Kommentar
Der Wald hat Zeit – der Mensch müsste sie nutzen

Alle benützen ihn ganz selbstverständlich für die verschiedensten Bedürfnisse, als ob es ihr Eigentum wäre: Den Wald. Mit welchem Recht - und wem gehört er eigentlich? Die Waldeigentümer meldeten sich diese Woche zu Wort.

Urs Mathys
Urs Mathys
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Erholungsraum Wald: Er steht allen frei zur Verfügung - nicht alle wissen dies zu schätzen.

Erholungsraum Wald: Er steht allen frei zur Verfügung - nicht alle wissen dies zu schätzen.

Hanspeter Bärtschi

«Der Wald steht schwarz und schweiget», heisst es im Gedicht «Abendlied» von Mat­thias Claudius, erstmals veröffentlicht 1779. Diese Woche, 242 Jahren später, erhob der Verband der Bürgergemeinden und Waldeigentümer Kanton Solothurn stellvertretend für den Wald die Stimme. Am Bellacher Waldrand wurde bei Most und «Speckzüpfe» zu mehr Wertschätzung für die Wälder aufgerufen, die weit mehr seien als bloss ein Landschaftselement. Der Wald verdiene mehr Achtsamkeit und er sei auch nicht einfach «Niemandsland».

Die Solothurner Wälder gehö­ren tatsächlich jemandem: zu rund 75 Prozent der Fläche den Bürgergemeinden, zu 5 Prozent dem Kanton, der Rest Privaten. Eine Tatsache, die oft vergessen wird bei den vielen Ansprüchen, die der Wald wohl oder übel und wie selbstverständlich zu erfüllen hat.

Er ist Erholungsraum, Sportarena, Kinderspielplatz, Liebeslaube, Kraftort, grüne Lunge, Pilz-, Früchte- und Jagdrevier, illegale Kehrichtdeponie, Holz- und Weihnachtsbaumlieferant, Arbeitsplatz, Kostenverursacher, Naturgefahrenschutz, Schattenspender, Wasserspeicher – und neuerdings am Bettlachstock sogar Unesco-Weltnaturerbe ...

Es ist noch nicht lange her, da war das Waldsterben in aller Munde. Dass der Wald dann doch nicht «starb», wird von manchen als Beweis dafür gesehen, dass strengere Umweltnormen unnötig seien und die Wissenschafter eh immer alles übertreiben würden. Nun verhält es sich ähnlich mit der Klimadiskussion: Zwar müssen sogar letzte Zweifler angesichts immer bedrohlicherer Extremwettersituationen einräumen, dass menschliches Tun und Lassen einen Einfluss auf das Klima hat. Wie gross dieser ist, sei dann aber noch eine andere Frage. Und Umweltmassnahmen in der kleinen Schweiz vermöchten eh nichts auszurichten, gemessen an den weltweiten Grossverschmutzern wie China oder die USA.

Solches Denken greift zu kurz. Da stiehlt sich der Mensch aus der Verantwortung und macht die Rechnung ohne die Natur. Denn dass der Wald so schnell nicht gestorben ist, ist nicht der Krone der Schöpfung zu verdanken. Dass der Wald noch immer lebt aber auch nicht.

Der Wald als Lebensgemeinschaft ist anpassungsfähig. Anpassungsfähiger als der Mensch allemal.
«Der Wald steht schwarz und schweiget» ...
Er hat Zeit. Wir weniger.

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