Leserbrief
Gedanken zu Peking und Rom

Was die beien Orte verbindet und was sie trennt.

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Gemäss den Angaben im Internet leben zurzeit in China rund 1,4 Mrd. Menschen unter der Kuratel von Peking, während unter der römischen Fuchtel rund 1,3 Mrd. katholische Schäfchen ihr Dasein einrichten müssen. Rein zahlenmässig kann man somit von einer ungefähren Äquivalenz der beiden Populationen ausgehen, Chinesen und Katholiken. Im weiteren strebt die Führungsclique sowohl in Peking wie auch in Rom grundsätzlich das gleiche Ziel an, nämlich die Masse möglichst unter dem Daumen zu halten und freiheitlichen Regungen – wenn überhaupt – nur in einem sehr beschränkten Ausmass stattzugeben.

Dabei handelt es sich bei China um eine weltliche Macht mit einem wohl umschriebenen Territorium. Bei Rom geht es um eine geistig-religiöse Macht ohne feste Staatsgrenzen. So weit, so gut – denn mit dieser politphilosophischen Feststellung sind die prinzipiellen Gemeinsamkeiten der beiden «Herrscherhäuser» mit den wohl umfangreichsten Untertanen-Scharen der Welt zweifelsohne ausgelotet. Was jetzt folgt, sind die gewaltigen methodischen Unterschiede zur Erreichung des oben formulierten Ziels. Während man in China konsequent nach vorne schaut und mittels eines gigantischen technischen Aufwands – vor allem was den Einsatz der künstlichen Intelligenz und der EDV anbelangt – das Ziel einer möglichst vollständigen Überwachung jedes einzelnen Bürgers zu realisieren versucht, setzt man in Rom auf das pure Gegenteil; hier wird krampfhaft probiert, mit tausend Jahre alten Vorschriften das heutige Leben in den Griff zu bekommen – wie dies der Fall des jungen Gemeindepfarrers aus Brigels eindrücklich beweist. Die Chinesen scheuen sich nicht, in diesem Zusammenhang – wohl zu Recht – den hehren Begriff der Forschung ins Spiel zu bringen, während der Altmännerverein in Rom, selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts, von der Vorstellung ausgeht, mit maximal viel Kalk liessen sich die Probleme lösen.

Als kritischer Beobachter des Weltgeschehens muss man sich, im Falle von China, beinahe zwangsläufig die Frage stellen, was letztlich der Zweck dieses unvorstellbaren materiellen Einsatzes ist. Geht es wirklich «nur» um die Erhaltung der Macht des herrschenden Staatsapparates? Eine Kosten-Nutzen-Analyse käme wohl zum Schluss, dass dieses Ziel auch mit einem geringeren Verschleiss zu erreichen wäre. In Wirklichkeit handelt es sich höchstwahrscheinlich darum, die Welt von der absoluten Überlegenheit des chinesischen Intellekts zu überzeugen. Und um dieses Ziel zu erreichen, werden alle anderen Werte hintangestellt. Aus Sicht der chinesischen Machthaber handelt es sich hierbei um ein absolut legitimes Ziel einer staatlich gelenkten und beherrschten Forschungspolitik. Demgegenüber werden im Westen alle Versuche, den einzelnen Bürger lückenlos zu überwachen, klar bekämpft.

In Rom verfügen die Systemgewaltigen (heutzutage) zwar nicht (mehr) über die Machtfülle eines Staatsapparates zur Durchsetzung ihrer Ziele und Ideen; sie müssen sich begnügen mit der Drohung von Himmel und Hölle. Dass dies jedoch selbst in der heutigen, aufgeklärten Welt noch recht gut funktioniert, zeigt ein Blick auf das Weltgeschehen. Und nun die Gretchen-Frage: Wer macht es klüger – Peking oder Rom?

Peter Frankenstein, Baar