Die Freitags-Kolumne
Bob Dylan, Leonard Cohen, Paul Simon und das gutmütige Billy

Irgendwie fühlt man sich als mündiger Sammler betrogen: Alle jene, die mit uns altern, geben gegenwärtig ihre Lebenswerk-Sammlungen raus. Wie handliche Grabsteine in Tönen. Während sie wohl kaum daran denken, die Klampfe in die Ecke zu stellen.

Max Dohner
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Leonard Cohen war letztes Jahr an der Reihe. Elf CDs steckten in seiner «Complete Studio-Albums»-Box. In diesen Tagen erscheint Paul Simons «Complete Album Collection» – fünfzehn CDs aus sechs Dekaden. Bob Dylan zieht nach im November; gemessen an seinem umfangreichen Werk zunächst mit einer Komplettsammlung «Volume 1». Eben wurde sein altes «Self Portrait», jenseits von Gut und Böse aufgepeppt, neu aufgelegt. Bei ihm grenzt das Merchandising mittlerweile an Total-Ausverkauf bis auf die letzte Tonkrume. Willie Nelson hat sein Monument – schmaler – bereits publiziert, desgleichen Gordon Lightfoot. Paul McCartney liefert «Deluxe Editions». Jimi Hendrix steht wieder auf. Von Eric Clapton («Give me Strength») erschien eine Fünf-CD-Box mit seinen Aufnahmen aus der Mitte der Siebzigerjahre. Und so weiter – die Liste ist noch längst nicht komplett.

Kein Zweifel: Die Granden der Popmusik wollen über den Tag hinaus bestehen (und in ihrem Rücken die Verwerter bei sinkendem Musikgeschäft nochmals kassieren). Dylan, Cohen, Simon ... – sie alle haben gegenüber den Tages-Heulsusen im Leerlauf des heutigen Marktes den Vorteil der langen Puste. Aus durchhalten wird «Legende». Zeit, musikalisch gebannt, wird zeitlos – das einzig klar messbare Kriterium für Qualität. Die bleichen Jungs und frechen Girls von heute sollen erst mal dreissig Jahre überhauen.

Doch wohin mit unserem sorgfältig ausgewählten Vinyl-Kanon? Was passiert mit unserer strengen CD-Selektion im langmütigen Billy-Regal? Alles Mittelmässige der Altmeister jetzt, dafür en bloc, neben ihre herausragenden Sachen stellen? Oder gar nichts mehr sammeln, nur noch bei Bedarf «herunterladen»? Ach, das vergangene halbe Jahrhundert räumt auf – als gäbe es kein neues.

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