologe Christian Althaus das Gremium verliess. An der Medienkonferenz vom Dienstag hielt sich Taskforce-Chef Martin Ackermann nun mit Empfehlungen an die Politik auffallend zurück. Komme das Gesundheitssystem Ende März erneut an seine Kapazitätsgrenzen, müssten die Bemühungen «eher noch verstärkt werden», sagte er lediglich.

4,8 Prozent der Bevölkerung sind geimpft

Den Kurs ändern könnte allenfalls die Impfung. Denn das Modell der Taskforce lässt eine Immunisierung eines Teils der Bevölkerung durch Impfungen ausser acht, wie Ackermann einräumte. Die Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit, Virginie Masserey, bezeichnete die Impfung denn auch als «wichtigste Perspektive». Hier stehe die Schweiz im europäischen Vergleich gut da, so Masserey. Bis jetzt seien 800'000 Impfdosen in die Schweiz geliefert worden, wovon 700'000 an die Kantone ausgeliefert und 410'000 verabreicht worden seien. 4,8 Prozent der Bevölkerung seien heute geimpft.

Weiter wurde an der Pressekonferenz bekanntgegeben, dass die brasilianische Variante, mit der sich auch bereits früher an Covid-19 erkrankte Menschen wieder anstecken können, mittlerweile in der Schweiz angekommen sei. Es gebe bis jetzt einen bekannten Fall, der aber noch genauer abgeklärt werden müsse, so Masserey.

«Mutationsgebieten» drohen Reisesperren

Die Taskforce geht davon aus, dass mittlerweile rund 20 Prozent der aktuellen Neuansteckungen auf mutierte Varianten des Coronavirus zurückgehen und dass darunter die britische Variante B117 die häufigste ist. Epidemiologe Christian Althaus hatte ebenfalls am Dienstag gegenüber Radio SRF eine eigene Schätzung abgegeben. Er geht davon aus, dass die britische Mutation bereits 30 bis 40 Prozent der Neuansteckungen verursacht.

Den ersten Fall mit der britischen Variante hatte das BAG am 24. Dezember gemeldet. Seither gab es mehrere Grossausbrüche in Skigebieten und an Schulen. In einem Fall steckte sich eine Touristin in den Skiferien in einem Schweizer Wintersportort an und löste in Belgien eine Massenquarantäne aus.

International steht die Variante B117 unter scharfer Beobachtung: So hat Deutschland für sogenannte «Mutationsgebiete» eine weitgehende Einreisesperre erlassen. Da Wirtschaft und Gesundheitssysteme in den Deutschschweizer Grenzkantonen stark von Grenzgängern abhängig sind, befürchten diese drastische Folgen.