Kommentar
Eine Stadt lebt nicht nur von den Steuern

Die Dietiker «Sonnenhof»-Siedlung wird komplett neu gebaut. Allen Mietern wird gekündigt.

Bettina Hamilton-Irvine
Bettina Hamilton-Irvine
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Die Überbauung Sonnenhof der Reppisch-Werke Dietikon (RWD) stammt aus den 1950er-Jahren. Nun soll sie abgerissen und neu gebaut werden. Alle Mieter müssen raus. Die Ausnutzung wird massiv erhöht.

Die Überbauung Sonnenhof der Reppisch-Werke Dietikon (RWD) stammt aus den 1950er-Jahren. Nun soll sie abgerissen und neu gebaut werden. Alle Mieter müssen raus. Die Ausnutzung wird massiv erhöht.

BHI

Das Vorhaben passt genau in das Konzept des Dietiker Stadtrats: Die gesamte «Sonnenhof»-Überbauung soll abgerissen und neu gebaut werden. Betroffen sind 72 Wohnungen, die 1951 für die Arbeiter der Reppisch-Werke Dietikon (RWD) erstellt worden sind. Nun wollen die RWD, denen die Siedlung nach wie vor gehört, die kleinen und nicht mehr zeitgemässen Wohnungen mit grösseren, moderneren ersetzen. Das ist durchaus im Sinn des Stadtrats, der seit einigen Jahren versucht, Vermieter dazu zu bewegen, ihre älteren Liegenschaften zu sanieren oder erneuern, um so bessere Steuerzahler anzuziehen. Entsprechend erfreut ist er über die Pläne für den «Sonnenhof».

Weniger schön ist das Ganze für die Mieter. Einerseits werden viele von ihnen Schwierigkeiten haben, in Dietikon wieder eine Wohnung zu diesem Preis zu finden — aktuell zahlen sie bloss 1250 bis 1400 Franken für vier Zimmer. Andererseits wird auch eine Gemeinschaft auseinandergerissen: Viele der «Sonnenhof»-Mieter wohnen schon jahrzehntelang dort, man kennt sich, die Kinder gehen miteinander in die Schule.

So bedauerlich das ist: Man kann es dem Eigentümer nicht verübeln, dass er die seit 1986 nicht mehr sanierte Siedlung erneuern will. Für das neue Projekt spricht auch, dass es den Platz besser ausnützt — Stichwort Verdichtung — und energetisch viel besser abschneidet. Die Stadt sollte jedoch nicht nur auf die Erneuerung des Wohnungsbestands setzen, sondern gleichzeitig versuchen, den Bestand an günstigem, familienfreundlichem Wohnraum zu erhöhen — indem Wohnbaugenossenschaften noch stärker gefördert werden.

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