Weltklimarat
Reden über Geld statt Grade - Strategiewende in der Klima-Kommunikation

Die Nicht-Wahl Thomas Stocker ist eine "politische Wahl" gewesen. Einmal mehr sind wir und unsere guten Dienste international nicht mehr gefragt.

Christoph Bopp
Christoph Bopp
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Portrait von Thomas Stocker.

Portrait von Thomas Stocker.

Keystone

Genug qualifiziert wäre er sicher gewesen und geeignet wohl auch: Aber Thomas Stocker, der Berner Professor für Klimaphysik, wurde beim IPCC-Kongress in Dubrovnik nicht zum Vorsitzenden des UNO-Klimarates gewählt.

Er erreichte im ersten Wahlgang das Quorum nicht, ihm fehlten zwei Stimmen, nur die zwei Kandidaten mit den meisten Stimmen schafften es in den zweiten Wahlgang. 38 Zusagen hätte er gehabt für seine Kandidatur, sagte Stocker dem Schweizer Fernsehen, 30 Stimmen habe er schliesslich bekommen. Im Vorfeld hatte er 31 Länder besucht, ein Aufwand, der sicher gross genug war.

Gewählt als Chairman wurde der Südkoreaner Ökonom Hoesung Lee (69). Er setzte sich mit 78 Stimmen gegen den Belgier Jean-Pascal van Ypersele durch, der auf 56 Stimmen gekommen sein soll. Lee ist – wie alle anderen Konkurrenten um den Posten auch – schon lange dabei beim Klimarat. Seit 2008 ist er IPCC-Vizedirektor.

Natürlich schmerzt das nicht nur den engagierten Wissenschafter Stocker, sondern auch die Schweizer Nationalseele. Einmal mehr sind wir und unsere guten Dienste international nicht (mehr) gefragt.

Und Stocker weist denn auch darauf hin, dass es eine «politische Wahl» gewesen sei. Dass der asiatische Block erfolgreich mobilisiert und seinen Kandidaten durchgebracht hat.

Das mag Stocker trösten, denn offenbar war nichts Persönliches im Spiel. Uns Schweizern sollte es dennoch etwas zu denken geben, wenn es der Belgier van Ypersele, ebenfalls Physiker wie Stocker, in den zweiten Wahlgang geschafft hat. «Europäische» Solidarität hat sich da wohl nicht für die Schweiz ausgewirkt.

«Ökonomische» Strategiewende in der Klima-Kommunikation?

Ob es Absicht der Wahlbehörde war oder Zufall, sei für einmal dahingestellt, aber die Wahl des Ökonomen Lee dürfte eine Wende andeuten. Es werden nicht mehr die Physiker sein, die jeweils den Klimabericht den Medien, der Öffentlichkeit und den Regierungen präsentieren, sondern die Ökonomen.

Bisher gab es jeweils Knatsch um zu viel Gletscherschmelz und zu viel Dürre, während die Frage der Kosten seit dem «Stern»-Bericht, der 2006 Milliardenschäden prophezeite, etwas untergegangen ist.

Das mag auch an den Zahlen liegen: Milliarden (die Währung spielt da keine Rolle mehr) mit einem Minuszeichen davor, davon hatten wir in den Jahren danach mehr als genug.

Die Klima-Wissenschaft unter der Fuchtel des Hockeystocks

Natürlich trug das «krumme Ende des Hockeystocks» auch dazu bei, dass die Physiker an Reputation eingebüsst haben. Dass der Temperatur-Anstieg in den letzten Jahren nicht mehr mit dem zunehmenden CO2-Gehalt in der Luft Schritt halten mochte, erzeugte auch im Publikum Getöse.

Während der kritischere Punkt, dass ab 1960 Baumringe und Temperaturanstieg nicht mehr so recht synchron liefen, eher die Forscher beunruhigte. Das würde nämlich nahe legen, dass der ganze «Hockeystock» etwas schief in der Geschichte hängt.

«Zu schön, um wahr zu sein», das Verdikt wäre wohl nicht mehr abzuwenden. Wie die Temperaturen fielen und dann – schön im Einklang mit der Industrialisierung – Schaufel und den steil ansteigenden Schaft bilden – eine Steilvorlage für die Branche.

Anstatt das Gezank um Modelle, Grad und Parts per Million redet man jetzt vielleicht eher über Geld. Wobei weniger die horrenden Zahlen schrecken – auch Kriege haben riesige Schäden verursacht, aber trotzdem einigen Volkswirtschaften wieder auf die Beine geholfen –, sondern die Verteilung.

Die Folgen des Klimawandels werden vor allem jene Länder treffen, deren junge Männer jetzt vor den Türen der europäischen Länder stehen. Und es kann durchaus sein, dass Hoesung Lee, Professor mit Spezialgebiet «Wirtschaftliche Folgen des Klimawandels» an der Hochschule für Energie und Umwelt in Seoul, vielleicht nicht die besseren Argumente hat, aber unter Umständen mehr Kredit und Goodwill bei den Regierungen geniesst als der Klimaphysiker Stocker.

Thomas Stocker war natürlich enttäuscht und will nach 17 Jahren beim IPCC aufhören. Seit 2008 war er mit seinem chinesischen Kollegen Qin Dahe Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe für wissenschaftliche Grundlagen des Klimawandels. Da gibts auch daheim in Bern immer noch längst genug zu tun.

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