Wohlstand
Die Schweiz ist seit Jahrhunderten wirtschaftlich erfolgreich. Warum? Eine Spurensuche

Wenn es eine Geschichte der Schweiz gibt, die international auf Interesse stossen sollte, dann ist das die Geschichte ihres wirtschaftlichen Aufstiegs. Der Historiker Markus Somm hat sich damit auseinandergesetzt - und einen Nerv getroffen: Sein Buch erscheint nun in der dritten Auflage. Nachfolgend schreibt Somm, wie die Schweiz zu einer Hochburg des Kapitalismus wurde.

Markus Somm
Markus Somm
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Pionier der Textilindustrie: Webstuhl im Appenzellerland um 1830.

Pionier der Textilindustrie: Webstuhl im Appenzellerland um 1830.

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Fels, Schutt und etwas Gras: Warum ausgerechnet dieses Land in den Bergen, wo es kaum Rohstoffe, dafür brutale Söldner, verstockte Sennen und ein paar unterbeschäftigte Handwerker gab, warum dieses Land zu einem der reichsten der Welt geworden ist, wirkt auf den ersten Blick wie ein Wunder – oder ein Betriebsunfall.

Niemand verstand das, niemand begreift es – selbst die Schweizer nicht mehr. Umso mehr grassierte der Verdacht. Irgendetwas stimmte da nicht. Sicher haben die Schweizer, Schlaumeier wie sind, sich dieses Glück erschlichen. Mythen statt Fakten: Lange glaubte man im Aus– und Inland zum Beispiel daran, dass es am Bankgeheimnis lag – doch seit dieses nicht mehr existiert, ist die Schweiz keineswegs ärmer geworden. Ausserdem – das ist den meisten nicht bewusst – war die Schweiz schon reich, als es hier noch kaum Banken gab.

Jacques Savary des Brûlons, ein Franzose, schrieb 1723 über Zürich:

«Die Zürcher haben aus ihrem Staat ein veritables Peru gemacht, obwohl sie über keinerlei Gold- oder Silberminen verfügen.»

Savary deutete damit sehr viel Reichtum an, denn Peru galt dank seiner Minen als ein Land von unermesslichen Schätzen. Es gehörte zu jener Zeit den Spaniern. «Doch im Gegensatz zu den harten Spaniern, die aus Peru so viel Gold und Silber herausgezogen haben, was sie auf Kosten des Blutes der armen Indianer taten, die sie in den Minen zur Arbeit zwangen, haben die Herren von Zürich ihren Staat und ihre Untertanen allein mit ihren Fabriken reich gemacht.»

Savary musste es wissen. Er war hauptberuflich Generalinspektor des französischen Zolls und hatte die vielen Waren aus Zürich zu kontrollieren, die in Frankreich auftauchten.

Globalisierung im 18. Jahrhundert

Tatsächlich war Zürich zu jener Zeit längst zu einem Zentrum der europäischen Textilindustrie geworden – und nicht nur Zürich, sondern genauso Basel, St. Gallen und Genf, das zudem eine Uhrenindustrie herangezogen hatte, wie es keine zweite gab in Europa – ausser vielleicht in London. Wenige Jahrzehnte später, um 1780, galt die schweizerische Baumwollindustrie als die grösste in Europa.

Das Cover des Buches von Markus Somm.

Das Cover des Buches von Markus Somm.

PD

Es war eine «Industrie» vor der Industrie – noch fehlten Maschinen, Fabriken kamen selten vor, es überwog Heimarbeit, doch die Organisation war ultramodern: nämlich höchst arbeitsteilig, exportorientiert, vor allem: kapitalistisch. Die Schweizer importierten die Baumwolle aus dem Nahen Osten oder der Karibik, Heimarbeiter in den hintersten Krachen des Zürcher Oberlands, im Toggenburg, in Appenzell Ausserrhoden oder in Glarus verspannen und verwoben sie, und Unternehmer in den Städten exportierten den Stoff in alle Welt.

Schweizer Waren kaufte man in Paris und St. Petersburg, Schweizer Kaufleute reisten nach Leipzig und Lyon: Wenn ein Land zu den ganz frühen Globalisierern gehörte, dann ironischerweise die Schweiz, ein Land ohne Hafen und Meeranstoss.

Die tödlichsten Krieger der Epoche

Wie ist dieses Wunder zu erklären? Zuerst: Lage, Lage, Lage. Zwar ist die Schweiz an der Peripherie entstanden, nämlich in den Alpen, und Berggebiete zählen fast überall auf der Welt zu den ärmsten überhaupt. Wer Kultur und Wohlstand sucht, zieht besser ins Flachland und ans Meer. Doch die Schweiz liegt eben auch im Zentrum von Europa, an der Grenze zwischen dem lateinischen Süden und dem germanischen Norden, am Super-Highway der zwei bedeutendsten Wirtschaftsräume, mit ihren Alpenpässen verschloss oder öffnete sie die Schleusen der Zivilisationen. An der Schweiz kam niemand vorbei.

Daraus ergab sich die zweite Voraussetzung ihres Aufstiegs: Weil sie strategisch lag und über die tödlichsten Krieger der Epoche verfügte, begab sich das Land schon früh, spätestens seit dem 15. Jahrhundert auf einen politischen Sonderweg. Mitten in Europas Monarchien wuchs eine Republik heran, die faktisch unabhängig war, wo der Adel keine Rolle mehr spielte, weil man ihn vertrieben hatte, wo die Bürger in den Länderorten und den Städten die Politik selbst betrieben – während zur gleichen Zeit in Europa Kaiser, Könige, Fürsten und Päpste vorherrschten.

Allerdings war das eine anarchische, chaotische, vor allem dezentrale Eidgenossenschaft, jeder Kanton ein Mini-Staat, wo sich viele Freiheiten auftaten – ohne dass man das so beschlossen hätte. Freiheiten für die Bürger, Freiheiten für die Unternehmer. Darin liegt ein Geheimnis des wirtschaftlichen Erfolges des Landes: liberal, weil dezentral. Man verkennt das oft – dabei kann man es nicht überschätzen.

Das erwies sich im 16. Jahrhundert, in der Zeit der Reformation, als der Durchbruch der schweizerischen Exportwirtschaft einsetzte. Dank ihrer dezentralen Struktur wurde die Schweiz zum bevorzugten Ziel zahlloser protestantischer Immigranten. Sie kamen aus Locarno, sie kamen aus Italien, Flandern und Frankreich, zum Teil die besten ihrer Nation, und innert kürzester Zeit verwandelten sie – zusammen mit gelehrigen Einheimischen – die Schweiz in eine kapitalistische Hochburg – was sie seither blieb.

Warum die Schweiz reich geworden ist. Mythen und Fakten eines Wirtschaftswunders. Stämpfli Verlag Bern, 2021, 296 Seiten, 49 Franken.