Kommentar
Zwischen Pflicht und Verantwortung

Der Journalismus erholt sich zunehmend von der Coronakrise, doch die Medien sind schwer vulnerabel.

Christian Mensch
Merken
Drucken
Teilen
Christian Mensch, Redaktor Schweiz am Wochenende

Christian Mensch, Redaktor Schweiz am Wochenende

Medienschaffende sind stark im Reflex, aber eher durchschnittlich, was die Reflexion betrifft. Medienbeobachter, seien es kritische Medienkonsumenten oder professionelle Medienwissenschafter, unterstellen den Journalisten aber gerne Absicht und Kalkül, wo diese doch vor allem ihre Routinen abrufen. Exemplarisch ist dies in der Coronapandemie zu beobachten.

Erste Phase. Mit dem Ausbruch der Coronakrise hat eine bemerkenswerte Einengung der veröffentlichten Meinungen stattgefunden. Die Berichterstattung hat sich im Duktus wie im Inhalt über alle Medien stark angenähert. Auch private Medien berichteten wie eine vereinte SRG. Der Zürcher Medienprofessor Otfried Jarren hat dies als «Systemjournalismus» kritisiert: Was die Behörden kommunizierten, wurde für gut befunden. Für kritische Zwischentöne war wenig Raum. Und wer sich etwas vorlaut aus dem Fenster wagte, wurde mit bösem Blick abgestraft. Der Winterthurer Professor Vinzenz Wyss meint, die Journalisten hätten einen verantwortungsethischen Schulterschluss vollzogen. Dies bedeutet, sie hätten die möglichen Folgen ihrer Berichterstattung zu stark gewichtet. Auf eine kritische Berichterstattung sei verzichtet worden, um nicht noch mehr zur Verunsicherung der Bevölkerung beizutragen oder das Virus zu verharmlosen.

Zweite Phase. Seit gut einer Woche scheint diese erste Phase überwunden. Die Medienschaffenden sind mehr oder weniger wieder zu dem zurückgekehrt, was die Wissenschafter als pflicht- oder gesinnungsethischen Journalismus bezeichnen: Den Auftrag, Informationen zu recherchieren und kritisch zu hinterfragen sowie ein breites Meinungsspektrum abzubilden, gewichten sie wieder höher. Dabei nehmen sie in Kauf, dass die Kakofonie der veröffentlichten Informationen die Bevölkerung auch verunsichert.

Der Irrtum der kritischen Medienbeobachter liegt vielfach darin, dass sie von einem bewussten Handeln der Journalisten ausgehen. Dabei sind diese seismografisch darauf trainiert, die Befindlichkeiten ihrer Nutzer abzubilden: Am Anfang war es ein kollektives Bedürfnis, auch glauben zu wollen, was die Obrigkeit im Verbund mit den Experten verordnete. Nun treten wieder die individuellen Bedürfnisse in den Vordergrund, um mit möglichst geringem Schaden die Krise zu meistern. Die Medien spiegeln dieses Wechselbad.

Dritte Phase. Mediale Normalität wird jedoch noch lange keine herrschen. Das Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Verbindlichkeit bleibt weiterhin hoch. Doch die Vielfalt kehrt zurück. Denn auch die politischen Parteien mit ihren unterschiedlichen Positionen artikulieren sich wieder und werden medial abgebildet. Die einzelnen Wirtschaftsbranchen melden ihre Ansprüche an. Medial dominieren diese Stimmen der Partikularinteressen zunehmend den Einheitsklang der Gesamtinteressen.

Was in dieser Phase kritische Mediennutzer feststellen können, ist ein paradoxes Phänomen: Journalisten bilden zwar wieder konträre Positionen ab, fordern jedoch vor allem von den Wissenschaftern klare und widerspruchsfreie Aussagen. Dabei könnten sie wissen, dass das Wissenschaftssystem noch stärker als das Mediensystem selbst darauf konditioniert ist, Erkenntnisse zu hinterfragen, als solche zu behaupten.

Vierte Phase. Das grösste Paradoxon ist derzeit noch verdrängt: In der Coronakrise werden die Medien erstmals als «systemrelevant» bezeichnet, dabei stehen sie am wirtschaftlichen Abgrund. Sie sind aufgefordert, dem mit Notrecht agierenden Staat als Korrektiv noch kritischer gegenüberzustehen, als sie ohnehin verpflichtet sind. Gleichzeitig bitten sie diesen Staat um Nothilfe.

Wäre der Journalismus tatsächlich von kalkuliertem Handeln bestimmt, wäre es unter diesen Umständen bereits um ihn geschehen. Sein Funktionieren ist jedoch trügerisch. Denn die Medien sind infiziert, und bricht der Virus aus, dann sind sie ein Fall für die Intensivstation.