Kommentar «Chefsache»
Mehr Nationalwurst und Gelassenheit für unser Land

Den 1. August kräftig feiern? Oder über den gesellschaftlichen und politischen Zustand unserer Gesellschaft nach 17 Monaten Pandemie nachdenken? Am besten beides.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Jérôme Martinu, Chefredaktor
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Nach wie vor ein fester Bestandteil des Schweizer Nationalfeiertags: die Cervelat.

Nach wie vor ein fester Bestandteil des Schweizer Nationalfeiertags: die Cervelat.

Archivbild CH Media

Flaggen, Fähnli, Lampions. Nationalfeiertagsdeko dieser Art kennen wir seit einer gefühlten Ewigkeit. Inzwischen gibt es das rot-weiss-patriotische 1.-August-Material aber auch als Servietten, Pappteller, Becher, Luftballone, gekochte Eier, Gebäck, Papiertaschentücher, Mützen, Flip-Flops … und was weiss ich alles mehr. Es kann auch zu viel werden.

Es gab aber auch andere Zeiten, es ist gar noch nicht so lange her. Damals stiessen selbst scheue Zeichen von nach aussen gekehrtem Nationalstolz zum Geburtstag der Schweiz auf breites Naserümpfen, ja gar auf politisch motivierte, kategorische Ablehnung. Zum Glück sind wir in diesem Punkt heutzutage entspannter unterwegs. Und gegen eine freudige 1.-August-Feier mit Familie, Freunden, oder ganz offiziell auf dem Dorfplatz spricht rein gar nichts – im Gegenteil! Hurra-Patriotismus muss es ja nicht sein. Aber dem rot-weissen Grillfest steht ebenso wenig entgegen, wie einem herzhaften Biss in die Nationalwurst Cervelat.

Nach 17 Monaten Pandemie ist dieser 1. August aber auch eine gute Gelegenheit, um über ein paar Dinge nachzudenken, die sich in unserem Land alles andere als positiv entwickelt haben. Allen wird rasch klar sein, was gemeint ist: Dünnhäutigkeit, Angriffslust, Sturheit, Diskussionsverweigerung – wegen Covid haben sich Gräben aufgetan, die ganz und gar schädlich sind für unsere wertvolle Kultur der Kompromissfähigkeit. Intoleranz und Gleichgültigkeit machen sich inzwischen in einem Ausmass breit, dass man gar um die gesellschaftliche und politische Stabilität fürchten muss.

Wenn es uns nicht rasch gelingt, wieder konstruktiver und gelassener im Umgang miteinander zu werden, im eigenen Handeln den Blick auf das Gemeinwohl zu stärken, dann werden uns die negativen Folgen der Pandemie noch viel zu lange beschäftigen. Und weitere Schäden verursachen.

Ob Sie den 1. August nun als Anlass zum Nachdenken, zum Feiern oder für beides nehmen: Unserem Land alles Gute zum 730. Geburtstag – und Ihnen allen einen entspannten Nationalfeiertag!

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