Per Autostopp um die Welt (73)
«Hemmungslos in Seattle» – masturbieren im Lieferwagen

Diese Woche reist Thomas Schlittler auf seiner Autostopp-Weltreise von Vancouver (Kanada) nach Olympia (USA). Beim Autostoppen passiert etwas, das ihn schockiert – und sprachlos macht.

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Die Skyline von Vancouver_In der kanadischen Metropole habe ich fast eine Woche verbracht.
14 Bilder
Dann geht es mit der Fähre nach Victoria und von dort ebenfalls übers Wasser nach Seattle. Meine Bilder von Victoria sind leider verloren gegangen.
Deshalb geht die Bildergalerie direkt weiter mit Seattle.
Das Wahrzeichen der Stadt ist der Space-Needle-Tower.
Mir gefällt es aber am besten auf dem Markt.
Es ist noch so ein richter Markt, auf dem kleine, unabhängige Händler ihre Waren anbieten.
Und es gibt ganz viele kleine Läden, in denen man einfach alles findet_Second-Hand-Kleider und -Möbel, historische Münzen - oder Miniatur-Autos.
Einer der spannendsten, vielfältigsten Märkte, die ich je gesehen habe.
Interessant ist auch das Musikmuseum. Ich lerne unter anderem, dass 'Grunge' von Seattle aus die Welt eroberte. Die Band Nirvana wurde hier gross.
Auch der erste Starbucks wurde in Seattle eröffnet. Heute ist er eine Touristenattraktion. Übrigens_Amazon und Windows wurden ebenfalls in Seattle gegründet.
Per Autostopp um die Welt (73) – Bilder der Woche
Passiert ist mir aber nichts. Und so geht es mit John ins 100km entfernte Olympia, die Hauptstadt des Bundesstaats Washington.
John hat am Rande Olympias eine Ranch, auf der ich übernachten darf.
Ich schlafe in einer kleinen Holzhütte - direkt neben einem Rasenmäher.

Die Skyline von Vancouver_In der kanadischen Metropole habe ich fast eine Woche verbracht.

Thomas Schlittler

"Schlaflos in Seattle" – der extrem kitschige Liebesfilm mit Tom Hanks war bis vor kurzem das Einzige, was mir in den Sinn kam, wenn ich an die Metropole im äussersten Nordwesten der USA dachte. In den drei Tagen in Seattle habe ich dann erfahren, dass die Stadt die Band "Nirvana" sowie die weltbekannten Grosskonzerne Amazon, Microsoft und Starbucks hervorgebracht hat. Doch mittlerweile ist das auch schon wieder kalter Kaffee für mich. Wenn mich jetzt jemand nach Seattle fragt, habe ich viel – wie soll ich sagen? – Unterhaltsameres zu erzählen:

Ich stehe an einer Autobahneinfahrt mitten in Downtown Seattle. Ein Karton in meiner Hand verrät den vorbeifahrenden Autos mein Tagesziel: Olympia, die Hauptstadt des Bundestaats Washington, rund 100 Kilometer südlich von hier.

Nach etwa 15 Minuten, in denen die Autos beinahe im Sekundentakt an mir vorbeifahren, ertönt die Hupe eines Lieferwagens, der auf der anderen Strassenseite steht. Als ich herüberschaue, winkt mich der Fahrer zu sich heran. Ich packe meinen Rucksack, laufe über die Strasse und öffne die Türe auf der Beifahrerseite.

"Hallo, wie geht es dir?", fragt mich ein junger Afroamerikaner mit grossen, freundlichen Augen. "Mir geht es gut, aber es würde mir noch besser gehen, wenn mich jemand mitnehmen würde nach Olympia", antworte ich grinsend und deute auf mein Schild . "Du kannst mit mir bis nach Tacoma kommen. Das liegt auf halber Strecke nach Olympia. Allerdings muss ich zuerst noch auf eine Lieferung warten. Sie sollte in etwa 20 Minuten ankommen. Du kannst hier mit mir warten."

Ich zögere und weiss nicht, ob ich das Angebot annehmen soll. Nicht, dass mir der junge Mann irgendwie suspekt wäre – im Gegenteil, er wirkt äusserst sympathisch. Aber ich habe auf Hitchwiki, einem Onlineportal für Autostöppler, gelesen, dass es in Downtown Seattle einfacher sei, eine Mitfahrgelegenheit zu finden, als in Tacoma. Denn der Vorort hat eine höhere Kriminalitätsrate und deshalb einen schlechten Ruf.

Hitchwiki: Der Autostopp-Ratgeber rät vom Autostöppeln in Tacoma ab. Downtown Seattle sei der bessere Ort.

Hitchwiki: Der Autostopp-Ratgeber rät vom Autostöppeln in Tacoma ab. Downtown Seattle sei der bessere Ort.

Screenshot Hitchwiki

Ich entscheide mich für einen Kompromiss und sage: "Vielen Dank, ich komme gerne mit dir mit. Aber wäre es für dich in Ordnung, wenn ich weiterhin stöpple, bis deine Lieferung ankommt? Vielleicht nimmt mich in der Zwischenzeit ja jemand mit bis direkt nach Olympia." – "Klar, kein Problem", sagt mein Gegenüber. "Cool, danke!", erwidere ich. Dann reiche ich ihm die Hand: "Ich bin übrigens Tom." – "Patrick", stellt er sich ebenfalls vor.

Ich hieve den Rucksack wieder auf meinen Buckel und gehe zurück zu meinem Autostopp-Plätzchen. Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich die Einladung nicht vorbehaltlos angenommen habe. Als Tramper gehört es sich eigentlich nicht, Extrawünsche anzubringen. Während ich den Daumen in den Wind halte, schaue ich deshalb immer wieder hinüber zu Patrick und lächle ihn freundlich an – ich will nicht, dass er mich für einen Rosinenpicker hält.

Ein aufmunterndes Lächeln

Patrick erwidert meine Blicke jeweils mit einem scheuen, aufmunternden Lächeln, das ich als "viel Glück" interpretiere. Doch es hilft wenig, erneut fahren hunderte Autos an mir vorbei – scheinbar ohne auch nur in Betracht zu ziehen, mich mitzunehmen. So denke ich mir: "Ach, vergiss es. Es soll nicht sein. Patrick ist dein heutiges Autostopp-Schicksal. Es ist gemütlicher, bei ihm im Auto zu warten." Ohne meinen Fahrer in spe nochmals anzuschauen, laufe ich deshalb zurück zu seinem Lieferwagen.

Dort setze ich meinen Rucksack aufs Trottoir, öffne die Beifahrertür – und traue meinen Augen nicht: Patrick sitzt mit halb heruntergelassener Hose hinter dem Steuer und masturbiert! Mitten in Downtown Seattle! Um drei Uhr Nachmittags! Während hunderte Autos direkt neben seinem Lieferwagen vorbeifahren! Ganz zu schweigen von den vereinzelten Fussgängern, die auf dem Trottoir vorbeilaufen!

B_Als das Ganze passierte, hatte ich nicht den Nerv, ein Foto zu schiessen. Dank Google Maps kann ich euch den 'Tatort' aber trotzdem zeigen. Es hatte genauso viel Verkehr wie hier.

B_Als das Ganze passierte, hatte ich nicht den Nerv, ein Foto zu schiessen. Dank Google Maps kann ich euch den 'Tatort' aber trotzdem zeigen. Es hatte genauso viel Verkehr wie hier.

Screenshot Google Maps

Ich bin schockiert. Und sprachlos. Patrick nicht: "Oh, shit! Sorry!", bringt er noch hervor, während er schnell seine Hose heraufzieht. Er hat mich nicht kommen sehen. Während er hastig beginnt, an seinem Gürtel rumzuwerken, habe ich die Türe bereits wieder geschlossen und renne mit meinem Rucksack zurück auf die andere Strassenseite.
In meinem Kopf herrscht Tohuwabohu: Was war das denn? Hat er bereits masturbiert, als wir über die Strasse hinweg Blickkontakt hatten? Hat er mich gar als Wichsvorlage benutzt? Wäre ich in Gefahr gewesen, wenn ich mit ihm mitgefahren wäre? Hat er auch schon an sich rumgespielt, bevor er angeboten hat, mich mitzunehmen – und mir dann seine Hand gereicht?
Alles ekelhafte Vorstellungen. Ich überlege mir kurz, ob ich meinen Autostopp-Platz wechseln soll. Doch ich entscheide mich dagegen. Es ist es ein recht guter Ort und es würde wahrscheinlich Stunden dauern, hier in der Grossstadt einen gleichwertigen zu finden. Zudem denke ich mir: Wenn jemand weg muss, dann er.

Als ob nichts gewesen wäre

Doch Patrick bleibt in seinem Lieferwagen sitzen, als ob nichts gewesen wäre. Als ich aus den Augenwinkeln mal kurz herüberschiele, winkt er mich zu sich. Ich schüttle den Kopf und winke ab. Dann schaue ich minutenlang geradeaus. Als ich irgendwann wieder einen kurzen Blick riskiere, kann ich es fast nicht glauben: Er tut es schon wieder! Aber zumindest erkenne ich nun: Er blickt auf sein Smartphone und nicht zu mir.
Ein paar Minuten später hält ein Auto. John ist ein toller Typ, fährt mich direkt nach Olympia und lässt mich gar auf seiner Ranch übernachten. Als ich am Abend in meinem Schlafsack liege und das Erlebte Revue passieren lasse, muss ich grinsen: "Hemmungslos in Seattle" – da ist mir die Schnulze mit Tom Hanks doch deutlich lieber.

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