Motorrad-WM
Die vergessene Sensibilität der Töffhelden

Wo stehen die Schweizer Moto2-Fahrer Tom Lüthi und Dominique Aegerter bei WM-Hälfte? Für die Leistung wichtiger als das Material ist die Psyche der Sportler. Nur wenn diese stimmt, stimmt auch die Leistung

Klaus Zugg
Klaus Zugg
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Das Schweizer Töff-Duo Dominique Aegerter (links) und Tom Lüthi.

Das Schweizer Töff-Duo Dominique Aegerter (links) und Tom Lüthi.

Keystone

In der guten alten Zeit waren Ausreden für die Schweizer wohlfeil. Das einzige Hindernis auf dem Weg zum Ruhm war die Technik. Die Unterschiede zwischen den Höllenmaschinen waren ja erheblich, und nur ganz wenige Schweizer hatten die technischen Voraussetzungen, um Rennen zu gewinnen. Es war ein bisschen einfacher, Held zu sein.

Wenn wir jetzt vor dem GP von Holland in Assen erstmals Bilanz ziehen, hat die Technik nur noch untergeordnete Bedeutung. In der Moto2-WM haben alle den gleichen Töff. Die technischen Unterschiede sind minim.

In der zweitwichtigsten WM machen mehr denn je die weichen Faktoren den Unterschied: Die beinahe vergessene Sensibilität der Gladiatoren wird zum Mittelpunkt jeder Analyse, Psychologen, Freunde und Freundinnen können so wichtig sein wie Ingenieure. Bloss spricht in der Macho-Welt Töff kaum jemand darüber. Alle sind auf die Technik fixiert. Der Franzose Johann

Zarco dominiert auf einmal die Moto2-WM. Dahinter steckt kein technisches Wunder. Es ist etwas ganz anderes. Er hat sich im Winter endlich von seinem dominanten Manager emanzipiert, eine eigene Wohnung gesucht und eine Freundin gefunden. Alles Kopfsache.

Wir sind nun in Assen angelangt. Nach sieben Rennen ist ein erstes Urteil über unser Dream-Team mit Tom Lüthi (28) und Dominique Aegerter (24), über das interessanteste Experiment unserer Töffgeschichte, möglich. Zwei Siegfahrer sind im gleichen Team. Dominique Aegerter hat Monate gebraucht, um mit der Präsenz seines Idols im eigenen Team fertig zu werden.

Die fünf ersten Rennen waren die schwächsten seit seinem Einstieg in die Moto2-WM. Tom Lüthi war die klare Nummer eins im Team. Erst seit dem sechsten Rennen fährt Aegerter wieder auf Augenhöhe, und in Mugello führten die beiden vorübergehend das Rennen an: Zwei Schweizer auf dem beiden ersten Plätzen in einem Rennen der zweitwichtigsten Kategorie – das hatte es zuvor noch nie gegeben.

Cheftechniker Gilles Bigot hat nicht an Aegerters Feuerstuhl herumgedoktert. Die Wende hat nicht die Technik gebracht, sondern ein Trick. Ein bisschen Voodoo. Teamchef Fred Corminboeuf hatte die Probleme von Aegerter früh erkannt und seinem Fahrer schon im Winter ans Herz gelegt, mit einem Mentaltrainer zu arbeiten. Doch davon wollte Aegerter nichts wissen: Einem Rennfahrer fehlt es nicht im Kopf. Basta.

Damit sind wir beim Trick seines Chefs, der bei der Krisenlösung eine zentrale Rolle spielt. Mitte Mai hat Corminboeuf den Franzosen Frédéric Petit als sogenannten Riding Coach («Fahrlehrer») verpflichtet. Kein Wort von einem Mentaltrainer. Riding Coaches haben viele Piloten. Da fällt in der Macho-Welt Töff keinem ein Zacken aus der Krone. Der ehemalige Privatfahrer ist hier in Assen bereits zum vierten Mal vor Ort im Einsatz.

Es ist kaum Zufall, dass sich Dominique Aegerter seit der Zusammenarbeit mit dem Franzosen langsam seiner Bestform nähert. Petit sagt: «Eigentlich bin ich mehr Mentaltrainer. Aber diese Bezeichnung ist tabu. Keiner gibt zu, dass er Hilfe für den Kopf braucht.» Benötigt denn der coole Rock’n’Roller aus Rohrbach überhaupt psychologische Betreuung? «Ja. Dass er am Anfang der Saison so grosse Mühe hatte, und dass er in der zweiten Rennhälfte nach wie vor meistens zurückfällt, ist eine reine Kopfsache und hat nichts mit der Einstellung der Maschine zu tun. Dominique ist ja topfit. Aber er atmet nicht richtig, verkrampft sich und dadurch ermüden die Muskeln. Das führt dazu, dass er mit der Maschine statt mit den Gegnern kämpft. Er will zu viel und muss lernen, sich zu entspannen und ruhiger zu werden.»

Diese Probleme seien lösbar. Das sind doch gute Aussichten für einen, der letzte Saison einen GP gewonnen hat und diese Saison im vorletzten wieder auf dem Podest stand (3./Mugello).

Die Frage lautet nun: Wie wird Tom Lüthi reagieren, wenn sein Teamkollege konstant auf Augenhöhe fährt? Seit seinem Einstieg in den GP-Zirkus (2002) ist er noch nie dauerhaft von einem Schweizer herausgefordert worden. Er sagt, sein Selbstvertrauen sei intakt und das sei kein Problem. Aber in Mugello ist er an der Spitze fahrend gestürzt, in Barcelona reichte es noch zu Rang 6 und in Assen ist er nach dem ersten Trainingstag als

11. hinter Dominique Aegerter klassiert (7.). Arbeit für die Psychologen, nicht für die Techniker? Definitiv einen Psychologen braucht Randy Krummenacher (24). Er ist so talentiert wie Lüthi und Aegerter. Aber mental zerbrechlich wie ein billiges Plastikspielzeug. Er ist diese Saison noch nicht über einen 12. Platz hinausgekommen, nach dem ersten Trainingstag in Assen ist er 16. Die Uhr tickt: Gelingen ihm in den nächsten Rennen keine Spitzenresultate, dann ist seine GP-Karriere im Herbst zu Ende.

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