Corona
Trotz Zertifikatspflicht: Abwasserdaten deuten auf eine neue Welle hin

Stagnierende Fallzahlen und aktuelle Abwasseranalysen lassen laut BAG eine Trendwende befürchten: Es beurteilt die epidemiologische Lage derzeit als «ungünstig».

Peter Walthard
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Der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri sieht schärfere Quarantäneregeln als Option. (Archivbild)

Der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri sieht schärfere Quarantäneregeln als Option. (Archivbild)

Keystone

Noch sei die Situation relativ gut, mehrere Kantone beobachteten aber wieder steigende Fallzahlen. Diese Bilanz zog Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Dienstag in Bern vor den Medien. Das zunehmend kalte Wetter und der Schulbeginn nach den Herbstferien könnten zu einem weiteren Anstieg der Fallzahlen führen, sagte er. Die Beobachtungen würden von Abwasseranalysen bestätigt, seien also unabhängig von der Anzahl der durchgeführten Tests.

Das BAG beurteile die Lage deshalb nach der kurzzeitigen Verbesserung seit der starken Belastung der Intensivstationen nach dem Ende der Sommerferien wieder als ungünstig. Die Durchimpfung der Bevölkerung schreite zu langsam voran, um einen erneuten Anstieg aufzuhalten, so Mathys. Ob die Ausweitung der Zertifikatspflicht etwas gebracht habe, sei dabei schwer zu beurteilen: Konkrete Zahlen dazu gebe es nicht. «Wir können die Wirkung des Zertifikats nicht quantifizieren und wissen auch nicht, ob es der Entwicklung standhalten wird», sagte Mathys. Er gehe aber davon aus, dass die Fallzahlen ohne Zertifikat noch höher wären.

Verschärfung der Quarantäneregeln möglich

Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte (VKS) meldete ausserdem Zweifel an der Sicherheit der Zertifikate an. Insbesondere bei nasalen Schnelltests gebe es Unsicherheiten über deren Aussagekraft. Eine Überprüfung durch die Kantone sei notwendig. «Es kann nicht sein, dass mit epidemiologisch wertlosen Zertifikaten Schutz vorgegaukelt wird», sagte Hauri.

Sollte es tatsächlich zu einem erneuten Anstieg der Fallzahlen kommen und wieder eine Überlastung des Gesundheitswesens drohen, müssten weitere Massnahmen in Betracht gezogen werden, etwa bei den Quarantänevorschriften. «Bald wird sich zeigen, ob Impfungen, Zertifikat und Reihentests reichen, um eine weitere Welle zu verhindern», sagte Hauri. Die Zahl der freiwilligen Tests habe seit dem Ende der Kostenübernahme durch die öffentliche Hand stark abgenommen.

Langzeitfolgen bei bis zu 40 Prozent der schweren Verläufe

Keine neuen Angaben machte das BAG an der Medienkonferenz zur Frage nach Booster-Impfungen. Die Sache liege bei der Zulassungsbehörde Swissmedic, sagte Patrick Mathys. Bis jetzt gebe es in der Schweiz keine Anzeichen dafür, dass der Schutz gegen schwere Verläufe abgenommen habe. Die Schutzwirkung liege nach wie vor bei 90 Prozent. Auch würden auf den Intensivstationen vor allem Ungeimpfte behandelt. Wie viele Personen in der Schweiz mittlerweile trotz Impfung an Covid-19 gestorben sind, konnte Mathys nicht sagen.

Mayssam Nehme, Klinikchefin am Unispital Genf, äusserte sich an der Medienkonferenz zum Stand von Forschung und Behandlung von Long-Covid in der Schweiz. Es habe sich gezeigt, dass die Impfung das Risiko von Langzeitschäden halbiere, erklärte sie. Milo Puhan, Direktor des Instituts für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention an der Universität Zürich schätzte, dass etwa 20 Prozent der Covid-19-Patienten von solchen Langzeitfolgen betroffen seien. Bei Patienten mit schweren Verläufen seien es bis zu 40 Prozent. Die Uni-Spitäler hätten entsprechende Sprechstunden eingerichtet, um Betroffene zu betreuen.

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