De Schepper
Tanz Dich frei ohne Sauerei

In den unruhigen achtziger Jahren hiess die Band, die in Bern in der illegal aufgebrochenen Dampfzentrale zum Tanz aufspielte «Züri West». Jetzt ist die Band so arriviert wie die Bewegten von damals.

Werner De Schepper
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Aargauer Zeitung

Heute spielt keine Band mehr auf, wenn die Jugend demonstriert. Aus den «Soundmobiles» von «Tanz Dich frei» wummerte am Samstag draussen auf der Strasse der gleiche Bass wie in den angesagten Clubs der Stadt, gegen deren Kommerz sich die Tanz-Demo ja durchaus auch gerichtet hatte.

«Hei Mann, was heisst da Politik? Ich will einfach tanzen und chillen.» Das spürte man trotz saukaltem, garstigem Regenwetter vor jedem Soundmobil: Gegen 10’000 junge Menschen wollten an diesem Samstagabend einfach mal festen und abtanzen.

Politik war in den Gassen so wenig ein Thema wie Gewalt. Das einzig Unerhörte, wozu man sich bekannte, war der Wunsch, die Strassen Berns für einmal völlig für sich selber zu haben.

Ganz anders tönte es vorn am Umzug: Dort liefen 200 finstere Figuren in kriegerischer Stimmung der Polizeisperre vor dem Bundeshaus entgegen: Alle schwarz gekleidet, die meisten vermummt, etliche bewaffnet mit Petarden.

Ein paar ganz wenige skandierten politische Parolen, die meisten aber fragten bloss immer wieder: «Wo warten die Bullen?» Alle blickten verbiestert, keiner der schwarzen Gestalten wollte tanzen. Sie wollten Angst säen, nicht Party machen.

Genau das spürten die Tanzenden hinter dem grimmigen Block. Die Soundmobiles warteten immer wieder und versuchten so zwischen sich und dem Block eine Lücke aufzutun.

Der Umzug kam kaum mehr vorwärts. Es waren zwei abgekoppelte Welten: Vorne der kleine, aber explosive Sprengkopf von «Schlag Dich frei», dahinter - rund 100 Meter weiter - der sich rhythmisch auf und ab bewegende Tatzelwurm von «Tanz Dich frei.»

Und zuhinterst, ja wirklich, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, folgten junge Menschen von «Tanz Dich frei», die mit Abfallsäcken Bierdosen einsammelten. Sie wollten ein «Tanz Dich frei» ohne Sauerei.

Aber davon redet niemand mehr. Kaum mehr als 70 Chaoten machten «Tanz Dich frei» zur Sauerei. Die 10’000 Tanzenden und deren Wunsch nach der Rückeroberung der Strasse und des öffentliche Raumes für ein ungezwungenes Nacht- und Festleben ohne Alkoholverbote und Sperrstunden - all das war den schwarzen Brüdern egal.

Sie meinten, sie kämpften gegen die Polizei, sie meinten, sie würden mit ihren Steinen gegen die Schaufenster der Banken und Geschäfte das System schädigen - und zerstörten dabei nur eines: Tanz Dich frei.»

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