Leserbrief
Symbolpolitik zu Lasten von Schülern oder Weg des geringsten Widerstands?

«Nur schriftliche Maturaprüfungen», Ausgabe vom 25. April

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Die Coronakrise betrifft momentan so ziemlich jeden Bereich unseres Lebens. Für die Maturandinnen und Maturanden stehen in drei Wochen die Prüfungen an – oder doch nicht? Es herrscht noch keine Klarheit. Die schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat es nicht geschafft, sich bei der eidgenössischen Matura auf eine national gleiche Lösung zu einigen, sondern überlässt es den Kantonen. Die Kantone Zürich, Bern, Basel-Stadt und Basel-Land haben sich schnell dafür entschieden, die Prüfungen abzusagen.

Nun entschied sich der Kanton Luzern dafür, die schriftlichen Prüfungen durchzuführen, falls der Bundesrat dem föderalistischen Weg zustimmt. Bildungsdirektor Marcel Schwerzmann und der Kanton betreiben also Symbolpolitik zu Lasten von Schülern, die wochenlang nervös auf neue Entscheidungen warten müssen. Ich verstehe diesen «Kantönligeist» nicht. Es wäre doch für alle sinnvoller, auf eine einheitliche Lösung zu plädieren. Dass Kantone wie Bern und Zürich die Prüfungen absagen können, zeigt ja auch, dass offenbar die Schweizer Universitäten mit dieser Ausnahme einverstanden sind.

In meinen Augen stellt sich jeder Kanton, der für eine Durchführung ist, gegen eine einheitliche und eidgenössische Matura und hat das fragwürdige Bedürfnis, damit etwas beweisen zu wollen. Sie agieren offen gegen Chancengleichheit in dieser Krise und das, denke ich, ist inakzeptabel und zeigt bedauerlich die Schwächen unseres föderalen Systems.

Jan Wyss, Altwis, Schülerratspräsident Kantonsschule Seetal


Ich besuche das 6. Gymnasium an der Kantonsschule in Obwalden in Sarnen. Alle Schüler im Maturajahrgang leben seit der Ausrufung des Lockdowns mit der Ungewissheit bezüglich der Maturitätsprüfungen. Noch immer haben wir keine konkreten Anweisungen erhalten, wie es mit den Prüfungen weitergeht, dies trotz vielen anderen Kantonen die bereits klare Entscheide gefällt haben (sofern der Bundesrat es zulässt...).

Ich finde die Entscheidungs- und Kommunikationspolitik des Bundesrats sehr merkwürdig und unbefriedigend. Man hätte doch bereits bei den schriftlichen Lehrabschlussprüfungen (LAP) auch über die Maturitätsprüfungen entscheiden können. Eine schulische LAP unterscheidet sich wohl kaum von einer schriftlichen Maturitätsprüfung. Es ist sinnlos auf nationaler Ebene die Lehrabschlussprüfungen abzusagen aber die Verantwortung für die Maturitätsprüfungen den Kantonen zu überlassen und diese vielleicht sogar durchzuführen.

Für uns Schüler ist jeder Tag ein Tag weniger, wo wir uns gewissenhaft für die allfälligen Prüfungen vorbereiten können. Wir möchten eine nationale Lösung, wo alle Schüler aus allen Kantonen gleich behandelt werden, schliesslich unterliegen die Maturitätsprüfungen auch nationalen Vorschriften.

Brisant: Zudem mussten wir zu Beginn des Lockdowns in die Schule, um Prüfungen zu schreiben. Erst als wir und diverse Eltern beim Gesundheits- und Bildungsamt im Kanton Beschwerde einreichten, wurde von diesem illegalen Vorgehen abgesehen.

Raphael Herzog, Stalden


Die Maturaprüfungen finden dieses Jahr unter den Coronamassnahmen lediglich schriftlich statt. Dass dieser Entscheid bei den Maturandinnen und Maturanden auf Unverständnis stösst, hat mich irritiert und insbesondere ihre entsprechende Begründung dazu wirft Fragen auf.

Was haben diese Schülerinnen und Schüler während ihrer sechs Gymnasiumschuljahre gelernt, wenn ein zehnwöchiger Fernunterricht sie so aus der Bahn wirft, dass sie sich eine Maturaprüfung unter Einhaltung der Hygienemassnahmen nicht zumuten können? Nach zwölf Jahren Schulbildung sollte man doch fähig sein, selbstständige Zielsetzungen erarbeiten zu können und gerade durch den Fernunterricht die Möglichkeit sehen eigeninitiativ, selbstentdeckend und neugierig agierend zu lernen.

Gerade diese jungen Menschen, welche mit den digitalen Medien aufwachsen und diese auch loben merken plötzlich, dass ihnen der persönliche Kontakt zu den Lehrpersonen und Mitschülern fehlt. Ist das wirklich der wahre Grund?

Vielleicht wäre es sinnvoll, einmal das eigene Verhalten zu überprüfen und zu fragen, bin ich mit einer solchen Einstellung, am liebsten ganz auf die Maturaprüfung zu verzichten, wirklich bereit für eine weiterführende Ausbildung an einer Universität oder Fachhochschule? Ein gesundes intaktes Bildungssystem sollte doch jungen Menschen dazu verhelfen, dass sie, am Ende der Schulzeit, ihr Wissen anwenden, selbstständig Ziele definieren, eigenverantwortlich denken und handeln können. Solche Menschen braucht unsere Gesellschaft!

Den Weg des geringsten Widerstandes zu begehen kann doch nicht die wirkliche Erfüllung sein. Die aktuelle Situation fordert viel und bietet zugleich die Gelegenheit die derzeitigen Informationen, welche durch die Massenmedien vermittelt werden, kritisch zu prüfen und hinterfragen.

Djana Albert, Altdorf