Wochenkommentar
Das selbstfahrende Auto wird sich durchsetzen

Disruptive Innovationen krempeln die Gesellschaft immer wieder um. Das selbstfahrende Auto ist eine von denen. Es wird kommen, das steht fest. Das ist keine Science-Fiction, sondern Fortschritt. Und zwar einer der praktischen Sorte.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Der Rinspeed Budii Konzept-Car ist ein selbstfahrendes Auto.

Der Rinspeed Budii Konzept-Car ist ein selbstfahrendes Auto.

Keystone

Kaum ein anderes Objekt fasziniert die Menschen so stark wie das Automobil. Rund 700 000 Besucher strömen in diesen Tagen an den 85. Genfer Autosalon. Dort gibt es die neusten Modelle zu bestaunen und zwei brisante Fragen zu erörtern: Welcher Antrieb wird sich durchsetzen? Und: Werden die Autos dereinst vollautomatisch fahren?

Die erste Antwort zeichnet sich ab: Es wird einen Mix geben aus Benzin, Diesel, Hybrid, rein elektrisch, Wasserstoff, je nach Einsatz des Autos. Die zweite Antwort ist schwieriger – und faszinierender.

Werden wir dereinst in unser Auto steigen, zurücklehnen und Zeitung lesen, während wir ins Büro gefahren werden? Knackpunkte gibt es viele:

  • Die Technik: Wie soll sich ein Auto automatisch bewegen zwischen all den unberechenbaren Fussgängern, Velofahrern und manuell gesteuerten Autos? Denn für separate Strassen haben wir weder Platz noch Geld. Und wie entscheidet ein selbstfahrendes Auto, wenn ein Kind vor die Motorhaube rennt: Überfahren? Oder ausweichen und in einen Baum prallen?
  • Die Versicherung: Wer bezahlt, wenn es zu einem Unfall kommt? Der Besitzer oder der Hersteller? Und was passiert bei einem Hackerangriff auf die Elektronik des selbstfahrenden Autos?
  • Der Mensch: Wollen wir uns überhaupt von einem Computer chauffieren lassen? Vertrauen wir ihm? Und macht es nicht schlicht zu viel Spass, selber zu fahren?

Die Fragen sind berechtigt. Und trotzdem werden sich die Skeptiker vermutlich irren. Innovationen lassen sich verzögern, aber nicht abwürgen. Als das Auto aufkam, prophezeiten viele, es werde sich niemals gegen die Kutsche durchsetzen, weil es schlicht nicht genügend qualifizierte Chauffeure gäbe ... Dass man ein Auto eines Tages ganz einfach selber steuern könnte, daran dachte niemand.

Der Mensch macht viel mehr Fehler als der Autopilot

Auch heute sind wir zu wenig visionär – und irrational. So meinen wir, wir hätten unser Auto im Griff, wenn wir selber fahren. Dabei werden mehr als 90 Prozent der Autounfälle durch menschliche Fehler verursacht. Der Computer ist viel zuverlässiger als der Mensch, siehe Luftverkehr: Wetten, ohne Autopilot gäbe es viel mehr Flugunfälle?

Auch die Anzahl Strassenverkehrsunfälle wird dank neuer Technik nochmals drastisch zurückgehen. Volvo-Entwicklungschef Peter Mertens sagte in Genf: «Wir
haben die Vision, dass dank selbstfahrender Wagen im Jahr 2020 niemand mehr in einem unserer Autos schwer verletzt oder gar getötet wird. Darum stecken wir so viel Energie in diese Technologie.»

Die Hersteller sind dem selbstfahrenden Auto schon viel näher, als uns bewusst ist. Viele Modelle verfügen bereits über automatische Abstandsmesser, Notbremssysteme, Lenk-Assistenten, Stop-and-go-Autopiloten für Stau – das alles sind Vorläufer zum selbstfahrenden Auto.

Das Google-Auto meistert sogar das Gewimmel im Stadtverkehr problemlos. Nevada, Florida und Kalifornien erlauben selbstfahrende Fahrzeuge, Schweden hat eine Teststrecke definiert, dasselbe plant Deutschland, denn Verkehrsminister Alexander Dobrindt sagt: «Das selbstfahrende Auto wird sich durchsetzen. Denn so können wir begrenzte Infrastruktur-Kapazitäten sehr viel effizienter nutzen.»

Das selbstfahrende Auto stellt manche Branche auf den Kopf

Vielleicht dauert es fünf, vielleicht zehn oder zwanzig Jahre – eines Tages wird das selbstfahrende Auto Normalität sein und manche Branche fundamental verändern: Taxi-, Lastwagen- und Bus-Chauffeure braucht es nicht mehr oder dann als Kundenbetreuer.

Versicherungen müssen ihr Geschäftsmodell ändern, wenn es kaum mehr Verkehrsunfälle gibt. Der öffentliche Verkehr muss seine Rolle neu definieren, wenn das selbstfahrende Auto ungleich attraktiver wird.

Die Autohersteller werden ihre Prioritäten ändern, weil zum Beispiel Motorenstärke keine Rolle mehr spielt und neue Interieurs gefragt sind. Verkehrsplaner sind unzählige Probleme los, weil selbstfahrende Autos die Kapazitäten unserer Strassen drastisch erhöhen.

Science-Fiction? Nein: Fortschritt.

Erschreckend? Nein: praktisch!

christian.dorer@azmedien.ch