Pro und Kontra
Wie schweizerisch ist Schweizer Fleisch? Der SVP- und die Grünen-Nationalrätin sind uneins

In einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie wird behauptet, die Hälfte des Kraftfutters für Schweizer Nutztiere komme aus dem Ausland. Wie schweizerisch das Schweizer Fleisch ist, darüber streiten sich SVP-Nationalrat Mike Egger und Grünen-Nationalrätin Meret Schneider im Pro und Kontra.

Mike Egger und Meret Schneider
Mike Egger und Meret Schneider
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«Schweizer Fleisch als Etikettenschwindel zu bezeichnen, ist fahrlässig»

Mike Egger, Nationalrat SVP/SG

Mike Egger, Nationalrat SVP/SG

Der mittlerweile weitverbreitete Kreuzzug gegen die Schweizer Landwirtschaft und die Fleischbranche ist völlig unberechtigt. Diese beiden für unser Land unverzichtbaren Branchen beschäftigen sich intensiv mit Themen wie Ökologie, Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Tierwohl.

Diverse privatrechtliche Labels, aber auch staatliche Tierwohlprogramme mit regelmässigem Auslauf bzw. besonders tierfreundlichen Stallungssystemen sind auf dieser Basis bereits eingeführt, die zum Teil weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen und von welchen die überwiegende Mehrheit der Nutztiere schon heute profitiert. 2018 wurde zudem per Gesetz der Mindestplatzbedarf, welcher in der Schweiz für alle Nutztiere vorgegeben ist, für Schweine erweitert.

Die Schweiz verfügt über eines der strengsten Tierschutzgesetze der Welt. Verstösse dagegen werden mit aller Härte sanktioniert. Ebenso sind Tiertransporte strikt geregelt. Während in der EU bis zu 24 Stunden Transportzeit erlaubt sind, dürfen Tiere in der Schweiz höchstens 8 Stunden unterwegs sein, davon maximal 6 Stunden als Fahrzeit.

Klare gesetzliche Regeln gibt es auch für Tierfutter. Zugelassen sind nur art- und umweltgerechte Futtermittel, die nicht gentechnisch verändert wurden und keine tierischen Eiweissträger enthalten. Hormone und Antibiotika zur Leistungsförderung sind bereits seit vielen Jahren verboten.

Das Futtermittelangebot in der Schweiz, das auch mit Blick auf das anhaltende Bevölkerungswachstum naturgegeben nach oben limitiert ist, beträgt insgesamt 8,4 Millionen Tonnen, davon sind 89 Prozent inländische Produkte. Der 11-Prozent-Importanteil besteht vorwiegend aus Kraftfutter. 2011 wurde das Soja Netzwerk Schweiz gegründet, das sich aktiv für Importe aus verantwortungsbewusster Produktion einsetzt. So stammten 2019 bereits 95 Prozent aus dieser Produktion.

Schweizer Fleisch als Etikettenschwindel zu bezeichnen, ist fahrlässig. Die Urheber dieser Behauptung kennen die Thematik schlecht, oder, noch schlimmer, versuchen absichtlich aus ideologischen Gründen, die öffentliche Meinung zu manipulieren.

«Der Status quo ist aus Umwelt- und Tierwohlsicht nicht zukunftsfähig»

Meret Schneider, Nationalrätin Grüne/ZH

Meret Schneider, Nationalrätin Grüne/ZH

Die Zahlen wiegen schwer. Über 50 Prozent des in der Schweiz verfütterten Kraftfutters stammt aus dem Ausland. 1,4 Millionen Tonnen Futtermittel importieren wir hierzulande pro Jahr, wofür eine Fläche von 200'000 Hektar Ackerland benötigt wird. Zudem wird auf 43 Prozent der Ackerfläche in der Schweiz Futtergetreide angebaut, eine Fläche, die ansonsten direkt für die menschliche Ernährung genutzt werden könnte.

Diese Fakten fördert eine Studie der ZHAW im Auftrag von Greenpeace zu Tage, sie bleiben nicht ohne Resonanz: Greenpeace fordert eine realistische Deklaration von «Schweizer Fleisch», keine Steuergelder für das Marketing der Tierprodukteindustrie und keine weitere Verzögerung der AP22+.

So weit, so verständlich, die rhetorischen Geschütze, die aufgefahren werden, sind scharf und bleiben nicht ohne Gegenwehr von Seiten der Bauern, welche die intensive Tierhaltung mit Konsumentenbedürfnissen, schlechteren Verhältnissen im Ausland und guten Schweizer Standards zu rechtfertigen versuchen. Umweltorganisationen gegen Bauern, Veganerinnen gegen Fleischesserinnen, die Fronten sind verhärtet, es wird zum verbalen Zweihänder gegriffen und Fakten werden fakultativ im Gerangel um Deutungshoheit.

Zahlen lügen nicht. Der Status quo ist aus Umwelt- und Tierwohlsicht nicht zukunftsfähig: Es fehlen uns schlicht die Ressourcen für die intensive Poulet- und Schweinemast, die primär auf Kraftfutter angewiesen ist.

Doch statt sich gegenseitig Schwarze Peter zuzuschieben, wäre es sinnvoller, sich zu fragen, wohin wir wollen. Wollen wir nicht alle dasselbe? Eine standortgerechte Produktion, die das Tierwohl bestmöglich achtet und die Flächen der Schweiz sinnvoll nutzt? Die Gründe für unsere immer intensiver werdende Tierhaltung liegen auf der Hand: steigender Preisdruck, wachsende Nachfrage nach Poulet und Eiern, fehlgeleitete Werbung von Grossverteilern und schlechte Deklaration billiger Importprodukte. Bauern unter Druck intensivieren und fürchten um ihre Existenz, während politisch neben Wirtschaftlichkeit zunehmendes Tierwohl und ökologische Verträglichkeit gefordert werden – zu Recht!

Aber das mit dem Fünfer und dem Weggli ... Sie kennen das. Es braucht neue Lösungen. Importstopp von Produkten, die nicht Schweizer Standards genügen. Wiederkäuer auf Weiden statt Schweine im Stall, höhere Preise auf Tierprodukte und die Information der Konsumierenden mittels Kampagnen. Wir wollen es doch alle: eine standortgerechte Produktion, umweltgerecht, tiergerecht. Das heisst weniger – viel weniger! – und besser. Daran sollten wir arbeiten und statt uns gegenseitig einen Strick aus dem Status quo zu drehen, endlich gemeinsam an ebendiesem ziehen.