Kommentar
Liebe Bauernfamilien...

Die Satirikerin Patti Basler schlägt vor: Voll auf Direktzahlungen, voll auf Intensiv-Landwirtschaft und dann teilen.

Patti Basler
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Ein Bauernhof in Stans, Kanton Nidwalden.

Ein Bauernhof in Stans, Kanton Nidwalden.

Urs Flüeler /
Keystone

Ich weiss, dass auf dem Hof nicht nur die Bauern, sondern alle mitarbeiten, auch wenn die Müller Brigitte keinen Rappen in der Pensionskasse hat. Aber auch der Müller Seppi kommt samt Direktzahlungen nur auf den durchschnittlichen Bauern-Stundenlohn von Fr. 14.-. Ihr geht offenbar nicht für Geld aufs Feld, ihr baut den Kohl nicht wegen der Kohle an, ihr mästet die Schweine nicht wegen der Scheine. In der Abwasserreinigung würdet ihr mehr verdienen samt regulären Ferien und Pensionskasse.

Seit Jahren müsst ihr immer mehr Land der Natur zurückgeben, Brachen, Hecken, Grünstreifen: buschig und wild wie der Bart vom Abegglen Toni, doch von deutlich mehr Tieren bewohnt. Euch wird das Geld gestrichen, wenn ihr diese Biodiversität nicht fördert. Und das ist gut so.

Fleissiger spritzen als die Pflegekräfte in den Impfzentren

Die wenigen bebaubaren Flächen bewirtschaftet ihr dafür so effektiv wie möglich. Die Alpen lasst ihr beweiden. Was an den stotzigen Hängen gedeiht, ist für uns erst geniessbar, wenn es durchs Tier zu Milch oder Fleisch veredelt wird. Die Vegetarier können immerhin den Anblick der grasenden Tiere geniessen. Die Veganerinnen können im Winter die Pisten befahren. Und manchmal lassen wir Ausflügler und Influencerinnen euch auch etwas da: Hundekot, der leider kein Dünger, sondern umweltschädlich ist, Abfall, Flaschen. Eine Red-Bull-Dose hat der Kuh Erna durch den Verzehr sogar die versprochenen Flügel verliehen. Direkt nach der Notschlachtung.

Im Flachland baut ihr intensiver an. Da bringt ihr gerne mal mehr braune Gülle aufs Feld als ein rechtsextremer Twitterer im Netz verteilt. Da spritzen einige von euch fleissiger als die Pflegekräfte zurzeit in den Impfzentren. Obst, Gemüse, Raps fürs einheimische Pflanzenöl, Wein, Schweinefleisch, Geflügel, Eier – im grossen Stil unmöglich ohne Dünger, ohne Pflanzenschutzmittel, ohne Importfutter. Weniger, dafür biologischer: Das wäre ja gut so.

Nur blöd, dass Bio dermassen in ist, dass die Grossverteiler es künstlich verteuern. Ohne euch viel mehr zu bezahlen für die Bio-Produkte. Deshalb fragte Abegglen Toni kürzlich, ob die 55 Prozent, die die Agrar-Initiativen befürworten, dieselben 10 Prozent sind, welche Bio kaufen. Doch eine Initiative gegen die hohen Margen der Nahrungsmittel-Verarbeiter und Grossverteiler hätte keine Chance. Da gibt es Anwältinnen und Lobbyisten, ganze Heerscharen. Ein einfacher Ritter ist wohl der leichtere Gegner.

Initiativen so verwässert, dass sie schon fast als sauberes Trinkwasser durchgehen

Ihr eignet euch einfach besser als Sündenbock oder als Sau, die man durchs Dorf treibt. Die Landwirtschaft ist der Brunnenvergifter, seit man nicht mehr Religionsgemeinschaften oder Hexen beschuldigen kann.

Wenn ihr umweltfreundlicher und weniger produziert, müssen wir mehr importieren. Doch die Pestizide, die verschmutzte Umwelt, das verursachte Tierleid im Ausland müssen wir wenigstens nicht noch mit unseren Direktzahlungen finanzieren. Wir waschen unsere Hände in Unschuld und pestizidfreiem Trinkwasser.

Nur, liebe Bauernfamilien, habt keine Angst. Die Initiativen sind so verwässert, die gehen schon fast als sauberes Trinkwasser durch. Intensive Landwirtschaft wird nicht verboten, sondern einfach nicht mehr finanziell unterstützt. Drum hat die Müller Brigitte einen Plan. Sie verkauft dem Abegglen Sepp ihre steilen Hänge, dort lässt er die Natur gedeihen und kassiert dafür Direktzahlungen. Im Gegenzug gibt er ihr sein Flachland, da reisst sie die störenden Hecken aus, verteilt dreimal so viel Gülle, vergrössert ihre Intensiv-Schweinemast, importiert Futter und spritzt jedes zugelassene Pestizid. Dafür bekommt sie keine Direktzahlungen. Ende Jahr teilen dann die Müllers und der Abegglen ihren Gewinn. Und Brigitte zahlt sogar etwas in die Pensionskasse ein. Davon wird das Trinkwasser zwar nicht sauberer. Im Gegenteil. Aber ihr hättet uns eine Lektion in Bauernschläue erteilt.

Und das ist gut so.

Auf ein Prosit mit sauberem Trinkwasser

Patti Basler