Kolumne
Zen und Zoten

Kolumne über die flächendeckende Verharmlosung, siehe Fasnacht, siehe Fastenzeit.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
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Das Leben bleibt eine Party, es soll Spass machen, unbedingt, aber nicht um jeden Preis, am besten zu gar keinem Preis.

Das Leben bleibt eine Party, es soll Spass machen, unbedingt, aber nicht um jeden Preis, am besten zu gar keinem Preis.

Roland Schmid

Wie die alte Fasnacht kommt das jetzt daher, ich weiss, kann aber nichts dafür, bin erst heute wieder an der Reihe hier. Was ich zur Fasnacht anmerken wollte, kann man ebenso gut zur Fastenzeit sagen, in der wir grad stecken: dass wir keine Mühen scheuen, unser Leben flächendeckend zu verharmlosen.

Mit Gott und Teufel war Fasnacht vitaler, total ausgelassen. Ein paar Tage war alles ausser Kraft, was ab Aschermittwoch wieder galt. Heute bleibt all das in Kraft. Der Narr muss sich prüfen, ob er mit seiner Verkleidung, mit Gesten und Worten jemanden verletzen könnte.

«Könnte» reicht für Reklamation. Toleriert wird nur noch Lustigkeit mit approbierter Verkehrstauglichkeit, «vernünftiger Frohsinn», wie Bambergs Bischof Schick formuliert. Der unvernünftige Frohsinn nämlich, also vermutlich Peach Webers subversiver Witz, könne leicht jemandem in den falschen Hals geraten, zur verletzenden Waffe werden und ganz viel Schaden anrichten.

Klar, so war es auch stets gemeint. Humor, die Paradewaffe, vor allem gegen eingebildete Popanzen und andere Idioten. Das gilt jetzt als ruchlos, also müssen Spassvögel vor der Vernunft antraben, bevor sie ihre Pfeile abschiessen, noch besser vor dem Tribunal, das heute die Vernunft zu vertreten sich anmasst: dem Online-Hühnerhof mit seinem korrekten Gegacker und Geflatter. Das Urteil heisst «vernünftiger Frohsinn», das schmeckt nach Verkuppelung von Ratio und Rausch, von Zen und Zoten, von Korrektheit und Subversion, von Konventionsdruck und Druckausgleich – ein Doppelbett, auf dem beide austrocknen, die Vernunft wie der Humor, sie geben ihren Geist auf in der Einheitssauce der Harmlosigkeit ...

Die Fastenzeit richten wir ähnlich zugrunde. Auf die (nicht passierte) Ekstase der Fasnacht folgt nicht Askese, sondern eingemittete Mässigung (wie an der Fasnacht). Ich hörte einem Kirchenmann zu, wie er dem Fasten den letzten spirituellen Zahn zog, nein, sagte er, man müsse nicht wirklich verzichten, es genüge, sich zu bescheiden, was im Übrigen schwer gesund und nur vernünftig sei, alle Ernährungsfachleute bestätigten das usw. Religion sozusagen als Erfüllungsgehilfin des Bundesamtes für Gesundheit, hundertprozentig auf der Schmalspur des Zeitgeistes.

Zum Kolumnisten

Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch heisst «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».

Der empfiehlt an allen Ecken «Genuss mit Mass», die perfekte Einigung von Ekstase und Askese. Keine Übertreibung, kein Verzicht – «Genuss mit Mass: Das Leben bleibt eine Party, es soll Spass machen, unbedingt, aber nicht um jeden Preis, am besten zu gar keinem Preis. Also geniesst mit Mass, achtet stets darauf, dass ihr zeitig schlafen geht, dass die Leber gesund ist und ihr bis ins hohe Alter fit bleibt. Motto: Besser locker geniessen als verkrampft verzichten. Wer Spass hat, bleibt gesund – und hat keinen Grund, sich wie ein aggressives Mistvieh aufzuführen.

Plausibel. Höchstens eine Spur zu schlau.

Zwar gehört Dosierung zur Kunst zu geniessen. Der Genuss selbst aber will Masslosigkeit. Feinschmecker mögen sich noch die Kosten-Nutzen-Frage stellen. Lebenshungrige interessiert sie nur zwischendurch. Sie wollen das Leben verschlingen, nicht unbeschadet über die Runde kommen. Sie verlieren sich an Leidenschaften, egal, wenn die hübsch austarierte Balance von Sinnlichkeit und Vernunft durcheinandergerät. Leidenschaft ist nicht ein Diener, der das Ich mit massvollen Genussrationen in ebenso mässige Zufriedenheit bringt. Leidenschaft ist die Sehnsucht, sein Ich zu verpulvern, zu poetisieren, ins Masslose zu treiben, sich zu vergessen, über seine tagtäglichen Routinen hinauszuspringen. Prosaisch gesagt: mal aus der
Rolle zu fallen – auch ohne Sicherheitsnetze. Sich nicht permanent im Griff zu haben. Auf das disziplinarische Regime des Alltags zu pfeifen. Über die Schnur zu hauen. Sündigen, aber richtig.

Das Sündigen stammt von Margarete Mitscherlich, der grossen alten Dame der deutschen Psychoanalyse. Als sie 92 wurde, sagte sie: «Das Einzige, das ich bedaure, ist, zu wenig gesündigt zu haben.» Mit «sündigen» meinte sie «sich verlieren» in den Regionen des Unbekannten. Das leistet der leidenschaftliche, nicht der gemässigte Geniesser. Er riskiert ein ekstatisches Intermezzo, vielleicht aus Angst vor der fliehenden Zeit, jedenfalls ohne Selbsterhaltungskalkül. Verschwender verschwenden nicht dies oder jenes, sie verbrauchen nicht masslos Dinge und Ressourcen. Sie verschwenden sich, ihre Zeit, ihre Energie, ihre Fantasie. Sie verschwenden ihr Leben an eine grosse Sache.

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