Kommentar
Geimpfte brauchen eine Perspektive

Wer sich impfen lässt, soll mehr Freiheiten erhalten. Denn die Menschen in der Schweiz brauchen eine Perspektive.

Bruno Knellwolf
Bruno Knellwolf
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Wer durch die Impfung keine Ansteckungsgefahr mehr darstellt, soll auch davon profitieren können. (Symbolbild)

Wer durch die Impfung keine Ansteckungsgefahr mehr darstellt, soll auch davon profitieren können. (Symbolbild)

Anthony Anex /
Keystone

Der Sohn eines Ostschweizer Altersheimbewohners beklagt das Schicksal seines betagten Vaters. Dieser hat sich bewusst der Impfung verweigert und sitzt nun im ansonsten durchgeimpften Altersheim alleine auf seinem Stühlchen, darf nicht zum Jass mit den anderen und hat auch bei den Besuchen mit Einschränkungen zu leben.

Doch was der Sohn als unlautere Bevorzugung der geimpften Bewohner bezeichnet, ist keine Privilegierung. Es ist eine Rückgabe der Grundrechte. Eine Erleichterung für jene, die sich dank moderner Medizin immunisieren haben lassen und somit für andere im Altersheim wohl keine Ansteckungsgefahr mehr darstellen. Denn was man aus wissenschaftlicher Sicht aufgrund der Erfahrung mit Impfmechanismen erwartet hat, bestätigt sich nun mehr und mehr. Die angewendeten Impfstoffe verhindern nicht nur eine Erkrankung an Sars-CoV-2, sondern auch eine Übertragung des Virus.

Der Impfplan ist auf Kurs: ein Hoffnungsschimmer

Wer durch die Impfung somit keine Ansteckungsgefahr im Pflegeheim mehr darstellt, soll auch davon profitieren können, zumal ja alle Bewohner die Möglichkeit für eine Immunisierung haben. Was jetzt, nachdem 300'000 Menschen in der Schweiz geimpft worden sind, kleinräumig in Heimen zur Debatte steht, wird uns bald auch grossflächig in der ganzen Schweiz beschäftigen.

Denn das Bundesamt für Gesundheit hat bestätigt, dass der nationale Impfplan auf Kurs ist und bis Ende Juni in der Schweiz alle geimpft werden, die das wollen. Das mag dem einen oder anderen Kantonsarzt, welcher für die letzte Meile des Impfstoffs verantwortlich ist, noch ein paar Sorgenfalten bereiten. Diese verbindliche Aussage ist aber immerhin mal ein Hoffnungsschimmer, auch wenn es im einen oder anderen Kanton doch noch ein bisschen länger bis zur Durchimpfung dauern sollte.

Denn die Menschen in der Schweiz brauchen Perspektiven. Sie sind der Fall-, Hospitalisations- und Todeszahlen müde. Sie interessiert nur noch, wann dieser Coronaschrecken vorbei ist. Das kann zwar kein Gesundheitspolitiker und Wissenschafter seriös beantworten. Diese müssen bei den Fakten bleiben, weil sich eine Pandemie nicht per Datum absagen lässt und das Virus nicht verschwinden wird. Es bleibt ihnen auch nichts anderes, als auf die steigenden Fallzahlen hinzuweisen und damit die Einhaltung der Massnahmen einzufordern.

Die guten Aussichten gehören jenen, die für die Impfung bereit sind

Doch sie können plausibel darstellen, dass es keine Alternative zur Impfung gibt, um Herdenimmunität zu erreichen. Sie müssen den Leuten klarmachen, warum sich das landesweite Impfen lohnt und wie es in der Schweiz im Sommer nach der Durchimpfung aussieht. Ob das Open Air im September oder noch früher ein Stadion-, Kino- oder Theaterbesuch im Bereich des Möglichen liegt. So wie das bereits in Ländern der Fall ist, welche ganze vorne in der Impfstatistik stehen. Israel ermöglicht mit einem Impfausweis wieder viele Aktivitäten. In den USA, wo ein Zehntel der Bevölkerung vollständig geimpft ist, dürfen sich Immunisierte wieder treffen, auch drinnen und ohne Maske. Besuche bei Nichtgeimpften sind erlaubt, wenn diese kein hohes Covid-19-Risiko aufweisen, und Geimpfte müssen generell nicht mehr in Quarantäne.

Dazu braucht es jetzt auch bei uns Aussagen, auch wenn sich vieles in den nächsten Monaten selbst regeln wird. Griechenland will ab Mitte Mai geimpfte Touristen wieder ins Land lassen. Fluggesellschaften werden Ungeimpfte vielleicht nicht mehr transportieren. So wie man ohne Gelbfieberimpfung nicht auf Safari gehen darf, könnten Landesgrenzen ohne Corona-Impfpass verschlossen bleiben. Auch private Veranstalter werden sich überlegen, wie sie immunisierten Menschen einen Zutritt ermöglichen, um ihre Existenz zu sichern. Es wird keinen Impfzwang geben. Wer darauf verzichtet, macht das bewusst. Die guten Aussichten gehören jenen, die für die Impfung bereit sind, und nicht jenen, die verzichten und nur darauf hoffen, irgendwann im Strom der Lockerungen mitschwimmen zu können.

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