Wochenkommentar
Isis-Hacker und warum es in Basel ein Gratis-WLAN braucht

Klar kann man Sicherheitslücken schliessen, doch absolut sichere Computer gibt es nicht. Matthias Zehnder über die Cyber-Angriffe auf den Fernsehsender TV5 und die Pfadi-Website.

Matthias Zehnder
Matthias Zehnder
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Von Hackern übernommen: Kanal TV5Monde. (Archiv)

Von Hackern übernommen: Kanal TV5Monde. (Archiv)

Am späten Mittwochabend wurden die Bildschirme des französischen Fernsehsenders TV5 plötzlich schwarz. 35 Millionen Menschen, die in 200 verschiedenen Ländern das Nachrichtenangebot aus Paris zu sehen pflegen, sahen nichts mehr: Kanal tot. In der Nacht fiel auch die Website des Fernsehsenders aus. Plötzlich stand da «Je suIS IS». Hacker hatten die Kontrolle über die Computer des Senders übernommen.

Wenig später in der Schweiz. Die Website der Pfadibewegung fällt aus. Statt Bilder von glücklichen Pfadfindern zeigt die Pfadiseite plötzlich Bilder von IS-Kämpfern. Offensichtlich ist auch die Website der Pfadi von IS-Hackern gekapert worden. Laut Meldungen haben dieselben Hacker auf der ganzen Welt Websites gekapert, darunter Internetangebote in Grossbritannien, Frankreich, Rumänien, Kanada und Brasilien.

TV5 und Pfadi gehackt – was ist da los? Zunächst: Die beiden Ereignisse hatten wohl nur den mutmasslichen Absender (oder besser: das «Werbesujet») gemeinsam. Bei TV5 handelt es sich um einen fast auf der ganzen Welt aktiven Nachrichtensender, der in islamistischen Kreisen schlecht ankommt, weil der Sender Nachrichten auf westliche Weise präsentiert. Der Cyber-Angriff auf den Sender hatte offenbar ein technisch hohes Niveau. Die Hacker konnten nicht bloss ein Internetangebot übernehmen, sondern auch den eigentlichen Sendebetrieb lahmlegen.

Der Angriff auf die Pfadiwebsite war dagegen eher harmlos: Offenbar haben Hacker automatisiert Websites auf der ganzen Welt angegriffen, welche dieselbe Sicherheitslücke aufwiesen, darunter laut «20 Minuten» sogar die Website des irischen Autistenverbands «Autism Ireland». Trotzdem ist es unheimlich, wenn der Krieg gegen Isis nicht mehr nur im fernen Syrien oder Irak stattfindet, sondern plötzlich auch im eigenen Wohnzimmer. Angriffe wie der auf TV5 können zudem auch gefährlich werden. Man stelle sich nur vor, die Hacker knacken nicht die Computer eines Fernsehsenders, sondern die eines Industriebetriebs oder eines Kraftwerks.

Freiheit und Sicherheit im Konflikt

Klar kann man Sicherheitslücken schliessen. Doch absolut sichere Computer gibt es nicht. Zumindest keine, die auch nützlich wären. Unter Sicherheitsfachleuten gilt: Wenn du einen wirklich sicheren Computer haben willst, dann kapp alle Leitungen und vergrab ihn im Garten. In Sachen Cyber-Sicherheit gilt: Freiheit und Sicherheit sind letztlich Gegensätze. Wenn wir einen absoluten Schutz der Freiheit anstreben, dann zerstört der Schutz das, was er schützen soll. Sie werden jetzt sagen: «Schon, aber in der Schweiz ging es ja nur um die Website der Pfadi. Ist das wirklich relevant?» Nein, die Website der Pfadi gehört nicht gerade zur landeswichtigen Infrastruktur.

Aber ob Pfadi oder autistische Irländer – zur Meinungsäusserungsfreiheit in der westlichen Gesellschaft gehört es, dass jeder seine Meinung frei äussern kann. Niemand sagt, was wichtig ist und was nicht. Die Meinungsäusserungsfreiheit ist nicht etwa eine lässliche Schaumkrone der Demokratie, es ist ihre wesentliche Säule. Und das Internet ist längst keine Spielerei mehr, sondern das Rückgrat unserer Kommunikation. Es ist kein Zufall, dass die Isis dieses Rückgrat angreift.

Vor lauter E-Shopping und Onlineunterhaltung verlieren wir die Wichtigkeit des Netzes aus den Augen. Wir sollten den Angriff der Isis als Weckruf nehmen: Jetzt erst recht. Eine Möglichkeit wär es, nicht nur für Touristen ein Gratis-WLAN in der Stadt Basel einzurichten. Grenzenlose Freiheit – wenigstens online.

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