De Schepper
Schweizer helfen «Neger»

Es geschah am helllichten Tag. Es ist Samstag nachmittag. Der Samstag vor der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitative.

Werner De Schepper
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Aargauer Zeitung

Der Zug auf der Jura-Südfusslinie verlässt Biel Richtung Zürich. Im Abteil zweiter Klasse sitzt eine junge Frau. Ihr gegenüber ein Mann Mitte 30. Der Kondukteur kommt. Beide haben ein GA, zücken es hervor. Der Kondukteur wirft einen kurzen Blick darauf und geht weiter.

«He, was soll das?» , ruft ihm der Mann in bestem Solothurner Dialekt nach, «ich habe für dieses GA 3500 Franken bezahlt. Und Du schaust es nicht mal richtig an. Du nimmst mich nicht ernst. Was machst Du hier überhaupt? Geh zurück nach Afrika.» Der uniformierte SBB-Mann - Mitte 40, schwarze Hautfarbe - kehrt um, lächelt zuerst noch, will sich freundlich erklären, aber da steht der Mann mit dem GA schon auf und deckt ihn mit wüsten Beschimpfungen zu. Bei den Worten «Neger» und «Drecksafrikaner» versucht ihn die Frau gegenüber zu unterbrechen: «Wer ist hier wohl unanständig? Hören Sie bitte sofort auf.»

Der Mann explodiert vollends, versucht gegen den Kondukteur handgreiflich zu werden. Dieser weicht erschrocken zurück. Und da passiert es. Drei Männer um die 60 tauchen plötzlich von hinten auf und stellen sich rettend zwischen dem wild um sich schlagenden Mann und dem Kondukteur. Der Zug fährt im Bahnhof Solothurn ein und hält. Mutig packen die drei älteren Männer - sie reden ebenfalls Mundart - den Querulanten mit dem GA und komplimentieren ihn furchtlos aus dem Zug.

Die Türen schliessen sich und der Zug fährt ohne den Rassisten weiter. Der Kondukteur kommt noch einmal zurück und bedankt sich bei der Frau und den drei Männern für Ihre Intervention: «Dass ich wegen meiner Hautfarbe beschimpft werde, kommt fast täglich vor. Aber dass ich tätlich angegriffen werde, habe ich noch nie erlebt. Auch nicht, dass man mir so beherzt zur Seite steht. Herzlichen Dank.»

Das Bundesgericht beschäftigt sich damit, ob man «Sauausländer» sagen darf oder nicht. Viel wichtiger ist das, was im Zug zwischen Biel und Solothurn passiert ist. Diese Frau und die drei Männer sind Gesichter der demokratischen Schweiz. Es ist wichtiger denn je, auch solche Geschichten zu erzählen. Zivilcourage im Alltag.

Tags darauf im Bahnhof Bern in der Migros: Nebenan steht ein Mann, er stiert auf eine nordafrikanische Familie und ruft lautstark: «Dieses Ausländer-Gesindel verstopft alles. Nicht mal mehr am Sonntag kann man in Ruhe einkaufen.» Auch die dunkelhäutige Kassiererin hört es und zuckt zusammen. Und ich höre weg statt zu widersprechen. Es braucht Mut, Flagge zu zeigen.