De Schepper
Er gewann, weil er nicht einfach nachgab

Als Willi Ritschard starb, ging ein Schock durchs Land. Eine Woche später trat ich der SP bei.

Werner de Schepper
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Hier war er gern. Alt Bundesrat Otto Stich, aufgenommen am 6. Januar 2002 im Hotel Engel in Dornach.

Hier war er gern. Alt Bundesrat Otto Stich, aufgenommen am 6. Januar 2002 im Hotel Engel in Dornach.

Keystone

Als Otto Stich am Mittwoch, dem 7. Dezember 1983, von den Bürgerlichen zum Bundesrat gewählt wurde, gellten Pfiffe der Entrüstung durch die Aula der Kanti Olten. Wir Schüler verstanden die Welt nicht mehr, als er das Amt annahm: Ein Sozi, der die Wahl einer Frau in den Bundesrat verhinderte. Das konnte nur ein Reaktionär sein.

Helmut Hubacher, der damalige Parteipräsident, redet davon, als wäre es gestern passiert: «Nach der Wahl Stichs gab es ein Timeout im Fraktionszimmer. Es herrschte eisiges Schweigen. Niemand sagte auch nur ein Wort. Zwei Minuten lang. Dann sagte Fraktionspräsident Dario Robbiani: Eurem Schweigen entnehme ich, dass ihr mit der Wahl einverstanden seid.»

Die Stichfrage zerriss die Schweizer Sozialdemokratie. Der Sonderparteitag im Kursaal Bern war mit 1600 Delegierten und ebenso vielen Gästen der grösste Parteitag in der Geschichte der Partei. Die Stich-Gegner verloren noch einmal. Stich blieb im Bundesrat und die SP in der Regierung.

Kein Jahr später vertraute FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann Hubacher an. «Warum bloss haben wir nicht Uchtenhagen gewählt.»

Stich war anders. Ganz anders, als wir alle meinten. Seine Annahme der Wahl war kein Kniefall vor den Bürgerlichen, wie alle damals meinten, sondern Ausdruck seines eigenen Charakters. Und den hat er nie abgestreift. Er hatte immer den gleichen Diskurs. Und es trifft den Nagel auf den Kopf, wenn die damalige Fraktionspräsidentin Ursula Mauch zum Abschied aus dem Bundesrat sagte: «Otto, Du hast 12 Jahre lang immer das gleiche Referat gehalten: Wir müssen sparen, sparen, sparen.»

Otto Stich wurde je länger, je populärer. Wie ein Vereinskassier schaute er zu seinem Verein, der Schweiz. Nicht um den Reichen mehr zu geben, sondern um den Armen nichts wegzunehmen. Darum verstand sich der alte, durch den Zweiten Weltkrieg geprägte Sozialdemokrat Otto Stich auch bestens mit Hubachers Nachfolger Peter Bodenmann. «Erstens tickte Otto in der sozialen Frage immer richtig. Er hatte eine prägnante Buchhalterlogik: Schulden machen war für ihn unsozial, weil davon nur die Reichen profitieren. Zweitens war Stich der einzige SP-Bundesrat, den ich kenne, der zur Partei solidarisch war, auch wenn er nicht einverstanden war.» So zum Beispiel als ihm Bodenmann auf dem Weg zur TV-«Arena» sagte: «Du, ich werde heute Abend sagen, die Armee sei ein Trachtenverein. Ich muss das tun. Damit wir das Militärdepartement nie im Leben bekommen.» Stich, der die Armee im 2. Weltkrieg als rettend erlebte, fand die Argumentation des SP-Präsidenten zwar abstrus und war – so Bodenmann – «absolut nicht einverstanden, aber er sagte das nicht in der ‹Arena›, weil er taktischen Verstand hatte und der Partei nicht schaden wollte.»

Umgekehrt blieb er in seinen Themen ebenso stur. Er war gegen die EU, die SP dafür, gegen den Neat-Lötschberg-Ast, die SP dafür. Und auch die Bürgerlichen ärgerten sich mit jedem Tag mehr über «ihren» Bundesrat. Denn er war zwar ein liebevoller, sensibler Pfeifenraucher. Aber man konnte ihn nicht rauchen, wegdrücken. Nicht über ihn bestimmen. Nicht instrumentalisieren. Man konnte immer mit ihm reden. Er war eigensinnig und eigenständig. Hatte keine PR-Berater, keine Schutzwand von Sprechern und Abwieglern. Dafür sprach er mit allen selber, hatte immer einen Termin frei, wenn man ihn ansprach.

Genau darum war er der ideale und einzige Schweizer Bundesrat, der es mit Blocher locker aufnehmen konnte. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Seine heisere Fistelstimme war leise, erforderte angestrengtes Zuhören. Doch der laute Blocher konnte ihn nie aus der Ruhe bringen. Am Schluss war er so beliebt, dass er im Oktober 1995 Tausende nach Zürich zu einer Rede von ihm lockte – mehr Leute als Blocher am selben Tag versammeln konnte.

Ich war nur 2 Jahre in der SP, aber Menschen wie Stich haben dieser Partei mehr Parteilichkeit gegeben als all ihre Programme. Er hat gezeigt, dass man in der Schweizer Politik auch gewinnen kann, wenn man nicht nachgibt. Er war stur und hatte Statur. Sogar wenn er weinte, hat man es ihm abgenommen.

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