Gastkolumne
Zwischen Weihnachten und Neujahr

Gastkolumne zu leeren Kirchenbänken und zum Fakt, dass der Staat zwar Strassen bauen kann, aber bei wichtigen Dingen trotzdem nicht mitreden kann.

Beat Frey*
Beat Frey*
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Leere Bänke in der Kirche - werden die Schweizer zu Religionsmuffeln? (Symbolbild)

Leere Bänke in der Kirche - werden die Schweizer zu Religionsmuffeln? (Symbolbild)

Hanspeter Bärtschi

Weihnachten 2015 gehört bereits wieder der Vergangenheit an. Die Kirchen waren auch dieses Jahr am Fest zu Ehren der Geburt Jesu gut gefüllt. Bald kehrt der Alltag ein und es werden am Sonntag wieder die leeren Kirchenbänke dominieren.

Die Anzahl der konfessionslosen Einwohnerinnen und Einwohner nahm in den letzten Jahren zulasten der drei Landeskirchen kontinuierlich zu. Werden wir Schweizerinnen und Schweizer je länger, je mehr zu Religionsmuffeln?

Es scheint mir bisweilen, das höchste der Gefühle sei es heute, sich selber zu verwirklichen, ohne auf den anderen angewiesen zu sein. Im Zug ist es manchmal so still wie an einer Beerdigung: Nur noch selten wird miteinander gesprochen, und auch das Telefonieren hat abgenommen.

Jeder ist mit seinem Gerätchen beschäftigt, meist sogar mit den Stöpseln in den Ohren. Will man auf einer Reise ein Erinnerungsfoto knipsen, muss man niemanden mehr fragen: Selfie-Stick sei Dank! Vereine und politische Parteien? Auch die sind out, man will sich heute nicht mehr binden.

In einem Gottesdienst kann man sich nur beschränkt selber verwirklichen. Gottesdienste finden in der Gemeinschaft statt. Vielleicht ist das ein Mitgrund für das schwindende Interesse.

Ich denke nicht, dass es auf ein nachlassendes Bedürfnis nach Antworten auf Glaubensfragen zurückzuführen ist. Die Suche nach Antworten auf das, was wir nicht mit naturwissenschaftlichen Gesetzmässigkeiten beantworten können, interessiert uns Menschen heute nicht weniger als früher. Was folgt auf das irdische Leben?

«Im Namen Gottes des Allmächtigen»: Mit diesen Worten beginnt unsere Bundesverfassung. Und die Verfassung des Kantons Solothurn bestimmt in Artikel 53: «Die römisch-katholische, die evangelisch-reformierte und die christkatholische Kirche sind als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt».

Diese Bestimmungen widerspiegeln das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft steht. Der Staat kann und soll zwar beispielsweise Strassen bauen, Schulen betreiben und dafür sorgen, dass niemand verhungert.

Wenn es aber um die wirklichen Brennpunkte im Leben geht – Geburt und Tod –, kann der Staat nur beschränkt unterstützen. Gefragt sind dann in vielen Fällen die Seelsorgerinnen und Seelsorger der Kirchen.

Ich meine, es wäre nicht verfehlt, trotz der Verlockung zur absoluten Selbstverwirklichung, wenn wir uns im Sinne der erwähnten Verfassungsbestimmungen wieder vermehrt – und nicht nur an den Brennpunkten des Lebens – mit religiösen Fragen beschäftigen würden.

Gefordert sind aber auch die Kirchen, die althergebrachte Strukturen und Abläufe ändern müssen. Wenn wir in unserem eigenen Glauben wieder etwas vertrauter sind, erleichtert uns das vielleicht auch den Umgang mit der Unsicherheit, die uns zurzeit der Islam bereitet.

Es erleichtert uns den Entscheid, wo wir den Islam – wegen Unvereinbarkeit mit unseren freiheitlichen Grundsätzen – ausgrenzen und wo wir ihn tolerieren sollen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für das neue Jahr 2016 viel Glück, Gesundheit und Gottes Segen.

Der Autor ist Oberrichter und Gemeindepräsident von Wangen b. Olten.