Per Autostopp um die Welt
Mit Blaulicht durch die Polizeikontrolle: so reist es sich mit einem der mächtigsten Männer Kambodschas

Autostöppler Thomas Schlittler war diese Woche in Kambodscha unterwegs, von Srei Ambil Detour nach Krong Khemara Phoumin. Mit seinen zwei Schweizer Freunden macht Autostöppler Schlittler diese Woche eine sehr aussergewöhnliche Bekanntschaft.

Thomas Schlittler
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Woche 39: Von Grosse Kreuzung nach Srae Ambel: Die erste Strecke dieser Woche lege ich noch alleine zurück - auf dem Rücksitz dieses Motorrads.
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Von Srae Ambel nach Stadtrand. Dann beginnt die Herausforderung: Drei Männer am Strassenrand. Meine Freunde Christian und Alex alias Balu (hinten) sind zu Besuch.
Von Stadtrand nach Koh Kong. Stöppeln zu dritt geht nicht nur erstaunlich gut, unsere zweite Mitfahrgelegenheit könnte auch kaum spannender sein. Der Chauffeur...
... des kambodschanischen Senat-Vizepräsidenten nimmt uns mit - auf Anweisung seines Chefs Tep Ngorn. Dieser ist nicht nur ein hoher Politiker, ...
... sondern auch Inhaber der kambodschanischen Tankstellenkette Tela.
Fahrer-Selfies Woche 38: Von Siem Reap nach Puok_Aus der Stadt geht es mit einer jungen Familie,die auf dem Weg an eine Hochzeit ist.Auf dem Bild nicht zu sehen_Der neun Monate alte Sohn
Von Puok nach Sisophon_Das Bild täuscht nicht_Auf dieser Fahrt wurde nicht viel gesprochen
Erst am Ziel taut Fahrer Darad etwas auf und fragt nach einem gemeinsamen Selfie - ich mache auch noch eins mit meiner Kamera
Von Sisophon nach Battambang_Der 44 jährige Supiap hat sechs Kinder, das jüngste 8, das älteste 25.Das ist gar in Kambodscha viel_Der Schnitt ist etwas über drei
Von Battambang nach Krakor_Sarat(links)hält für mich an - und prompt prallt ein Lieferwagen voll in ihn hinein.Es gibt einen heftigen Disput zwischen den beiden Fahrern
Sarat ist wütend, nimmt mich aber trotzdem mit. Auf dem Dach hat er lebende Hühner, die auf der Seite des Wagen runterhängen. Es tut weh, hinzuschauen
Von Krakor nach Pnom Penh_In die Hauptstadt geht es mit einem Minibus, der mich mitnimmt, obwohl ich klar mache, dass ich nicht bezahlen will. Merci!
Von Pnom Penh nach Ang Snuol_Aus dem Chaos der Hauptstadt erlöst mich dieser Roller-Fahrer. Ein ganz lieber Typ. Als er mich ablädt, kann er nicht mitansehen...
Von Ang Snuol nach Grosse Kreuzung_ ... wie ich am Strassenrand warte. Deshalb stoppt er einen Minibus für mich und fragt,ob ich kostenlos mitfahren darf. Ich darf
Von Grosse Kreuzung nach Sihanoukville_Die letzten 85km geht es im LKW von Rong. Wieso ich so gequält dreinblicke, erkläre ich nächste Woche ...

Woche 39: Von Grosse Kreuzung nach Srae Ambel: Die erste Strecke dieser Woche lege ich noch alleine zurück - auf dem Rücksitz dieses Motorrads.

Thomas Schlittler

Wenn mich jemand fragt, wie gut das mit dem Autostöppeln klappt, sage ich immer: «Autostöppeln funktioniert überall auf der Welt. Die Frage ist nicht, ob man mitgenommen wird, sondern höchstens wann.» Doch gilt dieser Grundsatz auch, wenn nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Männer mit dem Daumen am Strassenrand stehen?

Ich habe zwei Freunde aus der Schweiz zu Besuch, mit denen ich von der Südküste Kambodschas in die thailändische Hauptstadt Bangkok stöppeln will, und habe ernsthafte Zweifel, ob das machbar ist, oder ob wir den kambodschanischen Fahrern zu viel zumuten.

Doch ich unterschätze die Grosszügigkeit der Leute: Es dauert keine fünf Minuten, bis uns ein Minibus kostenlos an die Hauptstrasse bringt. Dort angekommen, können wir nicht einmal unsere Rucksäcke absetzen, als bereits ein schicker, weisser Nissan-Geländewagen für uns anhält.

Direkt dahinter stoppt ein luxuriöser schwarzer Lexus. Wir denken uns nichts dabei, sondern steigen einfach in das vordere Auto ein. Am Steuer sitzt ein aufgestellter junger Mann namens Nalong, der uns in gebrochenem Englisch sagt: «Im hinteren Auto sitzt mein Boss. Er hat gesagt, ich solle anhalten und euch mitnehmen.» Auf unsere Frage, wer denn sein Boss sei, streckt er uns ein weisses Visitenkärtchen entgegen, auf dem in goldener Schrift steht: «His Excellency Tep Ngorn, 2nd Vice President of the Senate.»

Woche 39: Es ist eine Woche der Gegensätze ...
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In der südkambodschanischen Kleinstadt Srae Ambel treffen meine Freunde und ich auf sehr ärmliche Verhältnisse.
Der Besuch von Srae Ambel ist spannend, aber nicht schön.
150 Kilometer weiter rund um die Stadt Koh Kong ist es dann weniger spannend, da touristischer, dafür schöner.
Wir besuchen Wasserfälle (wie so oft nicht ganz so beeindruckend, wenn man aus der Schweiz kommt) ...
Und einen riesigen Mangrovenwald.
...
Geht man in den Mangrovenwald hinein, ist es etwas unheimlich. Als wären Tausende Riesenspinnen erstarrt.
Zudem erlebte ich diese Woche auch eine Premiere meiner bisherigen Reise. Ein paar Tage an einem wunderbaren Sandstrand. Das ist ja auch mal schön.
Die hinterlassen viel Abfall - das ändert die Essgewohnheiten der dort lebenden Affen ...
Angkor ist aber nicht nur Angkor Wat, bis heute wurden in Angkor über 1000 Tempel und Heiligtümer entdeckt
Angkor bildete vom 9. bis zum 15. Jahrhundert das Zentrum des historischen Khmer-Königreiches Kambuja
Jede Tempelanlage ist anders. Und das ist mein Liebling. Allerdings nicht wegen der Tempel, sondern wegen der 'Rache' der Natur
Die nahegelegene Stadt Siem Reap, in der die Touristenmassen übernachten, hat deutlich weniger Charme. Die Pub-Street könnte auch in Ibiza liegen (siehe Video)
Weiter geht es nach Battambang. Die Stadt selbst ist gemütlich aber wenig spektaktulär. Dafür fasziniert sie durch dieses Naturspektakel
Jeden Abend verlassen bei Dämmerungsbeginn Tausende, ja Millionen von Fledermäusen ihre Höhle (siehe Video)
Auf dem Weg Richtung Hauptstadt Pnom Penh mache ich einen Abstecher in ein Wasserdorf namens Kampong Luong. Ich bleibe aber schon auf dem Weg dahin hängen ...
In den Dörfern an der Küste leben die Menschen - und Kinder - praktisch im Müll
Hier ist die Armut schwer zu ertragen ...
...
Der eigentliche Grund für meinen Ausflug ist aber dieses Wasserdorf_Kampong Luong
Es ist eigentlich in ganz normales Dorf
Nur dass der (fahrende) Kiosk eben auf einem Boot von Haus zu Haus geht
Die Tankstelle schwimmt ...
... die Kinder zur Schule rudern ...
... und die Menschen im Wasser landen, wenn sie beim Blumengiessen einen falschen Schritt machen
Die meisten hängen aber einfach nur so herum. Das Dorf macht einen besseren Eindruck, als ich erwartet hatte. Und der Müll ist weniger sichtbar ...
Etwas darf natürlich auch hier nicht fehlen_Ein Parteihaus der Cambodia People's Party
Noch am gleichen Tag erreiche ich die Hauptstadt Pnom Penh. Die Stadt ist voller Leben, ein bunter Mix aus allem
Die Tuk-tuk-Fahrer lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie können überall ein Nickerchen machen. Müssen sie auch_Viele von ihnen haben kein Zuhause
Am meisten eingefahren ist mir aber ein Gefängnis und eine Gedenkstätte, die an die Gräueltaten der Roten Khmer in den 70er Jahren erinnern
Bis zum Ende ihrer Herrschaft 1978 fielen den Roten Khmer nach den verbreitetsten Schätzungen etwa 1,7 bis 2,2 Millionen Kambodschaner zum Opfer

Woche 39: Es ist eine Woche der Gegensätze ...

Thomas Schlittler

Wir können fast nicht glauben, was wir da lesen. Wurden wir wirklich gerade von einem der mächtigsten Männer Kambodschas am Strassenrand aufgelesen? Spätestens als Nalong bei einer Polizeikontrolle einfach das Blaulicht einschaltet, das sich gut getarnt im Kühlergitter befindet, und in vollem Tempo links vorbeifährt, haben wir keine Zweifel mehr. Zudem sind das Visitenkärtchen, die beiden Autos und Nalong als Chauffeur durchaus standesgemäss für einen Vizepräsidenten des Senats. Ja mehr als das: In einem mausarmen Land wie Kambodscha, in dem das Bruttoinlandprodukt pro Kopf gerade einmal 1140 US-Dollar beträgt, wirkt der Auftritt gar eher protzig.

Nalong errät wohl unsere Gedanken. Ungefragt verteidigt er seinen Vorgesetzten: «Einige Leute sagen, es sei nicht richtig, dass Politiker wie mein Boss so reich sind. Sie vermuten, dass sie sich auf Kosten der Bevölkerung bereichern. Doch zumindest bei meinem Boss ist das falsch, er hat sich sein Vermögen als Unternehmer erarbeitet – vor seiner Karriere als Politiker.»

Unser Chauffeur kommt auch auf die Kambodschanische Volkspartei (KPK) zu sprechen, der er und sein Boss angehören. Die KPK regiert Kambodscha seit 1981 ununterbrochen. Daran hat auch die Einführung eines Mehrparteiensystems 1991 nichts geändert.

Der Partei wird immer wieder Unterdrückung der Opposition und Vetternwirtschaft vorgeworfen. Im Korruptionsindex von Transparency International belegt Kambodscha von 168 untersuchten Staaten den 150. Rang. Diese Kritik ist offenbar auch Nalong bekannt. Umso feuriger sind seine Lobeshymnen auf die Partei.

Auf die Bildungsproblematik in Kambodscha angesprochen, gibt er eine Parteiparole zum Besten: «Wir bringen die Leute nicht zu den Schulen, sondern die Schulen zu den Leuten.» Bei einem Strassenschild, das vor Elefanten warnt, sagt er: «Früher war diese Strasse ein Problem für die Elefanten. Nun wurden sie von der Regierung umgesiedelt.» Und er versichert sichtlich erregt: «Selbst wenn mich jemand mit einer Pistole dazu zwingen wollte, zuzugeben, dass die KPK nur sich selbst helfe und nicht der kambodschanischen Bevölkerung, würde ich sagen: Nein, nein, nein!»

Als wir nach etwas mehr als zwei Stunden unseren Zielort erreichen, halten wir an einer Tankstelle. Dort lernen wir Narongs Boss, den Vizepräsidenten des Senats, persönlich kennen. Mit weissem Hemd, glänzenden Lackschuhen, Sonnenbrille und schicker Armbanduhr steigt er aus dem Fonds seines schwarzen Lexus, in dem auch ein Flachbildschirmfernseher nicht fehlt. Wir bedanken uns höflich, dass er uns mitgenommen hat, er schüttelt uns jovial die Hände ,ein Mitarbeiter nimmt die Szene mit seinem Handy auf.

Er bittet uns, mit ihm in den Tankstellenshop namens Tela zu kommen, eine Kette, die im ganzen Land weit verbreitet ist. Dort sagt er: «Bitte, bedient euch, ich bezahle.» Wir lehnen dankend ab. Doch er besteht darauf: «Keine Widerrede. Nehmt, soviel ihr wollt – die Tankstellenkette gehört mir.»

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