generisches Maskulinum
Es leben die Gärtnerinnen!

Der Duden sorgt für Aufregung, weil er das generische Maskulinum, das Frauen lediglich «mitmeint», abschafft.

Christoph Bopp
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Christoph Bopp

Christoph Bopp

Der Duden, das Empfehlwerk für deutsche Sprache, schafft in seiner Online-Ausgabe das generische Maskulinum ab. Bestimmte Wörter sollen auch das Geschlecht anzeigen. Schafft im Garten die Frau, ist eine Gärtnerin am Werk. Bisher galten die männlichen Formen als ­geschlechtsneutral, waren es aber offenbar nie. Man präzisiere die Bedeutung nur, sagte der Duden. Sprache soll inklusiver werden.

Wozu dient die Sprache? Komische Frage. Zum Sprechen natürlich. Die Antwort ist nur vordergründig flapsig. Schaut man genauer hin, wird es komplizierter. «Sprechen» ist Laute artikulieren, Wörter und Sätze bilden. Und warum tut man dies? Um jemand anderem etwas mitzuteilen. Etwas? Da haben wir schon den Störfaktor. Sprache dient immer der Verständigung über etwas. Nicht sprechen kann man. Kann man aber über nichts sprechen? Mit Worten ist das schwierig. Keine Sprache ohne Welt.

Seit langem wird genau über diese Frage ge­stritten. Sprache handelt von der Welt. Mit den Wörtern, welche die Sprache zur Verfügung stellt, unterhält man sich über die Welt. Die Welt kann sich den Wörtern nicht entziehen. Der Sprachwissenschafter Leo Weisgerber hat das in die Formel «Worten der Welt» gekleidet. Die Sprache, besonders die Mundart, schaffe «eine geistige Welt». (Kritiker nannten das allerdings «mother-tongue-fascism» und warnten davor.) Zu weit sollte man das nicht treiben. Auch wenn das Argument in aktuellen Mundart-Debatten hin und wieder auftaucht.

Weisgerber ist nicht allein. Ludwig Wittgenstein: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.» (Tractatus logico-philosophicus, Satz 5.6) Auch Wittgenstein spricht der Sprache eine Apriori-Funktion innerhalb der Weltanschauung zu. Vor jeder Erfahrung habe ich die Schubladen schon im Kopf. Die Sprache hat die Welt bereits organisiert. Manchen leuchtet das ein. Für sie ist schon das «Miöuchmeuchterli» Beweis. Welt genug.

Wem das angestaubt vorkommt, der hat recht. Aber das ist das Argumentationsmuster derjenigen, welche die neue Duden-Regelung vehement kritisieren. «Gärtner» bedeute jetzt nicht mehr: «Person, die sich im Garten betätigt»; sondern: «Männliche Person, die sich im Garten betätigt». Der Vorwurf, der Duden dekretiere da einen Bedeutungswechsel, beruft sich genau auf dieses Sprachverständnis, das nur «Person, welchen Geschlechts auch immer, die im Garten arbeitet» hinter dem Wort «Gärtner» sieht.

Gärtnerinnen gibt es schon bei Eichendorff (1788–1857). Wer liegt also hier falsch? Der Sprachdeterminismus? Tatsache ist, dass die deutsche als indoeuropäische Sprache die grundlegende Eigenschaft mitbekommen hat, dass grammatisches und biologisches ­Geschlecht nichts miteinander zu tun haben. Die Endung «*-er» in «Lehr-er» als Funktions­bezeichnung (lat. *-or) wäre von der Herkunft her wirklich geschlechtsneutral. Neutral gesagt: Es fehlt in dieser Sprache die Möglichkeit einer geschlechtersensiblen Bezeichnung der Funktionen. Deshalb musste an «Lehr-er» noch die Endung «*-in» angehängt werden, um klarzumachen, dass eine Frau gemeint ist.

Was wirklich stört, ist die Formulierung, «die weibliche Form sei mitgemeint». Das ist sie nicht. Dass sich Frauen «unterschlagen» fühlen, wenn sie mit einer vagen «Mitgemeintheit» beschwichtigt werden, ist nachvollziehbar. Dass das oft bei Berufen vorkommt, welche bis vor kurzem vor allem Männern vorbehalten waren, stimmt auch. Deshalb – Einfachheit hin oder her – soll man das deutlich machen, wenn auch die Umsetzung manchmal nicht ganz einfach ist.

Sprache und Welt – das Verhältnis ist nicht so einfach. Wie halten wir es mit absurd-falschen Formulierungen wie «Die Sonne geht auf, und der Mond geht unter.»? Den Sprachdeterminismus als Argument können wir getrost vergessen. Ob Sprache wirklich ein Apriori des Denkens ist, vielleicht ist das ja so. «Gärtnerinnen und Gärtner» sollen mich sensibilisieren? Brauche ich nicht. Rücksicht kann man auch ohne nehmen.