Lehrerlöhne
Schlechte Lehrkräfte sind teuer

Wer beim Gehalt für Lehrkräfte spart, geizt an der falschen Stelle. Thomas Straubhaar über die Debatte um die Lehrerlöhne in Deutschland und der Schweiz.

Thomas Straubhaar
Thomas Straubhaar
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Gute Lehrkräfte kosten viel Geld. (Symbolbild)

Gute Lehrkräfte kosten viel Geld. (Symbolbild)

AZ

Es gibt viele Gründe, wieso es reichere und ärmere Länder gibt. Nach einer einfachen Faustregel haben Binnenländer, die weit weg vom Meer im Innern eines Kontinents liegen, ganz schlechte Karten. Es ist kaum Zufall, dass beim Index der menschlichen Entwicklung 2014 (errechnet von der Entwicklungsplattform der Vereinten Nationen) die «landlocked countries» drei der letzten vier und vier der letzten acht Plätze belegen. So gehören Niger, Zentralafrika und Tschad zu den ärmsten Staaten Afrikas. Afghanistan ist das am wenigsten entwickelte asiatische Land. Bolivien und Paraguay liegen in Südamerika ganz hinten. In Europa stehen Moldawien, Weissrussland oder Serbien schlechter da als ihre Nachbarn. Und selbst Griechenland schneidet mit Platz 29 um Längen besser ab als das vom Meer abgeschnittene nördlich angrenzende Mazedonien auf Platz 84.

Eine Ausnahme verblüfft. Das Binnenland Schweiz liegt weltweit auf Platz drei, hinter Norwegen und Australien, aber vor den Niederlanden, den USA und Deutschland. Wo liegt die Erklärung für den Erfolg einer Alpenrepublik ohne Zugang zum Meer und ohne Rohstoffe? Den Eidgenossen war sehr früh sehr klar bewusst, dass in einem gebirgigen Umfeld der Leistungs- und Innovationsfähigkeit der Bevölkerung ein besonderer Stellenwert zukommt. Bereits 1855, unmittelbar nach der Staatsgründung der Schweiz in ihrer heutigen Form (1848), wurde in Zürich ein nationales «Polytechnikum» gegründet. Es wurde eine der treibenden Kräfte der Schweizer Industrialisierung und unterstützte als wissenschaftliches Flaggschiff den Aufbau von zukunftsweisenden Infrastrukturen. Auch die Universitäten Zürich, Genf und Basel dürften weltweit zu den besten 100 Hochschulen gehören.

Werden die nationalen Bildungsausgaben genauer analysiert, zeigt sich die nächste Überraschung: nach Berechnungen der OECD gibt die Schweiz nämlich keineswegs mehr Geld für Bildung aus als andere Staaten. Mit 5,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts liegen die Ausgaben unter dem OECD-Durchschnitt von 6,1 Prozent (aber über dem Wert für Deutschland von 5,1 Prozent). Allerdings sagen Ausgaben alleine wenig bis nichts über Effizienz und Qualität des Bildungssystems aus. Es könnte ja auch sein, dass viel Geld verschwendet oder unzweckmässig ausgegeben wird. Deshalb dürfte ein anderes Indiz verlässlichere Auskunft darüber geben, welchen Stellenwert «Bildung» in einer Gesellschaft geniesst: die Bezahlung der Lehrkräfte.

Ein Vergleich der Gehälter im Bildungswesen offenbart schlagartig, was die Schweiz mit so erfolgreich macht. Da steht die Schweiz hinter Luxemburg an der Spitze der OECD-Rangliste. Wer in der Schweiz im Bereich «Erziehung und Unterricht» beschäftigt ist, verdient rund ein Drittel mehr als der Durchschnitt aller öffentlich und privaten Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten. In Deutschland hingegen beträgt der Vorsprung des Bereichs «Erziehung und Unterricht» gegenüber dem Durchschnitt knappe 10 Prozent. Über alle Schulstufen gesehen, verdient das Lehrpersonal in Deutschland wesentlich mehr als der OECD-Durchschnitt, aber deutlich weniger als in der Schweiz. Wer hierzulande am Gymnasium unterrichtet, startet brutto mit etwas weniger als 50 000 Euro, erreicht nach 15 Jahren im Dienst knapp 60 000 Euro und kann als Oberstudienrat mit rund 65 000 am Ende der Laufbahn rechnen. Das Lehrpersonal an öffentlichen deutschen Haupt- und Realschulen erhält bei Berufsanfang durchschnittlich 45 000 Euro brutto, nach 15 Jahren im Dienst knapp 55 000 Euro und am Ende der Laufbahn fast 60 000 Euro brutto.

In der Schweiz beginnen Gymnasiallehrer(innen) minimal mit einem Brutto-Jahresgehalt von gut 90 000 Franken (umgerechnet etwa 83 000 Euro) – wobei sich die Gehälter von Kanton zu Kanton teilweise beträchtlich unterscheiden. Sie erreichen nach einigen Jahren ein Niveau von 130 000 Franken und kommen gegen Ende der Laufbahn auf fast 150 000 Franken in den strukturschwächeren Kantonen und auf über 170 000 Franken in Zug oder Zürich. Im Sekundarbereich starten die Lehrkräfte mit etwas über 80 000 Franken und können sich bis auf 140 000 Franken verbessern (in Zürich bis über 150 000 Franken). Und im Primarbereich der Grundschule liegen die Einstiegsgehälter bei 70 000 und das Endgehalt zwischen 110 000 und 120 000 (in Zürich bis 145 000). Natürlich liegt das Lohnniveau in der Schweiz generell wesentlich höher als in den Nachbarländern. Deshalb bedarf es eines weiteren Vergleichs: Das Medianeinkommen über alle akademischen Berufe beläuft sich in der Schweiz brutto auf etwas mehr als 100 000 Franken (110 000 für Männer, 91 000 für Frauen). Lehrkräfte im Primar- und Sekundarbereich verdienen somit nach ein paar Jahren Berufserfahrung, Gymnasiallehrer sowieso, deutlich mehr als der Durchschnittsschweizer.

Dieser Vergleich macht klar: Wer beim Gehalt für Lehrkräfte spart, geizt an der falschen Stelle. Gute Lehrkräfte kosten viel Geld. Schlechte Lehrkräfte jedoch sind teurer.

Der Autor stammt aus der Schweiz. Er ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg.